Gefahren einer untergehenden Weltmacht

Graham E. Fuller

Viel ist geschrieben worden über die Gefahren und Herausforderungen, die sich durch China als einer aufsteigenden globalen Macht ergeben. Tatsächlich sprechen Historiker von allgemeinen Spannungen zwischen aufsteigenden Mächten und bestehenden Mächten, die oft zu Krieg geführt haben.

Die Instabilität jedoch braucht mindestens zwei Spieler zu ihrer Entstehung: die aufsteigende Macht und den Widerstand der einst herrschenden Macht. Heute sind die Vereinigten Staaten von Amerika diese einst herrschende Macht, die sich jetzt in einem Zustand des relativen internationalen Abstiegs befindet. Wenn die Vereinigten Staaten von Amerika selbst und die internationale Ordnung einschließlich der aufsteigenden Mächte diesen Übergang nicht zur Kenntnis nehmen und mit dieser Veränderung nicht mit Klugheit umgehen, dann steht eine gefährliche Konfrontation bevor.

Die Gründe für den globalen Niedergang der Vereinigten Staaten von Amerika sind gut bekannt und in vielen Statistiken ausreichend beschrieben. Sie werden allerdings in der Regel von großen Bereichen der Bevölkerung der Vereinigten Staaten von Amerika einschließlich Washingtons nicht zur Kenntnis genommen. Hier möchte ich in erster Linie die außenpolitischen Aspekte dieses Niedergangs und seine Auswirkungen behandeln.

Der Niedergang der Macht der Vereinigten Staaten von Amerika im Ausland kann nicht von vielen Fehlentwicklungen im eigenen Land getrennt werden: festgefahrene Regierungsführung, aufgeblähte Militärbudgets mit ihren massiven Zusatzkosten, der Aufstieg des militärisch-industriellen Sicherheitsstaats und dessen massive Geldspritzen in den Kongress, ein verarmtes politisches Spektrum, das in der gemäßigten rechten Mitte (Obama) beginnt und sich fortsetzt über verschiedene Abstufungen der verrückten Rechten. Links von der Mitte gibt es praktisch nichts – ja schon der Begriff „links“ grenzt im amerikanischen politischen Lexikon ans Obszöne. Und wir haben die intellektuelle Isolation und Verzerrung inhärent in der Sichtweise Amerikas auf den Rest der Welt. Von Konzernen dominierte „Mainstream“-Medien schirmen die Bevölkerung von ungustiösen weltweiten Realitäten ab. Den Glauben, dass Amerika selbst die „Realität“ repräsentiert. Die Sicherheitsstaats-Mentalität, die Paranoia und Angst fördert. Die Überzeugung, dass das amerikanische Imperium zeitlos ist, sich auf einer ewigen Mission ohne Grenzen befindet, grundsätzlich gutartig ist und überhaupt das Gute verkörpert.

Der amerikanische Niedergang ist natürlich relativ. Er widerspiegelt den Aufstieg neuer Mächte – China, Indien, Brasilien und andere – die gemeinsam mit Russland imstande sind, die globale Wirtschaftsordnung umzugestalten mit Möglichkeiten, die einem Langzeitmonopol der Vereinigten Staaten von Amerika den Garaus gemacht haben. Washingtons Unfähigkeit, die vollen Auswirkungen dieses Wechsels zu verstehen, kommt deutlich zum Ausdruck in seinem spektakulären Irrtum, zu versuchen, die chinesisch/russisch finanzierte neue asiatische Entwicklungsbank (AIIB) zu torpedieren – sogar nachdem der größte Teil des Rests der Welt versucht, sich daran zu beteiligen.

Die militärische Stärke der Vereinigten Staaten von Amerika im Bereich der konventionellen Kriegsführung ist natürlich unbestritten und wird es noch lange Zeit bleiben – infolge unserer massiven finanziellen Aufwendungen, die größer sind als diejenigen der nächsten zehn Weltmächte zusammengenommen. Das Problem ist, dass die Kriege, die zählen – Irak, Afghanistan, Jemen, Somalia, sogar der Islamische Staat – keine konventionellen sind und dass die Vereinigten Staaten von Amerika sie alle verlieren. Diplomatisch haben sie sich selbst isoliert und werden daher von einem großen Teil der Welt ignoriert, wenn nicht mit Verachtung betrachtet, und ganz sicher in der muslimischen Welt, wo eine laufende diffuse Aufstandsbewegung vielleicht noch immer an Stärke gewinnt, zum Teil genährt von Irrtümern der Politik der Vereinigten Staaten von Amerika in der Vergangenheit. Die meisten Staaten streben nach größerer Souveränität und gehen in vielfacher Beziehung ihren eigenen Weg, ohne sich um die Forderungen der Vereinigten Staaten von Amerika zu kümmern.

Die meisten Republikaner und kriegsgeilen Demokraten bekommen das nicht einmal mit: sie schreiben die Unfähigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika, mit diesen Herausforderungen fertig zu werden, bloß der Schwäche des Präsidenten zu. Wenn die militärische Stärke, die wir einsetzen, nicht ausreicht, dann setz einfach größere Stärke ein, und wir werden zurückkommen zu den guten alten Zeiten des unbestrittenen amerikanischen Imperiums. „Anhaltende globale Vorherrschaft der Vereinigten Staaten von Amerika“ bleibt das unerschütterliche Motto. Aber wie groß ist der weltweit Anreiz, den dieses Mantra zu bieten hat? In einer 2014 von WIN/Gallup durchgeführten Umfrage in 64 Ländern wurden die Vereinigten Staaten von Amerika konkurrenzlos als die größte Gefahr für den Weltfrieden wahrgenommen.

Die wirkliche Gefahr liegt jedoch genau in unserer Unfähigkeit, diese Veränderungen im weltweiten Rahmen zu sehen, von akzeptieren gar nicht zu reden: Verlagerung von wirtschaftlicher Macht, selbstbewusstes Vorgehen neu entstehender Staaten, die Unmöglichkeit, den sich ständig neue erfindenden muslimischen Nationalismus niederzuschlagen, die Rückkehr einer multipolaren Welt und nationale Bestrebungen, die keinen Großen Bruder wollen.

Amerika war lange gewöhnt, rund um die Welt das Sagen zu haben, als eine Art globaler Polizist zu handeln, das amerikanische Imperium zu beschützen, das wir aus unserer eingeengten Sichtweise als ein absolutes globales Gutes verstehen. Diese Zeiten sind vorbei, und der Versuch, sie zu verewigen, ist mit großer Gefahr verbunden – darunter der finanzielle Ruin des Landes.

Heute ist es besonders erstaunlich zu beobachten, wie Washington sich noch immer befugt fühlt, seinen geopolitischen Kampf verwegen bis direkt an die Türschwelle des „Feindes” zu tragen. Dass amerikanische Kriegsschiffe im „russischen See,“ also im Schwarzen Meer, bis an die Grenzen der russischen Hoheitsgewässer manövrieren, ist von Natur aus erstaunlich provokant. Gleiches gilt für die Militärpräsenz der Vereinigten Staaten von Amerika gerade vor den chinesischen Hoheitsgewässern. Können die Vereinigten Staaten von Amerika heute wirklich erwarten, das Chinesische Meer militärisch zu beherrschen? Sicher können wir in der Frage der Beziehungen unter Staaten in der Region eine Rolle spielen, aber nicht eine globale Mission betreiben, „um China im Zaum zu halten.“

Es kann nützlich sein, die Dinge aus der Perspektive der anderen Seite zu betrachten: was würde Washington empfinden, wenn russische oder chinesische Kriegsschiffe routinemäßig gerade vor den Hoheitsgewässern der Vereinigten Staaten von Amerika kreuzen und unsere elektronischen Verteidigungseinrichtungen testen, und Militärstützpunkte in Mexiko, Kuba oder Venezuela errichten würden? Washington würde vor Wut über solche aggressiven Aktionen lauthals schreien. Ist es nicht möglich, dass Russland oder China ihre eigenen Monroe-Doktrinen haben könnten?

Unter anderen Mächten machen Russland und China eine historische Neuordnung ihrer Einflusssphären durch, die in der Tat andere Staaten in der Region beeinflusst. Ihre Aktionen sind kaum altruistisch – wenn auch wir uns selbst davon überzeugt zu haben scheinen, dass unsere Absichten das sind. Aber provokante Aktivitäten der Vereinigten Staaten von Amerika an den Grenzen anderer schaffen eine Landkarte, auf der jede Situation zu einem gefährlichen Nullsummenspiel wird.

Dem Wesen nach ist das der Übergang weg von einem „unipolaren Zustand” – nach dem Fall der Sowjetunion, als wir zur einzigen Supermacht der Welt wurden – zu einer zunehmend multipolaren Welt. Viele in Washington scheinen diese Änderung noch nicht mitbekommen zu haben, obwohl Präsident Obama das teilweise begriffen zu haben scheint, was man ihm zugute halten muss.

Wir gehen daher in eine sehr gefährliche Periode. Amerika glaubt, dass es noch immer das Recht hat, als einzige globale Supermacht zu handeln, die sich über jegliche Realität hinwegsetzen kann, indem es sich an den Schwellen Russlands und Chinas groß aufspielt – und sogar unsere Alliierten beunruhigt, die solche Aktionen nicht unterstützen.

In der Tat gibt es viele kleine Mächte, die an der Schwelle dieser Weltmächte leben – die Ukraine, die baltischen Staaten, Georgien, Vietnam und Taiwan – die sich in nächster Nähe zu einer benachbarten Großmacht verständlicherweise unbehaglich fühlen. Diese versuchen ständig, uns dazu zu verlocken, ihnen vollen Schutz anzubieten. Wir sollten uns nicht als Trottel für dieses militärische Spiel hergeben, sogar wenn wir als bedeutende Weltmacht eine starke nichtmilitärische Präsenz aufrecht erhalten.

Können wir diesen Übergang zu einer multipolaren Welt selbst bewältigen, oder werden wir versuchen, weiterhin die Rolle der einzigen Supermacht zu spielen – von der jede Angelegenheit wo auch immer zum „vitalen nationalen Interesse“ erklärt werden kann? Und wieviel wird der Rest der Welt von diesem unserem alten Paradigma tolerieren, ehe sie entscheiden, dass sie das nicht haben wollen und entsprechend handeln?

Das ist die Gefahr, die von einer untergehenden Macht ausgeht. Eine neue Verteilung der Macht und der Verantwortlichkeiten auf der Welt steht bevor, aber wird der Übergang sicher sein? Haben wir die nötige Fantasie?