Vom Geiste gestört oder vom Schicksal betört?

Es ist kein Zufall, daß von vornherein gemeinsam die Bühne der Weltgeschichte betreten haben, um in der Folge gemeinsam zu kämpfen und gemeinsam zu siegen: das „Freiheitsideal" der bürgerlichen Selbstregierung — die Einverleibung des römischen Rechts — der „Protestantismus" jeglicher Art — der Ausbreitungs- und Fortschrittsgedanke — der alles rechenbar machende Eigennutz— und endlich eine von Erfindung zu Erfindung fortstürmende Wissenschaft; und es dürfte nicht in jeder Beziehung ein günstiges Licht auf die solcherart umschriebene „Neuzeit" fallen, wenn man es unternähme, ihr einmal alles vorzuhalten, was sie zerstören mußte, um für ihre Errungenschaften Raum zu gewinnen. [...................] Nicht nur jede Zahl ist, was sie ist, gleicherweise für den Babylonier des Altertums wie für den Amerikabewohner der Neuzeit,sondern auch die Farbe Rot, der Ton Cis, das Ding, der Körper, die Frist von zwei Minuten, die Länge von hundert Metern, die Ähnlichkeit, Mannigfaltigkeit,Vielheit, Gleichheit, Einerleiheit, Möglichkeit, Wahrscheinlichkeit,Gewißheit, der Zorn, das Fürwahrhalten, der Zweifel, die Liebe, der Haß, der Glaube und so fort Wenn nun aber die Wirklichkeit zeitlich fließt, unablässig sich wandelt, weder beharrt noch wiederkehrt, mithinein pausenloses Kommen und Gehen ewig ursprünglicher und überhaupt nicht zu fassender Welten ist, dann kann auch kein zweites Mal zu erleben sein: dieselbe Zahl, dieselbe Zeitgröße, derselbe Ton, dieselbe Mannigfaltigkeit,derselbe Zorn, ob es gleich wieder und wieder gedacht werden mag; und es tut sich ein unüberbrückbarer Abgrund auf zwischen dem Hange unsres Wesens, der uns nötigt, Tag für Tag, Geschlecht für Geschlecht, Jahrhundert für Jahrhundert fest und immer fester zu fügen den zeitentzogen' wachsenden Bau des Noumenalen, und jener sphinxhaft drohenden Notwendigkeit, die, ob auch gewaltsam vergessen und weislich totgeschwiegen, darum nicht minder Geschlecht um Geschlecht in den Maelstrom des Vergehens reißt, diese Handvoll Jahrtausende begriffeverklammerten Menschentums dem sturmhaften Flüchten der Bilder als den „Traum eines Schattens" verwebend14). Nun — der g e i s t i g e Blick in diesen Abgrund erzeugt ein Staunen und Sinnen, das, wenn es sich formt und faßt, metaphysisches Wissen heißt In ihm begreift sich der Mensch als Doppelwesen: als Träger des Geistes und als Träger des Lebens. Er fühlt zum mindesten, selbst wenn er es nicht mehr erkennen sollte, daß der ihm innewohnende Geist in der Welt des Geschehens ein Fremdling ist, daß die Daseinsform begreiflicher Dinge ihm nur zurückwirft den weltdurchbohrenden Strahl des beharrungssüchtigen Ichs und daß dem Urteilenden die Wirklichkeit längst schon entglitt, wann er im Urteil sie eingefangen und besitzbar verfestigt wähnt Auch dies sind Urteile; aber solche, zu denen der Geist Stoff wie Gestaltungsantrieb allein aus der Tiefe des Lebens empfängt. Will man eine runde Formel: der geschichtliche Mensch steht unter dem doppelten Zwang: entweder das Leben im Geiste zu binden oder den Geist im Leben zu lösen. Je nachdem in ihm über das Leben der Geist oder über den Geist das Leben herrscht, geht sein fragendes Trachten darauf aus, entweder im Geschehen das Sein zu finden oder, gestützt auf die Zeichensprache des Seins, von ihm sich zurückzufinden in die allerdings unbegreifliche Welt des Geschehens.

K l a g e s , Geist als Widersacher der Seele Seele 9

130 Der logistische Irrtum