PecuniaOlet

...und vergib uns unsere Schuld(en)

Bisweilen wird dieser Satz aus dem Vaterunser auch wie folgt übersetzt: "Und erlass uns unsere Schulden, / wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben."

Die Schuld oder Schulden und die Erlösung davon sind Grundtenor und Hauptmotiv aller Weltreligionen einschließlich des Kapitalismus, den ich eindeutig zu den Religionen zähle.

 Der Einzelne steht sowohl in der Schuld Gottes, des Staates, eines unpersönlichen Prinzips oder einer "juristischen Person" als auch in der Schuld seinen Mitgeschöpfen gegenüber. Schuld und Schulden belasten und drücken - das Gemüt, das Konto, die Freiheit, nicht selten alles miteinander. Der Übergang von "metaphysischer" Schuld zu materiellen Schulden ist fließend (dies zeigte schon der Ablasshandel) und schränkt in gleichem Maße Freiheit ein. Ein schlechtes Gewissen ist "Minus" auf dem geistigen Konto und drängt ähnlich heftig zum Ausgleich wie der weit überzogene Dispo.

Jede Schuld auf der einen Seite entspricht einem Guthaben auf der anderen. "Ich bin Dir etwas schuldig", auch wenn es sich nur um einen Gefallen handelt. Man steht immer bei "jemandem" oder "etwas" in der Schuld, wie die Schulden der Ärmeren den Guthaben der Reicheren entsprechen.

Schuld ist ein disharmonischer Zustand und drängt nach Harmonie, drängt zum Ausgleich. Schuld ist weder Form noch Substanz, es ist eine Kraft, ein Vektor mit Richtung und Maß. Die Rückzahlung der Schuld ist die Sühne oder der Ausgleich. Immaterielle und materielle Schulden sind "transformierbar". Immaterielle Schuld, wie beispielsweise der Verlust der Ehre, lässt sich in manchen Kulturen (auch bei uns) daher häufig auch mit Geld sühnen,umgekehrt führen materielle Schulden beim Einzelnen nicht selten zu "Entehrung" und gesellschaftlichem Ausschluss. Das Geistige bzw. ein nicht greifbares, ideelles Prinzip wie die "Familienehre" wird vor allem bei orientalischen Gesellschaften auf diese Weise (häufig durch Vermittlung von Schlichtern) in barer Münze bezahlbar und verliert seine bedrohliche Macht, die nicht selten Generationen von Familienmitgliedern auslöschte. Bei uns zahlt man für Beleidigung für gewöhnlich eine Geldbuße, die bei Beamten in aller Regel etwas höher bemessen wird, weil diese offensichtlich die edleren Menschen sind.

Auch die Schuld Gott oder den Göttern gegenüber wurde in der Vergangenheit auf ganz materielle Weise, durch Tier oder Menschenopfer versucht zu begleichen. Möglicherweise war die Absicht, auf diese Weise die Götter zu besänftigen, auch  mitunter mit der Erwartung verbunden, bei jenen eine Art "Schuld"- bzw. Verpflichtungsgefühl gegenüber den Opfernden zu wecken.

Auch in den östlichen Religionen wird das Leben, zumindest aus westlicher Sicht, als eine Art "Saldenbilanz" betrachtet, indem es den Ausgleich, bzw. die "Sühne" der Taten vergangener Leben, im Positiven wie im Negativen, als zu vergeltendes Verdienst oder Schuld darstellt, die in einem zukünftigen Leben zum Ausgleich kommt.

Eine Schuld oder ihr Gegenpart zerstört immer eine ursprüngliche Ordnung und erzeugt ein Spannungsfeld, das zur Wiederherstellung dieser Ordnung bewegt."Denn sie (die Dinge) leisten einander Sühne und Buße für ihre Ungerechtigkeit, gemäß der Ordnung der Zeit." Anaximander

Dieses Gesetz erscheint zunächst in allen Religionen unerbittlich, gnadenlos und ohne Ausnahmen. Vereinfacht gesagt, bedeutet es : Man bekommt nichts geschenkt. Jede Schuld, jede Verfehlung und jeder Genuss fordert seinen Tribut, während jedes Leid, jeder Verzicht, und jeder Mangel späteren Überfluss (oder das "Paradies") zur Folge hat. Mein jetziger Überfluss und Reichtum erfordert Mangel bei einem anderen, und mein späterer Mangel wird zum Überfluss eines anderen gereichen.

„Unsterbliche sterblich, Sterbliche unsterblich: Sie leben den Tod jener, und das Leben jener sterben sie." Heraklit

Ob dieses Gesetz des Ausgleichs der Schuld "im Großen" und über ein Lebensalter hinaus gilt, und der Zufall der "Sechs Richtigen" im Lotto oder die Geburt in eine wohlhabende Familie eine tiefere Ursache haben und doch nicht ganz Zufall sind, können wir natürlich nicht wissen. Jeder, der einmal eine längere Diät gemacht hat, weiß aber, dass konsequenter, dauerhafter Verzicht die Sinne sensibilisiert und uns wieder genussfähiger macht, ebenso wie umgekehrt dauerhafte hedonistische Ausschweifungen uns de-sensibilisieren und/oder der Gesundheit schaden. Man bekommt nichts geschenkt, aber verzichtet auch nicht für nichts. Auch Askese ist Ausschweifung, lediglich mit umgekehrtem Vorzeichen.

Die Opferrituale früher Religionen wurden dann in späterer Zeit zunehmend durch Glaubens- und Kleidungsvorschriften sowie Speise-, Reinheits- und Gebetsrituale ersetzt, wobei das Ziel im Wesentlichen dasselbe blieb. 

Der Sabbat musste penibel eingehalten werden, bestimmter Speisen hatte man sich zu enthalten, Ehebrecherinnen wurden gesteinigt. Das Gesetz stand an erster Stelle. Dann trat im vorderen Orient ein Mann aus dem Volk auf, der den Menschen für wichtiger als den Sabbat hielt, alle Speisen für rein erklärte, die innere Haltung und damit die Liebe vor das Gesetz stellte, und die Ehebrecherin durch eine Frage an das Volk vor der Steinigung bewahrte. Er drohte die Ordnung und das mit ihr untrennbar verbundene Machtgefüge zu gefährden, und wurde deshalb nach kurzem Prozess ans Kreuz genagelt.

"Und erlass`uns unsere Schulden..." Dieser Satz des Vaterunser fordert den menschlichen Gott und den göttlichen Menschen. Er fordert, das gnadenlose Gesetz des Ausgleichs, der Vergeltung und des "Karma" zu durchbrechen und den Menschen und das Menschliche über  das Gesetz zu stellen, die Sünden (Schulden Gott gegenüber) zu vergeben. Deswegen musste er sterben, und deswegen sterben auch heute noch Menschen. Dass er freiwillig starb, ohne zu widerrufen, ist ein Opfer. Nicht eines für einen Gott, sondern eines für den Menschen.

Einen Schuldenerlass, und zwar einen ganz konkreten, forderte auch Alfred Herrhausen für die Menschen der Dritten Welt. Wie er endete, ist bekannt.

Das wahre Christentum ist eine Religion der Freiheit und der Beendigung der Knechtschaft des Menschen. Was die Herrschenden daraus machten, und auf welche Weise sie es vor ihren Karren spannten, ist lediglich die Geschichte des Christentums. Im Übrigen empfehle ich  der CDU, das "C" zu streichen. Längst überfällig!

In vielen Kulturen, u.a  auch im im alten China, gab es -teils mit feierlichen Zeremonien verbundene- Schuldenschnitte. In China wurden die "Schuldscheine" eines Verstorbenen verbrannt, und damit erlassen. Hier, im gelobten Deutschland, zerstört der Staat heute noch ganze Familien, weil er von verstorbenen Verwandten noch nach Jahren die Steuerschulden bei den Hinterbliebenen eintreibt, nachdem jene in Unkenntnis das Erbe nicht abgelehnt hatten. Es gibt keine Gnade. Maximal einen Vergleich. Das Gesetz steht vor dem Menschen, und duldet weder Ausnahmen noch individuelle Betrachtungen. Hemmungslos werden künftige, nachgeborene Generationen bereits jetzt verschuldet, um Banken zu retten. Der Mensch steht an letzter Stelle. Es ist im Westen völlig normal, dass eine Familie auf die Straße gesetzt wird, wenn sie das Luftgeld der Banken nicht mehr durch echtes Geld und echte Leistung zu ersetzen vermag. Das sind seine sogenannten "Werte". Dabei gibt es stets eine Herren- und Sklavenmoral. Quod licet Iovi, non licet bovi. (Was dem Jupiter erlaubt, ist dem Ochsen noch lange nicht erlaubt). Der heutige Jupiter entspricht Banken und juristischen Personen. Die Ochsen hingegen sind die Völker und der Einzelne. Sie werden ihm zum Opfer zur Schlachtbank geführt.

Menschen mussten trotz Überflusses im Europa des zwanzigsten Jahrhunderts verhungern, weil der Ausgleich von Schulden wichtiger war und mehr wog als Menschenleben, die mit einem Verzicht oder teilweisen Verzicht reicher Gläubiger, Banken und Nationen gerettet hätten werden können. Auch angesichts der heutigen Schuldenkrise werden solche Schreckenszenarien wieder an die Wand gemalt. 

Schuld und Verschuldung der Menschheit fingen damit an, dass einzelne Menschen damit begannen, anderen Land und Wasser "abzugraben" und mit Gewalt von den Nahrungsquellen zu trennen. Jagen wurde zu "Wildern", Land wurde geraubt und gegen Tribut "verpachtet". Dies war der Beginn der Schuld, die sich wie ein Dominoeffekt der Geschichte noch heute unvermindert bemerkbar macht. Hungrige und unterdrückte oder vom Krieg gezeichnete Menschen sind traumatisierte Menschen. Traumatisierte Menschen aber übertragen unbewusst ihre Neurosen und Psychosen an nachfolgende Generationen. Wir schlagen uns mehr mit den Problemen unserer Ahnen herum, als uns bewusst ist. Und nur insofern gibt es eine "Erbschuld". Die Menschheit wurde zur kranken Spezies. "Kultur" ist eine Art von seelischer Immunreaktion der Menschheit. 

Ich gerate selten richtig in Wut. Wenn Frau Merkel jedoch von "unseren Werten" schwallt, immer!