Reiseberichte

Kleine Anleitung zum Reiseglück

Die Einführung des Euro, mit der Altbundeskanzler Helmut Kohl bei unseren französischen Freunden die Zustimmung zur deutschen Einheit erkaufte, nutzten Reiseveranstalter, Hotellerie und Gastronomie, um klammheimlich ihre Preise zu verdoppeln, indem sie die Umrechnung von DM in Euro clever vergaßen und beides blauäugig einfach gleichsetzten. Von den Konsumenten wurde es klaglos hingenommen, große Empörung blieb aus.

Früher kostete in einem Hamburger Nobelhotel die mit Stolz stets vorhandene Seezunge (unter der Silberhaube serviert und filetiert von einem weißbehandschuhten Ober) 40 DM - ein gerade eben noch erträglicher Preis, den das Feine-Pinkel-Ambiente halbwegs rechtfertigte. Heute zahlt man für die gleiche Seezunge (unter der Silberhaube serviert und filetiert von einem weißbehandschuhten Ober) stolze 42 Euro. In alter Währung 83 DM. Irrsinn.

Ähnlich verhält es sich mit den Preisen für Reisen. Man leidet unter keiner Wahrnehmungsstörung, wenn man nach der Euro-Einführung fast eine Verdoppelung konstatiert. Egal, ob man als Individualreisender unterwegs ist oder als Pauschaltourist.

Die beiden Arten zu reisen, kommen schon einem Glaubensbekenntnis nahe. Beide haben Vor- und Nachteile. Einmal fremdorganisierte Bequemlichkeit und Zwangsgemeinschaft mit Leuten, die man sich nicht aussuchen kann, zum andern eigenverantwortliche Freiheit von Kommen und Gehen, verbunden mit oftmals nervenaufreibender Hotelsuche. Bei beiden Arten des Reisens gibt es kein Entrinnen vor dem normierten Massentourismus, es sei denn, Sie besitzen auf Mallorca oder Ibiza eine versteckte Finca oder in der Toskana ein verträumtes Landhaus, selbst für Google Earth unauffindbar, oder eine tolle Yacht.

Urlaub, Ferien: Das Wort Urlaub hat nichts mit archaischen Wäldern zu tun. Es leitet sich etymologisch ab vom Wort Erlaubnis: der Erlaubnis des Arbeitgebers, der Arbeit fernzubleiben. Urlaub ist ein Begriff der Angestelltenkultur. Freie, ungebundene Menschen machen nicht Urlaub, sondern Ferien.

Wenn Sie über ein monatliches Nettoeinkommen ab 4000 Euro verfügen und grundsätzlich sowieso nur in exquisiten Luxushotels absteigen, brauchen Sie nicht weiterzulesen und können sich jetzt sinnvolleren Beschäftigungen widmen.

So. Wir Kirchenmäuse unter uns können nun an die Reiseplanung gehen.

Nur die bedauernswerten Familienmenschen mit schulpflichtiger Brut sind auf die Hauptsaison angewiesen. Der unabhängige Reisende wählt natürlich die Nebensaison (Mitte Mai bis Mitte Juni und Mitte September bis Mitte Oktober). Zu diesen Zeiten ist er nicht von Massen umzingelt, muss an südlichen Gestaden nicht unter qualvoller Hitze leiden und hat zudem ein geringeres Hautkrebsrisiko. Obendrein zahlt er, mit etwas Geschick, nur ungefähr die Hälfte der Hauptsaisonpreise. Das hat nichts mit Geiz zu tun, sondern ist ein Akt der Notwehr.

Während in der Hochsaison Pauschal- und Individualreisende ungefähr in selbem Maße zur Kasse gebeten werden, lohnt sich in der Nebensaison durchaus eine Pauschalreise. Wenn Sie für eine Woche mit Halbpension in einem Drei- oder Vier-Sterne-Hotel auf Mallorca (immer noch am billigsten in Spanien) unter 400 Euro bezahlen (inklusive Flug und Transfers), haben Sie unschlagbar günstig gebucht. Bei Reisen in arabische Länder oder in die Türkei sollte es schon ein Fünf-Sterne-Hotel sein, da in diesen Regionen die Hotelsterne offenbar durch Pokern verteilt werden. Wenn man also 30 Euro (vormals 60 DM) pro Person und Tag für ein ordentliches Hotel mit Verpflegung im Gesamtpreis annimmt, kann damit eine Individualreise preislich in keiner Weise konkurrieren.

Vor der Reise steht eine gründliche Internet-Recherche. Der Preis für ein und dieselbe Reise kann bei unterschiedlichen Anbietern bis zu 250 Euro differieren. Die Veranstalter sind skrupellos und bauen auf die Dummheit ihrer Klientel. So ist eben der kapitalistische Markt. Zum Glück gibt es Internet-Reiseportale, die mit ihrer genialen Software leicht einen Preisvergleich ermöglichen. Unzählige Prospekte muss man nicht mehr wälzen - das war gestern, in der internetlosen Steinzeit. Wenn Sie zu einem Dumping-Preis buchen konnten, erzählen Sie es unbedingt anderen Hotelgästen, und genießen Sie den Hass der ausgebeuteten Ignoranten.

Aber man will ja nicht nur günstig, sondern auch qualitativ gut verreisen. Billig, ja, aber Schrott, das soll’s nicht sein. Preiswert eben, im wahrsten Wortsinn. Auch hier hilft das Internet weiter mit seinen Portalen, die Hotelkritiken frustrierter oder begeisterter Vorausgereister veröffentlichen, zum Beispiel http://www.hotelbewertungen.net/ - eine gar nicht hoch genug zu schätzende Informationsquelle.

Alles Reiseelend dieser Welt ist hier versammelt: unfreundliches bis rotzfreches Hotelpersonal, Essen, dessen Köche einen anderen Beruf versäumen, nächtlicher Lärm, durchgelegene Betten, Zimmer, ungeputzt und schmutzig, schimmelige Bäder, Ungeziefer usw. Das alles möchte man selbst nicht erleben. Und muss es auch nicht, wenn man ein Hotel wählt, das einen positiven Bewertungsdurchschnitt von mindestens 80% erreicht. Bei über 90% ist ein Traumhotel in greifbarer Nähe. Je mehr Bewertungen, desto besser; notorische Nörgler und Querulanten sind schnell ausgemacht, und ihre Urteile können vernachlässigt werden. So ergibt sich durch Wiederholung der Mängel und Pluspunkte doch schon ein ziemlich zuverlässiges objektives Bild. Der Rest ist (spannendes) Lebens- und Reiserisiko. Jedenfalls bleibt einem ein ägyptisches Großhotel erspart, das fast ausschließlich von rustikal auftretenden Russen frequentiert wird.

Sehr wichtig für die Wahl eines Hotels ist auch dessen Lage. In Tunesien und Ägypten, in der Türkei und in Griechenland liegt es schon mal gern in der hiesigen Pampa, kilometerweit entfernt von der nächsten Ortschaft. Wollen Sie das? Dann ist ein Leihwagen unerlässlich, um dem Ghetto entfliehen zu können.

Eine unselige Erfindung der renditefreudigen Hotelbranche sind auch die Resorts: Touristen-Deponien, Bettenburgen. Fast die gesamte Ostküste Mallorcas ist damit kontaminiert (eine Ausnahme: Porto Cristo). Die Namen beginnen alle mit Cala (Bucht). In der Nebensaison oft Geisterorte, die als Horrorkulisse für einen SF-Film dienen könnten. Wählen Sie lieber eines der Städtchen mit einem Puerto: im Norden Alcúdia, im Westen Sóller, im Süden Andratx. Hier leben noch Eingeborene.

Die abstoßendsten europäischen Resorts dürften der Sonnenstrand und der Goldstrand in Bulgarien sein. Investoren und Architekten verdienen die Höchststrafe. Damit soll keineswegs von einer Reise nach Bulgarien abgeraten werden. Es gibt dort sehr angenehme Orte am Schwarzen Meer, wo man Hotels (noch) zu äußerst moderaten Preisen finden kann: Baltschik, Nessebar, Sozopol. Eine Nostalgiereise in die 70er Jahre - Spanien hat den Charme dieser Unschuld längst verloren.

Wo auch immer: Buchen Sie auf keinen Fall ein Hotel mit AI („All inclusive“). Sie müssen am Arm ein albernes, nicht entfernbares Bändchen tragen, das Sie als AI-Bucher ausweist. Wäre nicht eine Ohrmarke wie beim Rindvieh angemessener? Die Gratisdrinks, die Sie bestellen, erhalten Sie überwiegend in Pappbechern. Alkoholika sind meistens von minderwertigster Qualität (das Hotel will ja Profit machen). Vom Personal werden Sie wie der letzte Dreck behandelt, da von Ihnen kaum Trinkgelder zu erwarten sind. In AI-Hotels treffen Sie zudem auf Zeitgenossen, denen Sie sonst nie begegnen wollten: Säufer, die alles schlucken, was Prozente hat. AI-Hotels sind die vulgarisierte Mutation der ehemals elitären Clubidee fürs „abgehängte Prekariat“.

Und vor allem: Lassen Sie sich die Reiselust nicht vergällen von grünen Savonarolas, die dem Land auch noch den letzten Rest an Lebensfreude austreiben wollen und Ihnen einblasen, mit Ihrem Flug avancierten Sie zum Klimakiller - in Wirklichkeit verursacht der weltweite Flugverkehr nur ca. 3% des CO2-Aufkommens. Der Ablasshandel, den, beispielsweise, atmosfair (http://www.atmosfair.de/) für Leute mit eingeredet schlechtem Gewissen betreibt, ist nichts anderes als pure Abzocke.

In diesem Sinne: Gute Reise!

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