PecuniaOlet

Wollen und wollen sollen: Teil 2

Sowohl die zehn Gebote als auch der Kategorische Imperativ enthalten ein "Du sollst". „[Handle so], daß der Wille durch seine Maxime sich selbst zugleich als allgemein gesetzgebend betrachten könne.“

Immanuel Kant als Philosoph und Denker in höchsten Ehren. Aber ist das überhaupt möglich ? "Der Kategorische Imperativ riecht nach Grausamkeit" sagte Nietzsche. Der Dekalog und das höchste Gebot "Liebe Deinen Nächsten (und Gott) wie Dich selbst" stellen eine "Du sollst" Anforderung an einen Willen dar, dem das naturgemäß widerstrebt.  "Erst kommt das Fressen, dann die Moral" oder etwa nicht ?

In allen Religionen zählt nur der (gute) Wille. Der Intellekt ist gleichgültig. Für ihn wird man im religiösen Sinne weder belohnt noch bestraft. Er ist lediglich ein dem Willen untergeordnetes Werkzeug, beim einen mehr, beim anderen weniger stark ausgeprägt. Auch im weltlichen Bereich zählt der Wille meist mehr als der Intellekt. Ein talentierter Sportler wird ohne den absoluten Willen zum Erfolg immer einem weniger Talentierten mit diesem Willen und entsprechendem "Biss" auf Dauer unterlegen sein. Und das ist nicht nur beim Sport der Fall. 

Aber zurück zum "Du sollst" : Ein "böser" Wille bleibt ein solcher. Das ist eine These, die nicht beweisbar ist. Wenn ich jedoch über keinerlei angeborenes Mitgefühl gegenüber meinen Mit-menschen, Tieren oder auch der Natur verfüge (zum Beispiel als Psychopath), muss jegliches "Du sollst" mit einem Zwang, d.h mit einem "Gegenmotiv" verbunden sein, welches mich von meiner beabsichtigten (bösen, selbstsüchtigen) Tat abzuhalten imstande ist. In diesem Fall sind das Sanktionen in Form von Strafen, die so bemessen sein müssen, dass sie meinen (bösen) Willen fernhalten, indem sie meinen (egoistischen) Willen, mich selbst vor Unannehmlichkeiten zu bewahren, entsprechend aktivieren. Das Ganze nennt man auch Abschreckung.

Der intelligible Charakter des Menschen ändert sich nicht. Er entspricht einer anthropologischen Konstanten. Es ist zwar möglich, das ein guter Wille (Charakter) durch falsche Motive und Irrtümer (Erziehung etc.) nach außen schlecht erscheint und umgekehrt. In diesem Falle wäre er durch Einsicht und Erkenntnis auch zu "ändern". Dies ist dann häufig mit emotionalen Erschütterungen, Reue und wirklicher Umkehr verbunden Grundsätzlich ist ein Mensch bezüglich seines Willens jedoch nicht zu ändern. Man macht aus einem geborenen Schurken keinen Engel und umgekehrt. Man kann ihn durch ein "Du sollst" nicht zu einem anderen Menschen machen. Lediglich durch Abschreckung sein Wirken lindern und Schaden von den Mitmenschen abwenden.

Und so ist es auch bei den Religionen : Die Furcht vor schlechtem Karma, schlechter Wiedergeburt, dem Fegefeuer oder der Hölle macht einen Menschen nicht besser. Aber es hält ihn unter Umständen aus rein egoistischen Gründen davon ab, seinen Mitmenschen mehr zu schaden als unbedingt nötig.