Reisebericht

Flutwelle auf Mallorca? Tsunami in Ibiza?

Balearen am 21. Mai 2003. Um 20.45 Uhr zog sich das Wasser auf Formentera zurück, fünf Minuten später auch auf Ibiza. Danach kam die Flutwelle.

Gefahr für die Balearen nicht ausgeschlossen

Bis zu 150 Meter weit fiel der Meeresboden auf Ibiza Trocken, die Boote in den Häfen setzten auf den Grund auf. Dann begann das Wasser zu steigen. Es überspülte die Strände, schoss mit Urgewalt in die Hafeneinfahrten.

Das Wasser spülte Liegen weg, zerquetschte und versenkte Boote, warf sie aufs Land. Autos wurden einfach weggetrieben. Der Sog, als das Wasser zurück ging, riss Boote von den Stegen und nahm sogar einen Teil der Kaimauer von Sta. Eulàrias Hafen mit sich. Für die meisten auf den Pityusen ein beeindruckendes Naturschauspiel. Mehr nicht.

Wir von der Redaktion haben anhand der Wasser-Linien eine Wellenhöhe von 1,50 Metern gemessen, die offiziellen Zahlen aus Mallorca lauteten später 2 Meter. Das bedeutet vom glatten Wasserspiegel aus gemessen 2 Meter Wellenberg und nochmal 2 Meter Wellental. Also eine gesamt-Wasserwalze von vier Metern.

Gerade mal zwei Stunden bevor die Welle uns erreichte, hatte die Erde gebebt. In Nord-Afrika, an der Küste östlich der Stadt Algier. Der erste und stärkste Erdstoß kam um 18.44 Uhr. Er erreichte eine Stärke von 6.6 (in Südostasien war die Stärke 10 erreicht worden). Das Beben in Algier hatte die Welle ausgelöst. Mit rund 200 Kilometern in der Stunde breitete sie sich über das Mittelmeer aus.

Der Tsunami vom Mai 2003 im Mittelmeer ist nicht mit der Katastrophe zu vergleichen, die Weihnachten Südostasien heimgesucht hat. Aber er hat klar gemacht, dass wir nicht unter einer Käseglocke leben. Zwischen der Nordküste Afrikas und dem Mittelmeer treffen die afrikanische und eurasische Erdplatte aufeinander. Die afrikanische Platte schiebt sich langsam nach Norden. Dadurch bauen sich Spannungen auf, die sich in Erdbeben entladen. Die Karte des „Seismic Data Analysis Center“ (SDAC) links zeigt alle Erdbeben in dem für uns wichtigen Bereich mit einer Stärke von über 4,0 seit dem Jahr 1970. Das schwerste Beben ereignete sich am 10.10. 1980 zwischen den Städten Oran und Algier und hatte eine Stärke von 7,3. Davon merkten wir auf den Pityusen allerdings nichts, weil es den Meeresgrund nicht erschütterte und keine Welle auslöste.

Und mit der Welle von 2003 hatten wir viel, viel Glück. Sie kam im Mai, abends. Keine Touristen-Saison, außerdem ist es zu dieser Zeit um viertel vor Neun recht kühl. Es waren also kaum Leute am Strand. Aber was wäre geschehen, wenn sich das Erdbeben und die Flutwelle an einem sonnigen Nachmittag im Juli oder August ereignet hätte? Wenn Tausende von Menschen an den Stränden gewesen wären, wenn Kinder im flachen Wasser gespielt hätten … Die Menschen hätten die Gefahr nicht erkannt, weil es ja keine Anzeichen der Katastrophe gab – so wie es in Asien war.

Wenn die Flutwelle dann gekommen wäre, so wäre zu befürchten gewesen, dass nicht nur Boote, Autos und Mauern – sondern auch Menschen zu Schaden gekommen wären. Wir möchten hier erst gar nicht weiter denken … Aber müssen wir deshalb in ständiger Angst leben? Erdbeben wie in Algerien sind aus Sicht der Wissenschaftler keine Seltenheit. Aufgrund von Gesteinsproben gehen sie davon aus, dass es in den vergangenen 2000 Jahren im Mittelmeerraum bereits an die zwanzig Tsunamis gegeben hat. Das bedeutet rein statistisch: Alle 100 Jahre erlebte das Mittelmeer eine Flut, die durch Erdbeben in Küstennähe oder auf dem Meeresgrund ausgelöst werden.

Doch, so die Wissenschaftler, Wellen in einer Stärke wie im indischen Ozean seien aufgrund der geringeren Wassermenge im Mittelmeer nicht wahrscheinlich. Das bedeutet: Die Flutwellen kommen nicht so schnell wie in Asien, wo sie ja die Geschwindigkeit eines Düsenflugzeuges erreichten. Und sie laufen nicht so hoch auf wie in Asien. Entsprechend strömen sie nicht so weit ins Land. Hinzu kommt noch, dass das Küstenniveau auf Ibiza und Formentera doch meist rasch ansteigt. So werden die Wellen schnell gebrochen und verlieren an Kraft.

Dennoch gibt es Wissenschaftler, die nach der Katastrophe in Asien auch ein Frühwarnsystem für das Mittelmeer fordern. Bisher existiert es nur im Pazifik. Im Ernstfall hätten die Behörden der Balearen dann etwas Zeit, um auf eine Flutwelle zu reagieren, um Strände zu räumen und Alarm in den Häfen zu geben. Aber wenn man sieht, wie schnell so eine Welle selbst ganz von der afrikanischen Küste bei uns ist, bleibt trotzdem nur sehr wenig Zeit.

Hier noch einen Hinweis, auch wenn zu hoffen ist, dass es nicht zu einer Flutwelle auf den Balearen kommt: Ein Tsunami beginnt immer damit, dass sich das Wasser erstmal zurück zieht. Wenn das Meer also plötzlich sehr weit zurückgeht, der Strand ungewöhnlich breit wird, dann sofort weg vom Wasser und höheres Gelände aufsuchen!
Wie gesagt, das nur als Hinweis für einen Situation, die hoffentlich die nächsten Jahre nie eintritt und statistisch nur alle 100 Jahre vorkommt.

Bild Nr. 8592 - 2905 mal gesehen

Bild Nr. 8593 - 2707 mal gesehen

Bild Nr. 8594 - 2613 mal gesehen