Reisebericht

Mit Nietzsche am Strand

Urlaub machen in den Länderein unserer neuen Bundeskanzlerin. Was kann man da sagen? Es ändert sich alles und bleibt dennoch das Gleiche. Und je mehr es sich ändert, um so mehr bleibt es das Gleiche. Am Meer, in den Regionen und wahrscheinlich auch im Bundeskanzleramt.

Deutschland ist vereinigt. Gemeinsam tritt man ihn an, den Gang in die große, alles übersteigende Fettleibigkeit. Das Gesetz der Friteuse regiert: Pommes mit Ketchup oder Pommes mit Mayo – das ist die Bandbreite. Derweil weitet sich der Bauch, erweicht die Haut an den Schenkeln und das Einsparen wird zum allergrößten Ausgabeposten. Und dann ist da auch noch etwas.

Der lustigste Moment war, als ich mit der dicken und plüschigen Ausgabe von Friedrich Nietzsches Gesammelten Werken, die es im Gondrom-Verlag für wenig Geld gibt, den Strandkorb erklommen hatte.

„Vielleicht ist die europäische Unzufriedenheit der neuen Zeit daraufhin anzusehen“, schrieb Nietzsche 1881/82 in „Die fröhliche Wissenschaft“, „dass sich unsere Vorwelt, das ganze Mittelalter, dank der germanischen Neigungen auf Europa, dem Trunk ergeben war: Mittelalter, das heißt die Alkoholvergiftung Europas. – Die deutsche Unlust am Leben ist wesentlich Wintersiechtum ...“ Umso schöner der Sommer, wo die Unlust allerdings auch nicht verschwindet.

Nietzsche ist übrigens explizit einerseits pro Merkel, andererseits jedoch dagegen: „So wenig als möglich Staat!“ schreibt er – und begründet: „Alle politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse sind es nicht wert, dass gerade die begabtesten Geister sich mit ihnen befassen dürften und müssten ... Die Gesellschaft diebessicher und feuerfest und unendlich bequem für jeden Handel und Wandel zu machen und den Staat zur Vorsehung im guten und schlimmen Sinne umzuwandeln – dies sind niedere, mäßige und nicht durchaus unentbehrliche Ziele, welche man nicht mit den höchsten Mitteln und Werkzeugen anstreben sollte, die es überhaupt gibt, – den Mitteln, die man eben für die höchsten und seltensten Zwecke sich aufzusparen hätte!“

Ein erstaunlich guter Prognostiker, dieser Mann. Wie gut wir doch auf ihn gehört haben: Wir schrauben den Staat wieder zurück – und unsere Besten haben wir erfolgreich von der Politik fern gehalten. Und sie in die Wirtschaftsunternehmen gesteckt ...

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