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"Der Untergang des Abendlandes" - Die Rolle der Presse

Oswald Spenglers (1880-1936) aufsehenerregendes geschichtsphilosophisches Hauptwerk "Der Untergang des Abendlandes" erinnert beim Lesen mitunter einem Sammelsurium historischer Déjà-vus.

Das mag auch daher kommen, dass der Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler Geschichte nicht als linearen Prozess mit  stetigem Fortschritt  betrachtete, sondern als eine Art kultureller Morphogenese mit zyklischer Wiederkehr einzelner Formen. Kulturen gleichen in Oswald Spenglers, an die Gedanken Nietzsches und Schopenhauers angelehnten, geschichtsphilosophischem Weltbild Pflanzen, welche dem mütterlichen Boden entsprießend und aus ihm ihren Mythos und Geist bildend, schließlich Blüte und Höhepunkt erreichen, um in der späten Phase der "Zivilisation" (die hier als Gegensatz zu "Kultur" verstanden werden muss) letztendlich zu erstarren und zu "verdorren". Der als unvermeidlich betrachtete "Untergang" einer jeden Kultur entspringt also in der Regel keiner plötzlichen Katastrophe, sondern einem langwierigen, "natürlichen" Prozess, an dessen Ende es kein Volk mehr, sondern lediglich "Volksmassen", keine Religion, sondern kalten Intellekt und Materialismus, keinen Kultus, sondern "Brot und Spiele", keine Kunst und Literatur, sondern Kunsthandel und Journalismus gibt, und der in seiner letzten Phase meist in die Herrschaft des Geldes und ungezügelten Imperialismus mündet.

Die Aktualität von Spenglers 1918 herausgegebenen Hauptwerkes sei hier an einem Auszug erläutert, welches die Rolle der Presse und des Journalismus beschreibt :

"Die Demokratie hat das Buch aus dem Geistesleben der Volksmassen vollständig durch die Zeitung verdrängt. Die Bücherwelt mit ihrem Reichtum an Gesichtspunkten, die das Denken zur Auswahl und Kritik nötigte, ist nur noch für enge Kreise ein wirklicher Besitz. Das Volk liest die "eine", seine Zeitung, die in millionenfacher Auflage täglich in alle Häuser dringt, die Geister vom frühen Morgen an in ihren Bann zieht, durch ihre Anlage die Bücher in Vergessenheit bringt, und, wen eins oder das andre doch einmal in den Gesichtskreis tritt, seine Wirkung durch eine vorweggenommene Kritik ausschaltet.

Was ist Wahrheit? Für die Menge das, was man ständig liest und hört.Mag ein armer Tropf irgendwo sitzen und Gründe sammeln,um die "Wahrheit" festzustellen - es bleibt seine Wahrheit. Die andre, die öffentliche des Augenblicks, auf die es in der Tatsachenwelt der Wirkungen und Erfolge allein ankommt, ist heute ein Produkt der Presse. Was sie will, ist wahr. Ihre Befehlshaber erzeugen, verwandeln, vertauschen Wahrheiten. Drei Wochen Pressearbeit, und alle Welt hat die Wahrheit erkannt*. Ihre Gründe sind so lange unwiderleglich, als Geld vorhanden ist, um sie ununterbrochen zu wiederholen...............Die Dynamik der Presse will dauernde Wirkungen. Sie muss die Geister dauernd unter Druck halten. Ihre Gründe sind widerlegt, sobald die größere Geldmacht sich bei den Gegengründen befindet und sie noch häufiger vor aller Ohren und Augen bringt.In demselben Augenblick dreht sich die Magnetnadel der öffentlichen Meinung nach dem stärkeren Pol. Jedermann überzeugt sich sofort von der neuen Wahrheit.Man ist plötzlich aus einem Irrtum erwacht. Mit der politischen Presse hängt das Bedürfnis nach allgemeiner Schulbildung zusammen, das der Antike durchaus fehlt. Es ist ein ganz unbewußter Drang darin, die Massen als Objekte der Parteipolitik dem Machtmittel der Zeitung zuzuführen. Dem Idealisten der frühen Demokratie erschien das als Aufklärung ohne Hintergedanken, und heute noch gibt es hier und da Schwachköpfe, die sich an dem Gedanken der Pressefreiheit begeistern, aber gerade damit haben die kommenden Cäsaren der Weltpresse freie Bahn. Wer lesen gelernt hat, verfällt ihrer Macht, und aus der erträumten Selbstbestimmung wird die späte Demokratie zu einem radikalen Bestimmtwerden der Völker durch die Gewalten, denen das gedruckte Wort gehorcht......In den naiven Anfängen der Zeitungsmacht wurde sie durch Zensurverbote geschädigt, mit denen die Vertreter der Tradition sich wehrten, und das Bürgertum schrie auf, die Freiheit des Geistes sei in Gefahr. Jetzt zieht die Menge ruhig ihres Weges; sie hat diese Freiheit endgültig erobert, aber im Hintergrunde bekämpfen sich ungesehen die neuen Mächte, indem sie die Presse kaufen. Ohne daß der Leser es merkt, wechselt die Zeitung und damit er selbst den Gebieter. Das Geld triumphiert auch hier und zwingt die freien Geister in seinen Dienst. Kein Tierbändiger hat seine Meute besser in der Gewalt. Man läßt das Volk als Lesermasse los, und es stürmt durch die Straßen, wirft sich auf das bezeichnete Ziel, droht und schlägt Fenster ein. Ein Wink an den Pressestab und es wird still und geht nach Hause. Die Presse ist heute eine Armee mit sorgfältig organisierten Waffengattungen, mit Journalisten als Offizieren, Lesern als Soldaten. Aber es ist hier, wie in jeder Armee: Der Soldat gehorcht blind und die Wechsel in Kriegsziel und Operationsplan vollziehen sich ohne seine Kenntnis. Der Leser weiß nichts von dem, was man mit ihm vor hat, und soll es auch nicht, und er soll auch nicht wissen, welch eine Rolle er damit spielt. Eine furchtbarere Satire auf die Gedankenfreiheit gibt es nicht. Einst durfte man nicht wagen, frei zu denken; jetzt darf man es, aber man kann es nicht mehr. Man will nur noch denken, was man wollen soll, und eben das empfindet man als seine Freiheit.

* Das stärkste Beispiel wird für künftige Geschlechter die Frage der "Schuld" am Weltkrieg sein, das heißt, wer durch Beherrschung der Presse und Kabel aller Erdteile die Macht besitzt, für die Weltmeinung diejenige Wahrheit herzustellen, die er für seine politischen Zwecke braucht, und sie so lange zu halten, als er sie braucht. Eine ganz andere Frage, die nur in Deutschland noch nicht mit der ersten verwechselt wird, ist die rein wissenschaftliche, wer ein Interesse daran besaß, ein Ereignis gerade im Sommer 1914 eintreten zu lassen, über das es damals schon eine ganze Literatur gab.

aus Oswald Spengler: "Der Untergang des Abendlandes", C.H Beck Verlag München, Seite 1139-1141