Reisebericht

Ein Bett am Kornfeld - Urlaub umsonst in Neuseeland

Viele Ökofarmer bieten Kost und Logis gegen Arbeit. Und so ziehen im Sommer viele „Wwoofer“ von Hof zu Hof. Sie säen, ernten, wagen den Ausstieg auf Zeit. Ein Selbstversuch.

Ich liebe die Natur. Sehr sogar. Aber die grünen Gewächse unmittelbar vor meiner Nase kann ich weniger genießen. Es ist Schimmel - flächendeckend und rings um mich herum. Mit Scheuermittel und Bürste bewaffnet hocke ich in der Dusche meiner Gastgeber und bearbeite den dunklen Bio-Belag, der sich dort – garantiert unbehandelt und schadstofffrei – seit Monaten angesammelt hat. Irgendwie hatte ich die Arbeit im Öko-Paradies anders in Erinnerung.

Eigentlich hätte ich schon stutzig werden müssen, als die schlecht gelaunte Homöopathin, bei der ich meinen Freiwilligen-Dienst als Wwoofer verrichte, abends eine Kopfschmerztablette einwirft. Am Morgen grüßt sie mich kaum, das Essen ist knapp, und am zweiten Tag habe ich vom Putzen genug. So malerisch das „Eco-Village“ mit den zwischen alten Bäumen, Ziegen und Obstwiesen verstreuten Häusern auch ist – es wird Zeit zu gehen. Ausbeutung und Urlaub verträgt sich nicht gut.

Zwei Anrufe und eine Mitfahrgelegenheit später bin ich in einem entlegenen Tal im subtropischen Northland. Eine verwunschene Gegend. Saftig grün, hügelig, Stunden von jeder Stadt entfernt. Die letzte Farm am Ende der Schotterstraße ist die von Yvonne und Wayne. Die Beschreibung im „Wwoof“-Handbuch klingt gut:

„Schönes Schutzgebiet mit Bächen und Fluss, Kauri-Bäumen, Kiwi-Vögeln, Wasserfällen, Zauberberg. Hervorragend zum Schwimmen, reines Trinkwasser, Wanderpfade von 20 Minuten bis zu 5 Stunden.“ Die beiden Vegetarier und „Grünen“-Unterstützer suchen „motivierte, selbstständige Leute, die halbwegs Englisch sprechen. Musiker und gute Köche besonders willkommen!“

Vögel flattern davon und ein Pferd kommt mir am Zaun entgegen, als ich die Auffahrt herunterlaufe. Zwei kleine langhaarige Jungen in verwaschenen Batik-T-Shirts und Gummistiefeln kurven auf ihren Dreirädern vor einem offenen Gebäude aus Glas und Holz herum, das nach Gärtnerei aussieht. Sie mustern mich neugierig.
Wayne, dessen Äußeres bis auf den Bart exakt seinen Söhnen entspricht, steckt den Kopf zwischen Kisten voller Baum-Sprösslinge und Werkzeug hervor. „Gut, dass du da bist“, begrüßt er mich. „Wir haben genug zu tun. Aber schau dich heute erst mal in Ruhe um.“ Das Land, das er bewohnt und bearbeitet, ist riesig: 155 Hektar, ein Zehntel davon in den letzten Jahren mit neuen Bäumen bepflanzt. Der „Magic Mountain“ schiebt sich am Horizont vor die Abendsonne. Oberhalb der Gärtnerei steht die ausgebaute Holzhütte der Familie. Auf dem Dach sind Solarzellen, das Wasser kommt direkt aus dem Bach. Yvonne, eine studierte Botanikerin, trägt praktische Alternativ-Kluft und zeigt mir meine Unterkunft: ein alter Wohnwagen am Rande der Pferdekoppel, liebevoll mit bunten Gardinen und Taschenbüchern ausstaffiert.

Klo-Putzen ist hier kein Thema – die Toilette besteht aus einem Donnerbalken und liefert frischen Kompost. Ich lege meine Uhr für den Rest der Woche ab und mich ins Bett. Grillen zirpen, ein Bach plätschert in der Nähe. Northlands kleine Nachtmusik. Am nächsten Morgen dusche ich unter freiem Himmel vor dem Wohnwagen. Das Pferd guckt mir zu. Ein Zweig ist mein Handtuchhalter. Schöner könnte es auch in einem Drei-Sterne-Hotel kaum sein.

Ich bin wieder mit der Wwoofing-Welt versöhnt. Was ist schon ein bisschen Schimmel gegen all das, was ich bei meinen vielen Abstechern auf die Öko-Farmen der Südhalbkugel erleben konnte?
Da waren die reizenden und geschäftstüchtigen Blaubeeren-Anbauer, die Osho verehrten und abends mit TV-Dinner auf dem Schoß vor dem Fernseher saßen. Ich lernte Zäune bauen, durfte auf dem vierrädrigen Motorrad durchs Gelände brettern, badete im Whirlpool und bekam besten Cappuccino aus einer edlen Espresso-Maschine serviert. Oder der Hippie-Clan, der in einem halbfertigen Haus voller Spinnweben, Flicken-Decken, Chaos und Lebensfreude lebte. Der Regenwald drang bis in den Garten vor, wo ein überwachsenes Auto vor sich hin rostete und Hühner herumscharrten. Die Kinder liefen das ganze Jahr über barfuss, badeten im Fluss und kannten die Namen der meisten Bäume auswendig.

Die Eltern lebten von Arbeitslosenhilfe, standen spät auf und zündeten sich einen Joint an. „Du musst deine Schuhe ausziehen und die Erde spüren,“ rieten sie mir und griffen zur Gitarre. Kluge Ratschläge bekam ich auch von dem ausgemergelten Radikal-Veganer, der nur von Rohkost lebte und morgens mit leuchtenden Augen einen Schluck Eigen-Urin trank. Seine Frau hatte ihn gerade verlassen, weil er den Herd verkauft hatte. Als er mir vorschlug, mit ihm die Nacktbadestelle am Bach auszuprobieren, suchte auch ich schleunigst das Weite.

Am häufigsten aber landete ich bei ganz normalen Menschen. Ob junge Aussteiger im ernativen „House Truck“ oder ältere Hobby-Gärtner im gepflegten Eigenheim - sie versuchten alle, auf ihrem Stück Land bewusster, gesünder und umweltfreundlicher zu leben. Nach Großstadtleben und deutscher Perfektion war die kreative, meist improvisierte und landschaftlich immer wunderschön gelegene Umgebung dieser Idealisten eine Wohltat für mich. Ich schälte Maiskolben, pflückte Avocados, errichtete Komposthaufen, kochte Marmelade, zupfte Unkraut, zerhackte Disteln, sammelte Seetang, schaufelte Löcher. Als ich nach
mühsamem Hantieren mit Hammer und Motorsäge endlich einen windschiefen Schweinestall zusammengezimmert hatte, war ich befriedigter als nach einem gelungenen Interview. Ich vergaß, wie
sich Computer-Tasten, Telefonhörer und Termindruck anfühlen.

Es tat gut, nach jahrelanger Kopfarbeit meine Hände in die Erde zu stecken und am Ende des Tages zu sehen, was ich geschafft hatte. Meine Schultern wurden braun, ich bekam Muskeln an den Armen, Blasen an den Händen – und Kinderkrach, Geldsorgen, Familienfeste und Weltanschauungen meiner Gastgeber mit. Nach zwei Wochen “wwoofen“ war ich jedes mal reif für einen Ausflug in die Anonymität der Backpacker-Hostel. Aber nach ein paar Tagen Touristen-Programm zog es mich wieder auf eine Farm. Nichts war so erfüllend für mich Langzeitreisende wie das Leben mit Menschen, die ihre Träume verwirklichen. Einige von ihnen wurden zu Freunden. Durch sie erlebte ich das Land erst richtig aus der Nähe – weil ich es anfasste, umgrub, roch und mich davon ernährte.

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