Reisebericht

Australien: 5000 Kilometer durchs Outback

Reiseziel ist Karumba am Golf of Carpentaria. Eine Strassenkarte habe ich gerade noch gekauft, viel wert ist sie nicht, aber es gibt in Australien keine ordentlichen Landkarten. Mal sehen, wie weit ich heute komme !?

(Text gekürzt)
Ausführlicher Bericht: www.storyal.de

1. Kapitel

Das also ist der australische Busch: Verdorrtes Gras, trocken wie Zunder, kaum Buschwerk aber ein lichter Wald von Eukalyptusbäumen, niedrig, verschiedene Arten. Erstarrte und inzwischen erodierte Lava türmt sich zu Wällen und Hügeln. Die Flächen gleichen entfernt den abgeschliffenen Felsen in Norwegen, aber sie sind wesentlich rauher. Wenn man hier richtig hinfällt, steht man mit bösen Schürfwunden wieder auf. Die dominierende Farbe ist rot. Rot in allen Farbnuancen und rote Schotterpisten bis an den Horizont. Jetzt sitze ich im CarPark von UNDARA, der gleichzeitig Ausgangspunkt zur Erkundung des Undara Volcanic National Parks ist. Eine steinige, lebensfeindliche und verbrannte Gegend. Wenige niedrige Bäume, grosse Lavablöcke türmen sich zu einem Hügel auf, überall kleine und grosse Lavabrocken, die roten Wege sind damit eingegrenzt. Drückende Hitze. Lautes Vogelgeschrei. Die Sonne ist schon untergegangen. Bäume wie Scherenschnitte vor dem hellen Horizont in Richtung Sonnenuntergang. Zwielicht. Der Sternenhimmel ist schon zu sehen, aber für die Milchstrasse ist es noch zu früh. Es ist 19 Uhr, 27° warm und kein Lüftchen bewegt sich hier in diesem Ofen.

Gegen 17:45 Uhr erreiche ich Undara. Alle Strassen enden an der Rezeption. Rund herum ist hier nur noch Busch: Outback. Ich buche einen Zeltplatz und für morgen früh eine Tour durch den Volcanic Park: ‚Aaauuu Kaaaaiiii !!‘ Ich bekomme den Standplatz C13, die Tour beginnt morgen um 8 Uhr und wird zwei Stunden dauern. ‚Toilette und Dusche da links, Bar und Restaurant um die Ecke, der Shop ist nebenan, um 20 Uhr ist heute Lagerfeuer – alles klar ?!‘ Alles klar. Mit AMEX werden 35 Dollar abgebucht und die ganze Angelegenheit ist in höchstens fünf Minuten abgewickelt. Ich kann es immer noch nicht fassen, wie einfach und selbstverständlich das alles sein kann: Alles funktioniert ohne Diskussion, ohne Resolution, ohne Massnahmepläne, Selbstkritik und ohne Parteitagsbeschlüsse. Alles regelt sich über das Geld völlig im Selbstlauf. Man muss es nur haben. Ich könnte hier auch ein Cabin, eine Lodge oder eine Suite für eine grosse Familie mieten (mit oder ohne Breakfast und Dinner). Ich muss es bloss bezahlen können. Mein Zelt kostet pro Nacht 9 $, natürlich mit separater Dusche und WC und auch der Feuerplatz mit dem Steakrost ist inklusive. Aber man kann hier auch für 110 $/night and person logieren.

Die Camper, die sich neben mir auf den Stellplätzen auf die Nacht vorbereiten, sind völlig unterschiedlich ausgestattet. Ich habe die Miniversion der Campingausstattung: PKW, ein kleines Zelt ohne Vordach und einen Campingstuhl. Ich habe kein Licht, keinen Tisch, keinen Kocher und kein Geschirr. Aber es geht noch einfacher: Die Leute neben mir haben eine Plane auf die Erde gelegt und zwischen zwei Bäumen ein Regendach darüber gespannt. Dort schlafen sie in einem Swag (entsetzlich schwerer australischer Schlafsack mit eingearbeiteter Matratze, Relikt aus der Pionierzeit). Sie kochen mit einem schwarzen Topf auf offenem Feuer. Das geht auch und das ist die original australische Campingversion. Ich habe am Cape Tribulation auch schon Biker gesehen, die sich, dreckig wie sie waren, neben ihrem Motorrad bei Regen in diesen Swag eingewickelt und ins nasse Gras gelegt haben ...! Nach oben gibt es bei der Ausrüstung keine Grenzen: 4WD-Busse mit Klima und grosser Schlaffläche. Riesige Zelte, in denen man stehen kann, werden aus den Autos geräumt, komplette Küchen mit ganzen Schränken (gestapelte Schübe) voller Geschirr und Gerätschaften, Tische, Stühle und grosse Überzelte, Licht und mehrere Kochflächen aus Gasflaschen. Ganz wichtig scheint das allabendliche Feuer zu sein, an dem dann riesige Steaks gebraten werden. Amerikas Cowboys lassen grüssen. Aber das soll jeder machen, wie er es für gut und richtig hält. Ich werde mir bei meinem kurzen Trip kein Essen selber kochen, der Aufwand ist zu gross. Ausser dem heissen Tee fehlt mir nichts, aber den gibt es ja überall. Auch hier stehen bei der Rezeption Thermoskannen mit heissem Wasser und die Tee- und Kaffeebeutel liegen daneben: Jeder kann sich kostenlos bedienen. Ist das mal nicht der Fall, dann kostet ein Tee 1 bis 1,5 $, kein Vergleich mit der unvergesslich unverschämten, deutschen Nordsee, wo ein Teebeutel inklusive heisses Wasser 6,90 DM kostet.

Heute bin ich gegen 11:45 Uhr auf dem Parkdeck des Cairns Central in mein Auto gestiegen und zu neuen Abenteuern gestartet. Vorher noch Schreiben bei Tee und Apfelstrudel. Dann eine Fahrt bis Innisfail durch eine landwirtschaftlich genutzte, schöne, grüne und fruchtbare Gegend. Ein breites Tal zwischen bewaldeten, ca. 600 bis 800 Meter hohen Bergen. Dort oben gibt es noch Regenwald, der im Tal gerodet ist. Zuckerrohr, Bananen, Orangen und andere tropische Früchte werden jetzt hier angebaut. Es gibt nur Sommer mit mehr oder weniger Regen, also kann ständig gesät und gleichzeitig auch geerntet werden.

Innisfail ist das Muster einer amerikanischen Kleinstadt, wie ich sie mir vorstelle: Niedrige Holzhäuser und breite Strassen dösen menschenleer in der Mittagshitze. Überdachte Gehwege, jedes Haus hat seine Arkade. Australien hat viel von Amerika kopiert. Es ist 13 Uhr, als ich hier Pause mache, aussteige und durch diese kleine Stadt wandere. Das Rathaus ist die Miniausgabe des Weissen Hauses; ein klotziges Hotel, das erste Haus am Platz. Ich gucke in die pompöse katholische Kirche in Weiss und Rosa – it’s America. Ich mache Fotos in Innisfail und sie gleichen den Fotos, die man in anderen australischen Kleinstädte machen könnte. In einem Imbissladen kaufe ich mir Fish and Chips und eine Zeitung. Damit fahre ich ein bis zwei Kilometer vor die Stadt, setze mich unter einen herrlichen, breiten und vom Regenwald übrig gebliebenen Baum neben das Auto und mache Picknick. Erst als ich mich hingesetzt habe sehe ich, dass gegenüber ein schöner ruhiger Friedhof ist und daneben eine Gaststätte. Aber wer geht hier schon essen. Zwei andere Autos stehen mit mir unter den Bäumen und auch da wird gegessen. Die Zeitung besteht aus 24 Seiten. Davon sind 23 Seiten der Lokalteil, auf der ersten Seite gibt es Meldungen aus Australien, aber das war’s dann auch: Die übrige Welt existiert nicht: Nicht eine internationale Meldung.

Dann muss ich ein paar Kilometer zurück fahren, denn die Strasse Nr. 25 zweigt vor Innisfail nach Ravenshoe ab. Jetzt beginnt eine traumhafte Fahrt durch das Tableland. So eine herrliche Gegend habe ich fast noch nie gesehen: Eine vor Fruchtbarkeit strotzende, grüne, hügelige Parklandschaft. So weit das Auge reicht: Weideland, grosse Bäume auf grünen Wiesen, braune Rinder, kleine Wälder und Berge am Horizont. Grosse Landsitze der Farmer, eingebettet in Palmenhaine und riesige Blumenrabatten. Die herrliche Strasse windet sich durch diese Bilderbuchlandschaft, das Auto fährt von alleine, es gibt kaum Verkehr und immer wieder komme ich an phantastischen Aussichtspunkten vorbei, die sogar 300 Meter vorher angekündigt werden. Und natürlich kann man an den Aussichtsstellen auch im Auto sitzen bleiben, so bequem wird einem das hier gemacht. So stelle ich mir das auch im Autoland USA vor. Trotzdem steige ich aus, ich kann mich kaum an diesen Bildern satt sehen und möchte ständig fotografieren. Genau passend zu dieser Landschaft das Radioprogramm: Zwei Stunden klassische Musik, Beethoven, Haydn, Ravell und Pavarotti. Das ist die Untermalung für ein Feature über das Kaffeehaus, den Jugendstil und den Dadaismus um 1910 in Deutschland. Peter Altenburger, Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler u.a. werden in reinstem Oxford-English mit ihren Texten zitiert. Ruhige Sprecher, angenehme Stimmen, eine sehr interessante Zeit: Ein Genuss für sich, dieses Feature. Auch English kann eine herrliche Sprache sein. Was für eine phantastische Fahrt !!

Hinter Ravenshoe ändert sich die Landschaft im verlauf von nur wenigen Kilometern abrupt. Die herrliche breite Teerstrasse wird zur einspurigen Piste, rechts und links ein zwei Meter breiter, roter Randstreifen. Auf den muss man bei Gegenverkehr ausweichen. Dann entstehen die aus dem Kino bekannten, langen Staubfahnen hinter den Autos. Aber es kommt mir nur selten jemand entgegen. Zehn oder auch zwanzig Kilometer fährt man allein durch die immer gleiche Landschaft auf einer schnurgeraden Strasse. Ausser dem lichten Eukalyptuswald mit dem gelben, vertrockneten Grasboden ist nichts zu sehen. Dann kommt ein Auto entgegen: Sofort muss man auf die Bremse, runter von 120 Km/h und mit den linken Rädern auf den Randstreifen. Das Poltern der Räder auf dem Randstreifen und Staubwolken bei der Begegnung der Fahrzeuge. Dann wieder rauf auf die Teerstrasse, bis zum nächsten Mal. Es kommt nicht vor, dass man überholt wird, oder selber überholt. Auf diesen Strassen fahren nur wenige und nur die, die es unbedingt müssen. Solche neugierigen Touristen wie ich einer bin, sind sehr selten und wenn, dann sind die mit 4WD-Campingwagen unterwegs. Ein Schild am Ortsausgang:

!!! CAUTION – Road Trains, 50 meter long !!!

Einmal bin ich bisher so einem Gerät begegnet: Es ist besser, man geht so weit wie möglich beiseite, denn diese harten Jungs gehen nicht mit dem Fuss vom Gas, und auf den Randstreifen weichen sie nur aus, wenn es überhaupt nicht anders geht. Jetzt ist mir auch klar, warum diese Trucks vorne solche Rammgitter haben: Auf der Strasse liegen tote Känguruhs und tote, zerfahrene Kühe. Tiere laufen über die Strasse, aber die Trucker denken nicht daran, auf die Bremse zu gehen. Sie können den Train wahrscheinlich wirklich nicht so schnell bremsen.

Die Abzweigung zu den Lava Tubes wird angezeigt: 17 Kilometer bis Yaramulla. Das ist die Gabelung des Kennedy Highways: Südlich geht es nach Hughenden und in Richtung Westen liegt Karumba, wo ich hin will. ‚Developmental Road‘ heisst das Zauberwort: 10 Kilometer hervorragende, zweispurige Strasse, dann plötzlich und ohne Vorwarnung wieder fünf Kilometer einspurige Piste mit Randstreifen. Nach 17 Kilometern steht am Abzweig nach Undara wieder so ein Schild: ‚Developmental Road, 15 Km‘. 15 Kilometer rote Schotterpiste mit klassisch ausgeprägten, endlosen Waschbrettern. Das heisst hier ‚Gravelroad‘. Das Zahnstreifenproblem hat mich wieder eingeholt. Diese Streifen hier sind so bilderbuchmässig schön, dass ich ein paar Fotos davon mache. Aber weil ich ja mal ‚auf Dynamik studiert‘ habe, weiss ich auch, wie man dieses 15 Kilometer lange Waschbrett spielend bewältigt: Die richtige Geschwindigkeit und das richtige Auto erzeugen nur ein leises Rauschen und gewährleisten eine ganz ruhige Fahrt. Allerdings ist das Auto dabei ziemlich schnell und hat nicht gerade viel Bodenhaftung ...! So erreiche ich also mein Tagesziel Undara und um 18:10 Uhr steht mein Zelt.

Jetzt ist über mir wieder ein ganz irrer Sternenhimmel zu bewundern! So etwas sieht man in Europa nicht mehr. Dazu muss man nach Australien fliegen und ins Outback fahren: Sooo eine wahnsinnige Milchstrasse !! Das Fernglas löst die ‚Wolken‘ darin nicht auf, aber es zeigt die Unendlichkeit ein Stück näher: Alles voller Sterne, wohin man auch blickt und keiner weiss so richtig, was man da eigentlich sieht. Dieser Anblick ist einfach überwältigend. Es gibt keine Worte dafür. Man kann dazu nichts sagen, die Sprache reicht nicht aus, um die Emotionen zu beschreiben. Von diesem Anblick muss man sich einfach berauschen lassen ...

Der Jupiter ist heute nicht besser zu beobachten, als gestern. Eine ähnliche Konstellation: Dicht unter dem Jupiter ein Mond und weit oben noch einer. Und diese steile Achse, nicht zu fassen! Jetzt lege ich mich unter der Milchstrasse mit dem Fernglas ins Luftmatratzen-Bett – eine sagenhafte Erfahrung und alles umsonst: Ausnahmsweise ist keine CreditCard nötig !!

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