Michel Houellebecq: Europa steht vor dem Selbstmord

Alexis de Tocqueville - Bildquelle: http://tocquevillefoundation.org/Alexis de Tocqueville - Bildquelle: http://tocquevillefoundation.org/

Am 26.09.2016 hat der französische Schriftsteller Michel Houellebecq in Berlin den Frank-Schirrmacher-Preis erhalten. In seiner Dankesrede ging er der Frage nach: Wenn der Islam eine religiöse Macht ist – was sind dann wir?

Ein Auszug aus dem Originalartikel – lesenswert, unbedingt lesenswert!

… Aber bevor ich weiter über Philippe Muray spreche, möchte ich Ihnen eine berühmte Stelle von Tocqueville vorlesen, denn es ist immer ein Vergnügen, so viel Intelligenz gepaart zu sehen mit einer solchen stilistischen Eleganz.

„Ich will mir vorstellen, unter welchen neuen Merkmalen der Despotismus in der Welt auftreten könnte: Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen. Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller andern fremd gegenüber: Seine Kinder und seine persönlichen Freunde verkörpern für ihn das ganze Menschengeschlecht; was die übrigen Mitbürger angeht, so steht er neben ihnen, aber er sieht sie nicht; er berührt sie, und er fühlt sie nicht; er ist nur in sich und für sich allein vorhanden, und bleibt ihm noch eine Familie, so kann man zumindest sagen, dass er kein Vaterland mehr hat.

Über diesen erhebt sich eine gewaltige bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen. Sie ist unumschränkt, ins Einzelne gehend, regelmäßig, vorsorglich und mild. Sie wäre der väterlichen Gewalt gleich, wenn sie wie diese das Ziel verfolgte, die Menschen auf das reife Alter vorzubereiten; statt dessen aber sucht sie bloß, sie unwiderruflich im Zustand der Kindheit festzuhalten; es ist ihr recht, dass die Bürger sich vergnügen, vorausgesetzt, dass sie nichts anderes im Sinne haben, als sich zu belustigen. Sie arbeitet gerne für deren Wohl; sie will aber dessen alleiniger Betreuer und einziger Richter sein; sie sorgt für ihre Sicherheit, ermisst und sichert ihren Bedarf, erleichtert ihre Vergnügungen, führt ihre wichtigsten Geschäfte, lenkt ihre Industrie, ordnet ihre Erbschaften, teilt ihren Nachlass; könnte sie ihnen nicht auch die Sorge des Nachdenkens und die Mühe des Lebens ganz abnehmen?“

(In meiner Diktion: Die Wesen wollen möglichst viel Tier bleiben, sich nur den niederen Bedürfnissen und Vergnügungen widmen. Kosumieren, unendlich und immerfort konsumieren. Die ganze Welt soll zu einem einzigen gigantischen Kosumartikel mutieren. Sie verweigern sich selbst der Menschwerdung. Sie wollen Kind, Knecht und Sklave bleiben. Glückliche Kinder, Knechte und Sklaven. Die totale Infanitilisierung und Menschwerdungsverweigerung!) …

Das wurde 1840 veröffentlicht … Das ist schwindelerregend.

Der Originalartikel hier