Der Aufgang der "scheinlebendigen Larve" und die Unumkehrbarkeit des Untergangs

Auf die vorgeschichtliche Menschheit der herrschenden

Seele – das sei uns hier einzuschalten verstattet –

folgte die geschichtliche des herrschenden Geistes. Ihr

aber wird folgen die nachgeschichtliche Menschheit der nurmehr

scheinlebendigen Larve: wir wohnen soeben ihrem Aufgange

bei. Allein, ob wir in uns und um uns das Leben

vergiften, verbrennen, atomisieren: aus dem Leichnam

der erschlagenen Mutter erhebt sich unerbittlich die

„Rache der Erinys”. An der Vergeltung des besudelten

und geschändeten Lebens wird unausdenklich grauenvoll

die Menschheit verenden in ebendem Augenblicke,

wo sie den letzten schrankenlosen Triumph der Larve,

des Golems feiert: so spricht Kassandra, deren Schicksal

es ist, als Närrin verhöhnt zu werden von denen, die

blind sein müssen, wenn sich das Unheil, das sie verkündet,

erfüllen soll. —

Während jedes außermenschliche Lebewesen, wenn

auch gesondert und eigener Innerlichkeit, im Rhythmus

des kosmischen Lebens pulst, hat den Menschen aus

diesem abgetrennt das Gesetz des Geistes. Was ihm als

dem Träger des Ichbewußtseins im Lichte der Ueberlegenheit

vorausberechnenden Denkens über die Welt

erscheint, das erscheint dem Metaphysiker, wenn anders

er tief genug eindringt, im Lichte einer Knechtung des

Lebens unter das Joch der Begriffe! Von ihm das Leben

wieder zu lösen, sowohl der Seele als auch dem Leibe

nach, ist der verborgene Hang aller Mystiker und Narkotiker,

mögen sie es wissen oder verkennen; und der erfüllt

sich in der Ekstase. Mit den Beweisen dafür kämen

wir auf hundert Seiten nicht zu Ende. Hier genüge ein

Blick auf die sinnfällig gröbsten.

Ludwig Klages aus: "Vom kosmogonischen Eros"