Reisebericht

Bolivien: Von Sucre nach Norden

Sucre ist die Hauptstadt von Bolivien. Wir erleben sie im Faschingstaumel und empfinden hier, wie übrigens auch in der alten Gold und Silber-Stadt Potosi, die vor 300 Jahren größer und reicher war als Paris oder London, und in La Paz die spannungsgeladene Mischung aus rächtiger spanischer Kolonialzeit und bitterer Armut heute.

Abenteuer Staatsstraße Nr. 6

Die Hauptstadt von Bolivien heißt Sucre. Sie liegt im südlichen Teil des Landes und schickt in jede Himmelsrichtung eine Straße:
Die nach Süden ist (zumindest ein kleines Stück weit) asphaltiert. Auf der sind wir gekommen.
Die nach Osten existiert eigentlich gar nicht.
Von der nach Norden wurde dringend abgeraten (“wegen des Erdbebens vor 1 1/2 Jahren”!!).
Also wählen wir die nach Westen, sie hat den Namen “Staatsstraße Nr. 6”.

Am Morgen, als wir die nach dem Faschingstaumel des Vortages noch schlafende Stadt verlassen, regnet es etwas. Die Wolken hängen tief herab. Das herrliche Bergpanorama, das wir noch am Vortag bewundert haben, ist verhangen.

Wir fädeln uns über das Straßengewirr der etwas unübersichtlichen Randzone der Stadt auf unsere Piste ein. Man muß nach dem Weg fragen. Hinweis-, Orts- oder Fernverkehrsschilder gibt es nicht.
Anfangs sind wir noch etwas unsicher und zweifeln an der Auskunft der Passanten. Denn der lehmige Feldweg, der sich da zwischen einigen Hütten und Feldern den Berg hinaufschraubt.....sollte das wirklich die
“Staatsstraße Nr.6” sein?

Doch dann kommt die Bestätigung: wir müssen Straßenbenutzungsgebühren von einigen Bolivianos zahlen und müssen die Daten von uns und den Autos angeben, die in ein dickes Buch eingetragen werden.

In den kommenden Stunden nimmt der Regen zu. Die Piste wird glitschig, und das Fahren droht zur
Rutschpartie zu werden. Besonders in engen Kehren, bergauf oder bergab, bei rotem lehmigem Grund. Und es gibt eine Kehre nach der anderen, und es geht ununterbrochen bergauf oder bergab, und der Boden ist rot und lehmig-schmierig.
Nach 2 Stunden haben wir ganze 20 km geschafft!

Wir halten an und beraten, ob wir umkehren sollen, eine andere “Straße” versuchen wollen oder aber in der Hoffnung weiter fahren, daß es vielleicht doch besser wird.
Dann beschließen wir, nicht klein beizugeben!
Erstens gibt es eigentlich keine echte Alternative hinsichtlich der Streckenführung und zweitens ist uns in den vergangenen 2 Stunden immerhin ein (!) Laster entgegengekommen. Man kommt also durch, dürfen wir daraus ableiten. Außerdem haben wir ja schließlich bestens ausgerüstete Autos mit Allradantrieb,
Untersetzung, Differentialsperre etc. etc. Und: wir sind zu zweit, können uns also unter Umständen gegenseitig helfen!

Der Regen nimmt zu. Zwischen den Tälern hängen nun ganz tiefe, dunkle Wolken. Wenn sich die Piste nach oben windet, kommen wir über die erste Wolkenschicht hinaus und erkennen, daß der Wolken- und Regenvorrat noch lange nicht zu Ende ist. Aber auch auf dem Boden nimmt die Wassermenge bedenklich zu. Die Pfützen werden größer, Bäche und Flüsse schwellen an, die Furten werden tiefer.

Wir biegen um einen Hügel und stehen unvermittelt vor einem gut 40 m breiten, braunen, gurgelnden, irgendwie unangenehm wirkenden Fluß. Auf der gegenüberliegenden Seite stehen 3 Autobusse.

Man wartet, steht herum, guckt, diskutiert. Hüben genau so wie drüben!
Wer wagt es als erster?

Die Busfahrer kennen doch die Furt! Sie werden doch nicht zum ersten Mal bei Regen hier lang gefahren sein wie wir! Soll doch erst ein hochbeiniger Laster kommen und durchfahren!


Doch dann zieht sich ein mutiger (oder betrunkener?) Passant aus einem der Busse auf der
gegenüberliegenden Seite Hosen und Schuhe aus und stolpert durch den Fluß. Er kommt bei uns an und ist bis zum Bauch naß. Testergebnis also: mindestens einen knappen Meter Wassertiefe.
Das ist zwar ziemlich viel, aber es ist machbar.
Genau das meint dann wohl auch die Gegenseite und braust los. Mit einer gewaltigen Bugwelle bis hoch zur Motorhaube. Triumphierend winken uns die 3 Busfahrer zu, als sie neben uns die Böschung hoch brausen.

Dabei hätten sie vor lauter Stolz und Feude fast vergessen, den mutigen Testläufer wieder einzuladen und mitzunehmen.

Dann sind wir an der Reihe. Wir fahren viel langsamer durch den Fluß. Ohne die gefährliche,
überschwappende Bugwelle vor uns herzuschieben. Es geht alles glatt.

Kurze Zeit später zwei weitere Furten. Sie sind schmaler. Und vor allem: die Busse von eben müssen sie ja bereits passiert haben. Also durch!
Dabei bekommt man schon einen gehörigen Schrecken, wenn das Auto in dem Flußbett plötzlich nach vorn oder zur Seite abkippt, weil das Wasser eine Rinne gespült oder eine Untiefe angeschwemmt hat. Ich denke bei diesen etwas kritischen Momenten an das, was der Fahrzeugbauer mir bei der Übergabe des Wagens
kurz vor unserer ersten Reise gesagt hat: “Seien Sie sicher, das Auto kann mehr, als Sie denken”....
Hoffentlich weiß dies auch das Auto!

Was wir sehr rasch lernen, ist, wie schnell sich die Bedingungen an den Flußläufen und Furten ändern. So müssen wir wenig später die gleiche Furt ein zweites Mal passieren. Im Abstand von noch nicht einmal 20 Stunden war sie zunächst gerade eben zu überwinden und erschreckend tief. Bei der Rückkehr dann ist sie kaum mehr erkennbar, denn der Fluß ist zu einem Rinnsal geworden! Jetzt nicht mehr der Rede wert, diese
Furt.

Während der weiteren Fahrt können wir einem Lastwagenfahrer aus seiner mißlichen Situation helfen.

Er war mitten in einem breiten Flußbett zwischen mehreren Seitenarmen von einer Sandbank abgerutscht und saß tief in einem Schlammloch. Die Mitfahrer hatten schon mit Steinen und Hölzern, Schaufeln und Hacken sich zu befreien versucht, wobei das Heck des LKW aber wohl immer noch tiefer eingesunken ist.

Es ist in solchen Situationen schon erstaunlich zu erfahren, welch unbändige und bullige Kraft der Motor auf die 4 breiten Reifen bringt, wie sie sich in den festen Sand graben und den anderen Lastwagen langsam aus seinem Loch ziehen und ihn so befreien. Uns rührt, wie dankbar und glücklich die Passagiere dieses Lasters
sind!

Wir passieren wenig später einen kleinen Gebirgsort. Es gehen Wolkenbrüche hernieder. Wir wollen irgend jemanden fragen, ob denn die Piste bis zum nächsten Ort passierbar ist. Aber das gelingt uns nicht. Die Situation ist merkwürdig und irgendwie befremdlich:
Auf dem zentralen Marktplatz stehen einige Indiofrauen unter blauen Plastikplanen und wollen von ihrem Gemüse verkaufen, das offensichtlich niemand mag. Auf unsere Fragen wissen sie keine Antwort. Oder sie
verstehen uns nicht.

Am Rand des Platzes auf der gegenüberliegenden Seite parken zwei oder drei Lastwagen und ein Bus; alle warten auf besseres Wetter und damit natürlich auch auf wieder etwas stabilere und bessere Pistenverhältnisse. Doch exakte Angaben sind auch hier nicht zu erhalten.

Die meisten Männer sind ohnedies angetrunken: Faschingszeit! Sind die Straßen wirklich schlecht? stellen sie ungläubig fragend fest! Als wäre das etwas ganz Neues. Na und wenn schon! Im übrigen sollten wir doch lieber mit ihnen feiern und trinken. Es sei doch das letzte Faschingsfest dieses Jahrtausends. Und das wäre
das Wichtigste in diesen Tagen. Und genau dies müsse man doch jetzt ordentlich feiern. Wochenlang am besten!

Plötzlich kommen irgendwoher einige Musikanten über den Dorfplatz, gefolgt von Kindern mit Masken, die die wenige Passanten mit Wasser bespritzen, als wären nicht alle schon

schon triefend naß vom Regen.

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