Palmyra und IS

die kulturbewusste Öffentlichkeit ist schockiert darüber, dass sich die Terrormiliz „IS“ an dem 2000 Jahre alten Baal-Tempel in Palmyra vergriffen hat. Ein solcher Frevel erregt zu Recht die Gemüter derjenigen, denen der Begriff „kulturelles Erbe“ noch etwas bedeutet.

Aber so, wie die Extremisten des „IS“ Kulturschätze der Menschheit, die nicht in ihr Weltbild passen, für wertlos halten und daher zerstören, werden auch in unserem Kulturkreis fleißig Gegenstände der Zeit-, Technik- und Sozialgeschichte vernichtet, wenn sie denn den Protagonisten des aktuellen „Zeitgeistes“ nicht ins Konzept passen.

Dort – beim „IS“ - ist es der Deckmantel der Religion, mit dem dieser Kulturfrevel begründet wird, hier bei uns muss die „Innere Sicherheit“ als Argument für die Zerstörung unliebsamer Hinterlassenschaften der Vergangenheit herhalten (siehe die Anlagen).

Der Unterschied zwischen beiden Verhaltensweisen ist bei näherem Hinsehen tatsächlich nur marginal: In beiden Fällen wird das eigene (enge …) Weltbild als Richtschnur für Wert und Unwert von Überbleibseln der Vergangenheit herangezogen, in beiden Fällen wird allen anderen Menschen vorgeschrieben, was sie für erhaltenswert halten dürfen/sollen und was nicht. Die Vernichtung von kriminologisch irrelevanten Antiquitäten mag vielleicht nur wie ein „kleiner“ Frevel am kulturellen Erbe erscheinen: de facto handelt es sich jedoch um nichts anderes als die Zerstörung von Hinterlassenschaften unserer Ahnen.

Und wer glauben mag, dass man durch die Vernichtung von Antiquitäten gesellschaftliche Problem lösen kann, muss genau so verbohrt sein wie derjenige, der die „Innere Sicherheit“ zuerst in Museen und privaten Sammlungen zu schützen sucht. Ob die Kulturfrevler hier und dort wussten, was Jean Cocteau verkündet hat : „Wenn man zum Schaffen unfähig ist, sucht man im Zerstören den Machtrausch.“?

Schnell wird manda an Wieslaw Brudzinski erinnert („Die gefährlichste Waffe sind die Menschen kleinen Kalibers.“).

Oder etwa nicht?