PecuniaOlet

Einmal Tod und zurück?

Es ist im Grunde erstaunlich, dass wir uns noch vor dem Tode fürchten, die wir schon so oft gestorben sind und noch sterben.

Der Mann stirbt im Greis, der Jugendliche im Mann, das Kind im Jugendlichen, der Säugling im Kind.

Der Augenblick stirbt im Moment, das Gestern im Heute und das Heute im Morgen.

Keiner bleibt auch nur einen Moment beharren. Ein ständiger Austausch von Materie unter nicht einmal Beibehaltung der Form, sondern allmählicher Veränderung derselben.

Was hat der an Demenz leidende Greis noch mit dem einstigen, vor Kraft strotzenden und von Zukunftsplänen und Erwartung bebenden, leidenschaftlichen jungen Mann gemein?

„Der Weg zum Leben geht durch den Tod des Ich, und so ist denn für jedes geistige Wesen das Leben nur um den Preis des Todes feil. Halten wir uns das gegenwärtig, so verstehen wir, warum aus den Mysterien die Tragödie erwuchs, und wir begreifen ohne weiteres den gefährlichen Abweg, auf dem der Seelenkult zum Unsterblichkeitsglauben entgleiste."  Ludwig Klages

Wovor fürchten wir uns im Angesicht des Todes? Vor körperlichen Schmerzen? Wohl eher nicht, denn die sind dann ja vorbei. Vor der Nicht-Existenz? Vor der fürchten wir uns ja auch nicht, wenn unser Ich in tiefen Schlaf verfällt. Und würden wir aus diesem Schlaf nicht mehr erwachen, so käme uns das niemals zu Bewusstsein und wäre daher auch kein Anlass zum Fürchten. Halten wir etwa unser kleines, belangloses und aufgeblähtes „Erwachsenen-Ich“ für so bedeutend, dass wir es in ein Paradies nach dem Tod hinüberretten wollen? Oder erhoffen wir uns für etwas ganz anderes als dieses „Ich“ Unsterblichkeit. Das „Ich“ stirbt jede Nacht für eine gewisse Zeit im traumlosen Schlaf. Und gerade der wird rückwirkend als besonders erholsam und erneuernd empfunden. In manchen Momenten vergessen wir auch unser „Ich“ , und sind gänzlich selbst-vergessen, ohne „weg“ zu sein. Auch diese Augenblicke sind grundsätzlich angenehmer und entspannender Natur.

So wichtig kann das „Ich“, das sich ohnehin in unterschiedlichen Lebensphasen verändert, dann doch gar nicht sein, oder?

Weshalb fürchten wir uns dann? Und ich meine mit dieser Furcht selbstverständlich nicht die Trauer, sich von geliebten Menschen verabschieden zu müssen.

Ich glaube, die meisten von denen, die nicht glauben, dass mit dem Tod alles vorbei ist, fürchten sich, ohne sich dessen so recht bewusst zu sein, vor einer Art Kontrollverlust. Das ist ein wenig mit Flugangst vergleichbar. Das „Ich“, das vermeintlich alles unter Kontrolle hatte, sitzt nicht mehr im Cockpit, sondern etwas anderes, auf das man keinen Einfluss hat.

Es „passiert“ etwas mit einem. Von jenen, die seit Jahrtausenden von Nahtoderfahrungen berichteten oder diese Erfahrung in Ekstase oder unter dem Einfluss bestimmter Drogen machten, sagte keiner, dass er die Möglichkeit gehabt hätte, diese Erfahrung willentlich zu stoppen oder anderweitig zu beeinflussen. Diese Menschen waren diesen Erfahrungen „ausgeliefert“, und es gibt nicht nur Berichte von wunderschönen Landschaften und einem Gefühl tiefen Friedens, sondern auch von höllenartigen Horrortrips.

Und ganz unabhängig davon, wie von manchen Wissenschaftlern diese Nahtoderfahrungen (die nicht alle machen, oder an die sich nicht alle erinnern können) auch erklärt werden (es sind auch nicht alle Phänomene erklärbar), kann die Ursache für unsere Fähigkeit zu er-leben nicht ausschließlich im Gehirn liegen oder mit biochemischen Prozessen gänzlich befriedigend erklärt werden.

Diese Prozesse finden im Körper, bzw. im Gehirn während des Erlebens statt, sie sind aber nicht das Erleben an sich. Erleben ist an den "Empfänger" Leben gekoppelt, und würde man diese Prozesse in einem Computer simulieren, so fände mitnichten auch nur annähernd so etwas wie "Erleben" statt. Dass ein Computer keinen Schlaf benötigt und auch keine Triebe entwickeln würde mal ganz ausgeklammert. Denn dem Bedürfnis des Schlafens als auch dem Bedürfnis nach Sex liegt ein Geheimnis zugrunde, das nicht ausschließlich mit der Notwendigkeit der Erholung und Regeneration bzw. dem Streben der Gattung nach Reproduktion gelüftet werden kann.

Mit „Erlebensfähigkeit“ meine ich allerdings nicht den Intellekt. Man kann ein komplexes Lebewesen nicht „nachbauen“ oder einem Computer Leben und Bewusstsein, „Er-lebensfähigkeit“ „einhauchen“, auch wenn manche Wissenschaftler da anderer Meinung sind, weil hier womöglich der Wunsch nach Machbarkeit und Allmacht der Vater der Theorie ist. Stephen Hawking sagte mal, es könne keinen Gott geben, weil er bisher im Weltall von keinem Teleskop erfasst wurde. Man könnte auch sagen, es könne im Hirn keinen „Erleber“, kein Subjekt an sich geben, weil man beim Sezieren bisher noch auf kein kleines Männchen dort gestoßen ist.

Jedenfalls gibt es irgend etwas Unzerstörbares im Menschen, das nicht an Raum und Zeit gebunden ist. Das ist ein Axiom, wie in der Mathematik. Die einen erfahren, sehen es mit „innerem Augenschein“, die anderen nicht.

Ich glaube, dass nach dem Tod eine Art Traumzustand mit „Traumlogik“ einsetzt, dem alle geistige Kontrolle entzogen ist, und in welchem man direkt mit verdrängten Inhalten des Bewusstseins konfrontiert wird, denen man nicht entrinnen, die man nicht länger mehr verdrängen kann. Das ist für manche die Hölle. Menschen, die mit sich im Reinen sind, erleben hingegen vielleicht eine Art Paradies. Andere wiederum drängt es vielleicht zur Wiedergeburt, um den „Saldo“ auszugleichen. Aber wer vermag das schon zu sagen?

Naturvölker haben ein natürlicheres und unverkrampfteres Verhältnis zum Tod als wir, und sind wohl auch besser darauf vorbereitet. Desgleichen tief und echt religiöse Menschen aller Glaubensrichtungen.

Die ganze Schönheit und Erhabenheit der Natur befindet sich auch in unseren „Köpfen“ und Herzen. Und die sind an dem, was wir „Seele“ nennen, „angedockt“. Die Seele drückt sich unter anderem aus in der Musik, in der Kunst, im „Eros“ – im „Schauen“. Möglicherweise ist das eine Art Vorstufe zum „Paradies“.

Mit dem Intellekt hat das sicherlich nicht das Geringste zu tun. Er ist eher „Lucifer“, der Bringer und Träger des -allerdings trüben - Lichtes.