Mit Nietzsche am Strand

Nilpferd auf Nilpferd

Erlebnisse im Großstadtdschungel ....

Es ist nicht leicht, das alles auf die Reihe zu bekommen. Einerseits wächst die Welt immer schneller zusammen, wird alles in quantitativen Größen vergleichbar gemacht und in Kategorien wie Einkommen, Konsum und Ersparnis auf einen Nenner gezwungen. Andererseits sind die Unterschiede, die sich hinter dieser Fassade verbergen, so groß wie eh und je und damit beinahe unüberwindlich. Eben noch lese ich auf der Internetseite des Manager-Magazins einen sehr instruktiven Bericht „Die USA im Shopping Fieber“. Es geht um ein Paar in einem 300-Quadratmeter-Haus, zusammen mit Sohn und Dackel. Sie sitzen auf der Terrasse mit Heizstrahlern gegen die Abendkühle und elektrisch verstellbaren Blenden gegen die Mittagssonne. Die Frau nennt Shopping als ihr Hobby. Beide halten Konsum für eine patriotische Pflicht und haben sich nach dem Anschlag auf das World Trade Center einen Tennisplatz gebaut und ein neues Auto bestellt, um die amerikanische Wirtschaft zu unterstützen.

Ich weiß nicht, ob man das glauben kann, doch die Kehrseite dieser Medaille ist auf jeden Fall, dass beinahe jegliches Vermögen hoch kreditbelastet ist. Es gibt zwar eine positive Nettoposition des Vermögens gegenüber den Schulden, doch es fragt sich, wie – und zu welchem Preis – diese im Altersfall einmal zu liquidieren ist, um davon den Lebensunterhalt zu bestreiten. Allgemein ausgedrückt: Ist der Konsum der Gott, dann bleibt nichts (anderes) mehr übrig. Denn du sollst keine anderen Götter haben neben mir – so heißt es doch.

Etwas angewidert wende ich mich ab. Sind wir vermeintlich so verqueren Deutschen da nicht irgendwie klüger? Und überlegen? Geht es uns nicht um ganz andere Werte, ja um Werte überhaupt? Auf jeden Fall: Eine Welt, in der sich alles nur um den Konsum dreht, das kann nicht unsere Welt sein.

Mit diesen Gedanken im Kopf gehe ich mit meiner Tochter in den Berliner Zoo. Vor dem Nilpferdhaus steht ein großes aus Bronze gegossenes Nilpferd, das an vielen Stellen bereits blankgescheuert ist von den Schuhen und Hosenböden der darauf wild herumkletternden Kindern. Beachten Sie an dieser Stelle bitte die Methapher: Das Geschehen an den Weltmärkte und die wild herumturnenden Kinder. Alles ist einerseits völlig chaotisch, andererseits trotzdem geordnet – eine riesige, sich stets wandelnde spontane Ordnung.

An diesem Tag ist jedoch alles anders. Eine ziemlich dicke Frau hat drei Kinder auf dem Nilpferd platziert und will sie nun in aller Ruhe fotografieren. Mit bemerkenswerter Gemütsruhe gibt sie Regieanweisungen, die Kinder mögen doch bitte versetzt sitzen, damit man jedes von ihnen besser sehen kann. Zudem sollten nicht so dumme Gesichter gemacht werden. Als das alles verwirklicht scheint, greift sie langsam zu ihrem Fotoapparat. Ich stelle mir unweigerlich vor, die Frau wäre das weibliche Pendant zu Loriots Dr. Müller-Lüdenscheid und erkläre dem genervten Sozialarbeiter, dass sie mit dem, was er ihr anbietet, nun wirklich nicht ihren Bedürfnissen entsprechend leben könne, weshalb man doch in aller Ruhe einmal konstatieren müsse, dass die Gesellschaft in dieser Hinsicht völlig versagt habe.

Mittlerweile haben sich neben dem Nilpferd mehrere Gruppen mit vielen Kindern angesammelt, die ebenfalls das Nilpferd erklimmen wollen. Aus Taktgefühl werden diese Kinder jedoch zurück gehalten. Als die Frau nunmehr allerdings ankündigt, dass jetzt noch Einzelfotos von jedem der drei Kinder geschossen werden, platzt einem Vater der Kragen und er gestattet seinen Kindern, ebenfalls das Nilpferd zu erklimmen. Anschließend zückt auch er seinen Fotoapparat.

Die dicke Frau kann in diesem Moment die Welt nicht mehr verstehen. So etwas hat sie noch niemals erlebt – nicht einmal von einem aufmüpfigen Mitarbeiter des Sozialamts. Das normale Chaos dieser Welt soll ihre Kreise stören? Nein, das kann nicht sein, das darf nicht sein. Schnell entscheidet sie sich, was nun zu tun ist. Ihre Maxime lautet: Wenn ich nicht bekommen darf, was ich will, dann sollen die anderen es auch nicht haben. Spricht es und wuchtet den übergewichtigen Körper ohne Rücksicht auf den Verlust von Kinderhänden, die sich am Nilpferd festhalten, um nicht herunter zu fallen, auf den Koloss hinauf.

Nun thront das eine Nilpferd auf dem anderen und verkündet lauthals: So, jetzt könnt ihr schöne Fotos machen! Wissend, dass jeder Mensch, der seinen Verstand und vor allem seine Ästhetik noch nicht völlig verloren hat, Abstand von seinem Unterfangen nehmen wird. Denn der Preis eines Fotos ist jetzt schlichtweg zu hoch, da dieses Monstrum dann ebenfalls darauf verewigt wird. In diesem Moment erscheint – plötzlich und wie von Geisterhand gezeichnet – über dem Kopf der dicken Frau eine Sprechblase, auf der alle Umherstehenden in Großbuchstaben lesen können: WENN ICH ES NICHT HABEN KANN, DANN SOLLT IHR ES AUCH NICHT HABEN.

Entsetzt hebt daraufhin der Vater seine Kinder vom Nilpferd und wendet sich ab. Wir verlassen ebenfalls den Ort des Geschehens. Einige Umstehende applaudieren der Frau. Endlich hat es wieder einmal jemand der Welt gezeigt. Ich drehe mich noch einmal um, sehe die beiden Nilpferde aufeinander und muss unwillkürlich lachen. Dabei ist mir eigentlich gar nicht zum Lachen zu Mute. Die Amis mag ich nicht, aber jetzt habe ich den Eindruck, dem typisch Deutschen mitten ins Antlitz gesehen zu haben. Es wird langsam Abend, doch es ist noch hochsommerlich warm. Mich hingegen fröstelt es.

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