Reisebericht

Cabrera – Insel wie aus einem Piraten-Film

Cabrera, so heißt die kleinste Balearen-Insel vor Mallorca - verlockend geheimnisvoll. Ein Paradies für seltene Tiere und Pflanzen. Per Segelschiff zu einer Insel, die kaum jemand kennt.

Eiland vor Mallorca

Cabrea, Insel vor der Küste Mallorcas. Um dort zu sein, braucht man eine Sondergenehmigung. Denn Cabrera, einst militärisches Sperrgebiet, ist ein Naturpark. Es gibt kaum Menschen auf der Insel, dafür aber unberührte Strände, seltene Tiere und Pflanzen, dazu das glasklare Meer. Unberührte Natur also. „Es ist, als sei man der erste Mensch, der die Insel betritt!“, schwärmt unser Reporter Richard Lawson. Er hat Cabrera per Segelschiff für IbizaHEUTE besucht.


Ich kenne Ibiza, Formentera, auch ein bisschen Mallorca und Menorca, doch von Cabrera, der fünften und kleinsten Balearen-Insel, hatte ich noch nie etwas gehört. Bis mir mein Freund Richard von dieser geheimnisvollen Insel vorschwärmte. Sie müssen wissen, Richard ist Kapitän eines schönen Segelschiffes. Er kennt jede Ecke des westlichen Mittelmeers. Nach dem dritten Bier in der Hafenkneipe und den immer fantasievolleren Schwärmereien von Seebär Richard war klar: Die Insel muss ich sehen! Wir machen einen Trip dorthin, der bei Seeleuten natürlich Segel-Törn heißt. Am Montagmorgen soll es losgehen. Startpunkt: der Hafen von Santa Eulària. Aber der Montag beginnt mit nervösem Warten. Denn unser Kapitän, oder lässig „Skipper“ genannt, wartet noch auf die Erlaubnis, die Insel anlaufen zu können. Und endlich spuckt unser Fax die offizielle Genehmigung aus. Gut sieht sie aus, versehen mit vielen schönen Stempeln. Unser Abenteuer Cabrera kann beginnen …Nur wenige Stunden später laufen wir auch schon aus, rammen dabei fast das Nachbarboot, und ein Gedanke geht mir durch den Kopf: „Weiß unser Skipper wirklich, was er tut?“

Da er weitaus größer und auch stärker ist als ich, halte ich besser meinen Mund. Eine kluge Entscheidung, wie sich herausstellt, denn dieses spezielle Manöver – „springing off“ genannt – war offensichtlich perfekt ausgeführt. Wir segeln Richtung Tagomago. Der Wind pfeift durch die Wanten. Richard nimmt Kurs Steuerbord, das Schiff legt sich zur Seite, der Bug schneidet die Wellen. Nachdem ich schon abgemahnt wurde, weil ich das Boot mit Latschen betreten und einen dicken fetten Fußabdruck auf den Sitzpolstern im Cockpit hinterlassen und eh keine Ahnung vom Segeln habe, will ich mich eigentlich gerade in die Kajüte verziehen. Doch just in diesem Moment kommt Richard auf die Idee, uns zu „Wachposten“ zu erklären. Was bedeutet, dass wir abwechselnd den Horizont nach anderen Booten absuchen. Eine besonders wichtige Aufgabe, wie er – mit Hinweis auf die drohenden Gefahren – unterstreicht. Denn bei der Geschwindigkeit, mit der Wind und Wellen uns vorantreiben, könnten wir von einer Schnellfähre, die am Horizont auftaucht, innerhalb von fünf Minuten zermalmt werden, sollten wir uns im Gespräch vertiefen oder im Anblick der vorbeiziehenden Wellen verlieren.

Trotz der drohenden Gefahren, legt sich Richard aufs Ohr und überlässt uns unserem Schicksal. Anderthalb Stunden später sichten wir eine Insel, etwa dort, wo wir Mallorca vermutet hätten. Und plötzlich hören wir Stimmen. Was tun? Unseren Skipper wecken? Oder selbst zu Helden werden, in dem wir Laien zur Rettung eines Schiffbrüchigen aufbrechen? Doch da hat sich die schwerwiegende Entscheidung auch schon von selbst erledigt – als einer von uns bemerkt, dass die Stimmen nur aus dem Bordfunk kommen, der in schwacher Lautstärke zu hören ist.Da kriecht auch unser Kapitän aus seiner Koje – und zum Glück sind weit und breit keine Boote in Sicht. Hatten wir doch vor lauter Stimmen unsere eigentliche Beobachtungs-Aufgabe ganz vergessen. Unser Skipper verkündet mit fachmännischer Miene, dass sich der Wind drehen und uns genau in Mallorcas nördlichen Hafen von Andratx bringen würde. Sollten wir den Breitengrad 39º 30' jedoch verpassen, würden wir den Motor, genannt „Jockel” anwerfen, um genau in den besagten Hafen einzulaufen, so sein Plan. Eine Stunde verstreicht, zwei Stunden ... bis wir genau an jenem Breitengrad angekommen sind – und innerhalb von Sekunden macht der Wind, was Richard vorausgesagt hat: Er dreht. Und wir müssen eingestehen: Unser Skipper ist ein Genie!

Bei Sonnenuntergang laufen wir unter vollen Segeln in Andratx ein und ankern über Nacht. Ein fantastischer Tag neigt sich seinem Ende entgegen. Ein Tag, den wir faul in der Sonne lagen, Wind, Wellen und das Meer genossen haben. Und trotzdem sind wir so müde wie nach einem Berlin-Marathon – Segeln ist irgendwie doch anstrengend. Doch der Adrenalinschub der Reise hält uns noch bis zwei Uhr morgens wach, der Tag war einfach zu besonders, um schnell ins Bett zu gehen. Wir sitzen auf dem Boot, schauen in den Sternenhimmel...

Morgens um sieben werden wir vom Motorenlärm geweckt. Richard führt uns in das Leben der Seeleute ein, für die der Tag bei Sonnenaufgang beginnt und erst mit Sonnenuntergang endet. Später erkennen wir, dass alles seinen guten Grund hat. Es gibt in den Gewässern der Inseln verschiedene Winde zu verschiedenen Tageszeiten, die Wetterfrösche immer wieder verwirren. Da heißt es, den Wind auszunutzen!

An diesem Morgen sind wir bei einem unerwarteten Westwind aufgewacht, der über Nacht aufgekommen ist. Das ist perfekt für den Törn nach Palma. Also Segel hoch, Anker hoch! Der Wind begleitet uns den ganzen Weg hinunter bis in die Bucht von Palma. Zur Mittagszeit erreichen wir den Hafen von Palma und finden den perfekten Ankerplatz in unmittelbarer Nähe der imposanten Kathedrale.
Es ist heiß, und beim Besuch der kühlen Kathedrale fühlen wir uns wie in einer Oase des Friedens. Diesen Frieden hatten die Bauherren der Kathedrale zweifelsohne im Kopf, als sie vor 700 Jahren mit den Arbeiten begannen. Nach der Kathedrale geht es in die mittelalterlichen Stra��en rund um die Kirche. Am Ende landen wir in einem kleinen Straßencafé und schreiben unsere Ansichtskarten. „So ein Törn ist toll!“, schreibe ich, um die Kollegen neidisch zu machen. Am nächsten Morgen sind die Wetteraussichten schlecht. Starkwind ist angesagt – natürlich genau aus der Richtung, in die wir wollen. Skipper Richard sagt, dass ich wahrscheinlich die tägliche Fähre von der anderen Seite Mallorcas nehmen muss, wenn ich wirklich Cabrera erleben will. Wir warten auf den aktuellen Wetterbericht des Hafenbüros, und ich kaue vor Nervosität auf meinen Fingernägeln. Der Wetterbericht zeigt eine k Landkarte Spaniens, die aussieht, als habe man eine Handvoll kleiner Flaggen auf ihr ausgestreut. Ich komme damit nicht klar. Aber unser Skipper wirkt zufrieden. Der Wettergott ist uns scheinbar gnädig.

„Windstärke nimmt ab, Wind dreht so, dass wir hinkommen. Also los!“, verkündet Richard. Mit vollen Segeln geht es aus der Bucht von Palma. Der Himmel ist bedeckt – vollkommen untypisch für einen Sommer auf den Balearen. Es regnet sogar ein wenig, was schade ist, denn gerade habe ich das strahlend weiße Deck unserer Yacht von den Spuren des letzten Staubregens befreit. Und dann spielt der Wind mit uns! Mal ist er ganz weg, und wir holen die Segel runter, werfen den Motor an. Sofort kommt wieder Wind auf, und wir setzen die Segel erneut, stellen den Motor ab. So geht es pausenlos. Das nervt! Aber irgendwie erreichen wir unser Ziel. Jetzt muss ich meinen Job tun und die Insel-Expedition führen. So habe ich es in meinem Leichtsinn versprochen. Das Archipel Cabrera liegt 20 Kilometer südlich von Mallorca, 1991 wurde es zum Naturpark erklärt. Aus diesem Grund ist das Betreten der Insel nur mit spezieller Genehmigung erlaubt. Die Insel verfügt nicht einmal über einen Hafen. Es gibt nur einige kurze Stege, die von heimischen Fischern und Fähren benutzt werden. Ankern ist verboten. Und nur 50 schwimmende Festmacher-Bojen gibt es, die im Voraus gebucht werden müssen.Gerade mal fünf Kilometer breit, ist Cabrera dennoch die fünftgrößte Insel der Balearengruppe – und sie ist einzigartig. Reste uralter Gebäude, Münzen und Keramik wurden hier gefunden, die darauf schließen lassen, dass die Insel in prähistorischer Zeit bewohnt war. Die Burg, die die Anker-Bucht beherrscht, geht in die Piratenzeit des 14. Jahrhunderts zurück. Während des Krieges auf dem Festland Anfang des 19. Jahrhunderts wurden hier 9000 französische Gefangene interniert. Zwei Drittel von ihnen verhungerten und verdursteten. Vor dem ersten Weltkrieg übernahm die spanische Regierung die Privatinsel, um zu verhindern, dass sie in Feindeshände fällt. Es gibt immer noch einen kleinen militärischen Stützpunkt, ansonsten sind in der Umgebung nur einige Fischer in ihren traditionellen Fischerbooten, den Llaüts, anzutreffen.

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