LEBEN

Leben ist Leiden. Leben ist Mangel. Leben ist Schmerz.

Das stimmt nicht ?  Hören Sie für durchschnittlich 3 Minuten auf zu atmen und Sie werden Mangel spüren. Und leiden. 

Erfüllen wir nicht beständig unsere Bedürfnisse, die uns das Leben auferlegt, verspüren wir sofortigen Mangel. Das beginnt beim Atmen, setzt sich fort über die Nahrungsaufnahme und die Befriedigung des Sexualtriebes und endet bei dem Drang nach sozialer Anerkennung und privatem und beruflichem Erfolg. 

Die Befriedigung dieser Bedürfnisse belohnt uns mit einem angenehmen Gefühl, das im Verhältnis zum vorangehenden Mangelgefühl aber nur kurzlebiger Natur ist. Hunger und Durst kann man lange und quälend verspüren, das Stillen dieser Bedürfnisse und der dabei gefühlte Genuss sind jedoch verhältnismäßig schnell vorüber. Der (männliche) Orgasmus ist im Verhältnis zum vorher gefühlten Mangel (Brunst) extrem kurz und führt meist zur sofortigen Interesselosigkeit und Befriedigung. Lustgefühle sind daher stets negativer Natur. Dass heißt, dass sie ohne ein vorangehendes Mangelgefühl erst gar nicht möglich sind. Der fünfte Hamburger schmeckt lange nicht mehr so gut wie der erste und der fünfte Orgasmus in Folge ist sehr fragwürdiger Natur. Zahnschmerzen hingegen dauern gerne etwas länger. Vor allem im Verhältnis zum männlichen Orgasmus.

Werden alle unser Bedürfnisse stets und sofort befriedigt, verspüren wir irgendwann keinen Genuss mehr und beginnen uns zu langweilen. Nehmen wir hingegen den Schmerz z.B. einer langen Diät auf uns,sind unsere Geschmacks- und Geruchsnerven wieder sensibilisiert und bereits die Vorfreude auf die erste richtige Mahlzeit nach längerer Abstinenz lässt uns das Wasser im Munde zusammenlaufen. Dasselbe gilt natürlich auch für andere Bereiche. Das heißt, einen intensiveren Genuss stets mit einem längeren Schmerz bezahlen zu müssen.

Auch die Liebe zu unseren Kindern, die für gewöhnlich die größte darstellt und nichts mit Genuss zu tun hat, wird uns durch die größte aller Sorgen, nämlich die des Wohlergehens der Kinder, häufig zur größten Belastung und zum schlimmsten Kummer.

Auch die Sorge um materielles Vermögen und die Angst, es verlieren zu können, übersteigt häufig die Freude und das damit verbundene Gefühl der Sicherheit.

Wenn die Buddhisten daher sagen, Leben sei im wesentlichen Leiden, dann erscheint dies plausibler als der platte Optimismus heutiger Protestanten, denen ich selbst angehöre.

"Leben ist ein Geschäft, das nicht die Kosten deckt" sagte Schopenhauer, Sohn eines erfolgreichen Kaufmanns.

Dennoch bietet das Leben Chancen, die es zu nutzen gilt. Dazu mehr im (ausführlicheren) zweiten Teil.

PecuniaOlet