PecuniaOlet

"Begrabt mein Herz an der Windung des Flusses"

Begradigt man einen Fluss, nimmt man ihm seine Individualität, beraubt ihn seiner Möglichkeiten, Seiten- und Nebenarme zu bilden, eine entsprechend lebendige und vielfältige Flora und Fauna hervorzubringen, sein Bett durch die harmonisierenden Kräfte des Wassers und der Erde selbst zu graben, und im Wechsel der Landschaften seine mannigfaltigen Eigenarten zu entfalten. Wasser fließt, murmelt und flüstert, strömt und fällt, wogt und wütet, reißt und rauscht, gluckst, platscht, plätschert und klatscht, tröpfelt und sickert, wallt und wogt.. je nach Landschaft, Umgebung und Wahrnehmung. Für die "Alten" war ein Fluss daher ein lebendiges, beseeltes Wesen mit eigenem Charakter, wie die gesamte Erde auch.

Ein Fluss ist eine Allegorie für das Leben, denn auch dieses führt im Wechsel über ruhige und murmelnde, sanfte Wasser zu  gefährlichen Untiefen, Stromschnellen und (mit)reißenden, tobenden Wassern, bis es schließlich im Ozean mündet,  einen anderen Aggregatzustand annimmt, und der Kreislauf wieder seinen Anfang nimmt.

Flüssen gleich, werden auch Menschen "begradigt", ge- und verbogen und den Entfaltungen ihrer wahren Kräfte und Möglichkeiten beraubt.

Einen Fluss begradigt man, um ihn der Zweckmäßigkeit menschlichen Geistes anzupassen, seine reinen gestalterischen Kräfte zu Ungunsten einzigartiger Entfaltung und schöpferischen Strebens auszubeuten, und ihn um schnöder Nützlichkeit willen seiner individuellen Seele und natürlicher Gestaltungskraft zu berauben.

Desgleichen beim Menschen. Von frühester Kindheit an wird er im Sinne des Nutzens und des reinen Zweckes zurechtgebogen, ver-bogen, zurechtgestutzt, beschnitten und angepasst, bis er sein eigentliches Mensch-Sein vergessen hat. Seine Möglichkeiten spielerischer Entfaltung werden ihm genommen, fruchtbare "Nebenarme" ausgetrocknet oder erst gar nicht zur Entfaltung gebracht.

Indessen verschwinden unterdrückte, schöpferische Kräfte und unterdrückte, missbrauchte Natur nicht einfach im Nichts oder "sublimieren" zu höheren "Werten". Irgendwann brechen sie aus ihrem Gefängnis, sprengen die Dämme, und machen in Pervertierung ihres ursprünglichen Sinnes mit zerstörerischer Kraft von ihrem Recht auf Dasein Gebrauch. Unterdrückte Natur des Menschen re-agiert analog.

Ich träumte als Jugendlicher einmal von einer gewaltig schönen und harmonischen, ursprünglichen Flusslandschaft, in der alle Kräfte im Einklang waren. Dieser Traum hallt noch heute in mir nach, denn der Eindruck war überwältigend und wirklicher als jede Realität. Und man wundert sich dann schon über die Natur solcher (leider höchst seltenen) Träume, deren gewaltigen Eindruck man selbst bei höchster Phantasiebegabung im Wachzustand niemals hervorbringen, geschweige denn zeichnerisch und akustisch wiederzugeben oder zu beschreiben in der Lage wäre.

Ich bin fest davon überzeugt, dass es auch eine menschliche "Urlandschaft" gibt, die irgendwann aus dem Gleichgewicht gebracht wurde, und deren Wiedererlangen letzten Endes unser aller Ziel ist: Eine Harmonisierung aller Kräfte (eigentlich "Wesen") menschlicher und äußerer Natur.

Ich weiß nicht, was der Sinn des "Alten" Willenswüterichs JHWH ("ich bin") war, das "Gesetz" zu geben und zu befehlen, sich die Erde (und damit auch die eigene, innewohnende Natur) zu versklaven, wie ich mich frage, was der Sinn indoeuropäischer Religionen (Buddhismus, Hinduismus, Jainismus, Zoroastrismus etc) sein soll, die eigene Natur zu unterwerfen. Waren es lediglich Reaktionen auf ökonomische Verhältnisse, Klassenunterschiede und Versklavung? Machtinstrumente? Warum wünscht man sich das leere und reine, antriebslose und unbewegte Bewusstsein eines somit "entseelten" Geistes (Nirvana), bzw. eine Trennung zweier gegensätzlicher, dualistischer Prinzipien als Erlösung, und nicht einen Zustand vollkommener Harmonie beider "Elemente"? Der "Geist" bzw. das Bewusstsein (sanskr. "Purusha") stand hier Natur und Seele("Pra-kriti" -vor(her) Gemachtes), deren äußere Erscheinungen Körper und Materie darstellen, als völlig wesensfremd gegenüber, was als Ursache des Leidens dargestellt wurde. Man sah offenbar keine Chance auf Harmonie. Analog: Mann und Frau. (Entweder Unterwerfung oder Trennung). Allerdings waren das alles schon "zivilisatorische" Philosophien, bei denen bereits eine gewisse "Lebenssättigung" bzw. Überdruss zum Ausdruck kam.

Oder war der erwachende Geist und die daraus resultierenden Verwerfungen notwendig, um aus dem Spannungsfeld disharmonischer und aus den Fugen geratener Kräfte irgendwann eine Natur "höherer Ordnung" zu schaffen, in der Seele und Geist harmonieren und die (Erlösungs)Religionen als Ausdruck der Spannung dann wieder verschwinden? Dies zu wissen, würde mir vollkommen genügen. Wir wollen das "wissen", weil wir als Opfer des "Geistes" das "Schauen" verlernt haben. Aber eigentlich sollte ich nicht von "Wir" sprechen. Die meisten meiner Zeitgenossen interessiert das erfahrungsgemäß absolut nicht.

Vielleicht sollte mein damaliger Traum mir mittels "Schauen" etwas vermitteln, was mit "Wissen" nicht vermittelbar werden kann. Das Wichtigste kam der Menschheit schon seit langem abhanden.