+++Der neue Kalif könnte aus Europa kommen+++

Der algerische Autor Boualem Sansal glaubt nicht an einen friedfertigen Islam. Nach der Zeit der Spaltungen und Kriege werde sich ein Führer aller Muslime zu installieren versuchen.

Der Warner Boualem Sansal wird gehört, und Sie bekommen einen Preis nach dem anderen.
Na ja. Gehört, mag sein. Aber man zieht keine Konsequenzen daraus.

Sind Ihre Bücher in Algerien verboten?
Früher waren sie verboten. Seit einigen Jahren sind sie es nicht mehr. Präsident Bouteflika sagt: Algerien ist eine richtige Demokratie, die Schriftsteller dürfen uns sogar beschimpfen. Das ist Koketterie. Das algerische Regime ist eine Diktatur, die sich als Demokratie verkleidet.

In Ihrem neuen Roman «2084» beschwören Sie den Albtraum einer islamistischen Diktatur. Könnte dieser Realität werden? Und wo?
Es ist eine seriöse Hypothese. Und bereits Realität. An vielen Orten ist der Anfang des Albtraums gemacht: nicht nur in Algerien, in fast allen arabischen Ländern – selbst dort, wo man die Situation unter Kontrolle hat, wie in Marokko, wo hinter der Postkartenidylle dieses System bereits installiert ist. Es herrscht dort ein künstlicher Frieden.

Im Vergleich zu Ihrem düsteren Buch stimmt Michel Houellebecqs Roman «Unterwerfung» direkt versöhnlich. Wie stehen Sie zu ihm?
Er wirft eine fundamentale Frage auf: Wie kann der Isalm, der seit zwei Jahrzehnten die Nahda, also eine Renaissance erlebt, wie kann der von der Kolonisation und Moderne beschädigte und wieder erwachte Islam sich an die Macht bringen? Houellebecq glaubt, der Islam könnte sich in Europa anpassen und auf demokratischem Weg die Macht übernehmen. Er glaubt an einen verwestlichten Islam. Da bin ich ganz anderer Meinung. Der politische Islam weigert sich, sich anzupassen, er will nur die Ordnung Gottes umsetzen. Demokratie, Gleichberechtigung oder Homosexualität kann er nicht akzeptieren.

Gehen Islam und Demokratie auch in Europa nicht zusammen?
Man muss die verschiedenen Richtungen im Auge haben. Es gibt viele offene Muslime, die sich anpassen. Letztlich aber kollidieren die Werte des Islam mit der Demokratie. Die islamisch verstandene Demokratie ist oft eine wie in der Zeit des Propheten, der nicht allein, sondern kollektiv mit Beratern entschied. Dann gibt es heute die andere starke Richtung der Salafisten, die zum Ur-Islam zurückwollen. Wieder eine andere Richtung, die mächtigen Muslimbrüder, wollen mit dem Volk arbeiten. Schliesslich die jihadistische Richtung, die sagt, man müsse den Okzident zerstören. Sie alle wollen nicht über Religion diskutieren, sondern Gott gehorchen und dem Kalifen, seinem Repräsentanten.

Und in Syrien, im Irak oder in Libyen? Wird es dort einen säkularen demokratischen Staat geben?
Das glaube ich nicht. Die Religion ist das Haupthindernis der Demokratie. Und der Araber kann seiner Geschichte nicht entrinnen. Der Glaube ist unglaublich wichtig. Die Macht des Islam beherrscht das Individuum. Dieser existiert nur als Gläubiger mit seinen Brüdern in der Umma. Selbst wenn ein Muslim alleine in New York lebte, würde er sich nicht anpassen. Der genetisch-kulturelle Code ist zu stark. Dazu kommt die patriarchale Stammeskultur. Die tribale Organisation gründet auf den religiösen Schismen, die den Islam so stark fragmentieren. Der Irak etwa ist nicht nur schiitisch oder sunnitisch. Und in Algerien gibt es unzählige Spaltungen – die Sunniten, die Malakiten und so weiter, aber auch ethnische Stämme wie die Kabylen oder Tuareg. Selbst der Sufismus geht transversal durch alle Strömungen und Unterströmungen hindurch.

Gibt der mystisch-friedliche Sufismus nicht Anlass zur Hoffnung?
Der sufistische Islam, wunderschön besungen von Dichtern wie Rumi und Ibn Arabi, ist die einzige Spielart im Islam, die individuell ist. Es gibt aber auch einen sehr strukturierten Sufismus: den bruderschaftlichen Sufismus. Allein in Algerien haben wir 15 verschiedene sufisch geprägte Bruderschaften. Auch dort hat das Individuum nur die Wahl zwischen Unterwerfung und Revolte.

Ist der Islamismus in Algerien nach wie vor stark?
Ja. Aber er wandelt sich. Nach der Unabhängigkeit von 1962 war Algerien auf eine laizistisch–atheistische Linie eingeschwenkt. Dann kamen die Islamisten, übrigens alles Universitätsabgänger, und haben die Kommunisten rausgeworfen. Sie haben einen algerisch-nationalistischen Islam entworfen, der den Hass etwa auf den wahhabitischen Islam in Saudiarabien predigte. Die nationalen Islamismen passten sich den Eigenheiten des jeweiligen Landes an.

Und jetzt kommt der transnationale Islam?
 Ja. In Algerien hat man die lokalen Chefs der Islamisten getötet, um den Islam zu vereinheitlichen. Überall aber stellt sich die Frage: Wer wird Kalif, wer ist dazu legitimiert? Es gibt bereits einen Krieg ums Kalifat. Alle spielen Poker und geben sich transnationale Ehrentitel. Der saudische König nennt sich K��nig von Arabien und Hüter der heiligen Stätten. Die marokkanischen Könige proklamieren sich als Sultan und Kommandant aller Gläubigen. Ayatollah Khamenei, der oberste Führer im Iran, fühlt sich als Vertreter des reinen Islam. Zurzeit überlappen sich die Spaltungen und die Tendenzen zur Vereinheitlichung. Es braucht Zeit, bis der Kalif kommt.

Vielleicht in der Person Erdogans?
Die Türkei ist schon jetzt ein muslimischer Staat. Auch Erdogan bringt sich in Position für das Kalifat. Er fühlt sich dazu legitimiert, weil er an das letzte, bis 1924 in der Türkei bestehende osmanische Kalifat anknüpfen will.

Kann es einen Kalifen geben, der von allen akzeptiert wird?Wenn die Zeit der Spaltung vorbei ist, ja. Im Moment aber ist noch die Periode der Spaltungen und Kriege. Die Kalifen selber sind früher ja praktisch alle umgebracht worden. Die Familie des Propheten um seinen Cousin Ali wurde umgebracht. Später sind die Kalifen Staatsstreichen zum Opfer gefallen.

Inzwischen wird der Islamische Staat weiterwüten. Sie prophezeien, der Terrorismus werde sich zum urbanen Guerillakrieg ausweiten.
Der IS wird noch eine Weile bleiben. Dann wird er wie andere Terrororganisationen verschwinden, aber es werden neue Instrumente des Terrors geschaffen. In Algerien sind die Bewaffneten Islamistengruppen entstanden und wieder verschwunden. In Nigeria wird Boko Haram verschwinden und durch neue Bewegungen ersetzt werden.

Der Terrorismus, sagen Sie, sei nur ein Instrument der Islamisierung.
Kriegerisch und ökonomisch ist der Okzident heute kaum zu schlagen. Also besinnt sich der Islamismus auf neue Arten des Krieges, auf den Terrorismus zum Beispiel. Aber nicht nur. Die Islamisten missionieren mit verschiedensten Mitteln: Sie gründen politische Organisationen, predigen in Moscheen und im Internet. Sie islamisieren das jeweilige Umfeld. Die erste Generation in Frankreich hatte sich noch angepasst, trank Wein, hatte amouröse Abenteuer. Die zweite Generation wird auf die Gebote des Korans getrimmt, um die islamische Identität zu wahren. Dabei hilft ihnen etwa die potente Organisation Amicale des Algériens, die, ähnlich wie die Muslimbrüder, tentakelartig in allen französischen Städten Niederlassungen hat.

Wie wird sich der Islam in Europa entwickeln?
In Europa entsteht eine neue starke Richtung des Islam, die noch keinen Namen hat. Die modernen Islamisten glauben je länger, desto mehr, dass sogar der künftige Kalif aus Europa kommen soll. Das sei besser als einer aus dem Iran. Es gibt bereits Leute, die sich in Position bringen: Die Gebrüder Hani oder Tariq Ramadan etwa sind als Enkel von Hassan al-Banna, dem Gründer der Muslimbrüder, prädestiniert. Sie arbeiten mit den Islamisten zusammen. Und Tariq Ramadan, dessen Lehrstuhl in Oxford von Katar finanziert wird, rekrutiert bei jedem Vortrag tausend Personen. Auch der in Wien lebende charismatische Palästinenser Adnan Ibrahim, der einen friedlichen Islam predigt, ist ein Kandidat.

Sind das nicht ­Verschwörungstheorien? Man wirft Ihnen Alarmismus vor.
Es gibt viele Alarmisten – andere verharmlosen alles. Mit der freien Meinungsäusserung ist es in Europa nicht weit her. Die blosse Erwähnung des Begriffs «Islam» würgt jede Diskussion ab oder lässt sie auf Phrasen und Gemeinplätze des politisch Korrekten hinauslaufen.

Sind Ihre Prognosen nicht Wasser auf die Mühlen rechtsextremer Bewegungen wie Pegida oder Front National?
Das wirft man mir vor. Ich werde aber nie an Veranstaltungen des Front National eingeladen, weil ich als Intellektueller seine Positionen nicht teile. Ich sage nur, man solle genau hinsehen. Der Islam hat in Europa Fuss gefasst, und muslimische Organisationen sind wichtig geworden, sie haben nicht etwa mit ihren Herkunftsländern gebrochen. Darum ist die Integration schwierig.

Sie sagen, die angegriffene Gesellschaft entwickle sogar Verständnis für die Islamisten, ein kollektives Stockholm-Syndrom. Wie meinen Sie das?
Die Debatten um Islam und Islamismus, die jetzt in Europa geführt werden, hatten wir eins zu eins in Algerien vor dem Bürgerkrieg. Als es zu Beginn der 90er- Jahre zu Attentaten von Islamisten kam, regierte man heftig und forderte, sie zu liquidieren. Der Terrorismus provozierte den Antiterrorismus, der noch viel schlimmer war. Man gab der Armee Aufgaben der Polizei. Diese folterte, tötete, sperrte ein. Während des Bürgerkriegs in den 90ern verwandelte sich Algerien in eine Folterkammer. Die Armee war überall, man hatte nicht mehr das Recht auszugehen. Die Menschen hatten mehr Angst vor dem Militär als vor den Terroristen. Das meine ich mit dem Stockholm-Syndrom.

Quelle: http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/Der-neue-Kalif-koennte-aus-Europa-kommen/story/10348252