Roland Schnell

Chancen für Biogas in Rußland

Биогаз

Informationsveranstaltung zu "Biogas in Russland" der dena am 28. Mai 2013 in Berlin

350 Millionen t tierischer Reststoffe warten auf ihren Prinzen, der sie aufweckt und daraus Biogas macht. "Wir haben Standorte, da könnten 20 bis 40 MWel Reststoffen der Lebensmittelindustrie erzeugt werden" berichtet Dr. Walter Stinner vom Deutschen Biomasseforschungszentrum DBFZ in Leipzig. Er hat in den letzten Jahren eine Bestandsaufnahme des Potenzials für Energie aus Biomasse in Russland gemacht, über die er bei einer Tagung der Deutschen Energieagentur dena am 28. Mai 2013 in Berlin berichtet hat.

Von den rund 100 Teilnehmern kam ungefähr die Hälfte von Firmen des deutschen Biogas-Anlagenbaus, die nach dem Zusammenbruch des Marktes im Inland verstärkt nach Absatzmöglichkeiten im Ausland suchen. Mit der Veranstaltung wollte die dena über die Chancen auf dem russischen Markt informieren und auf ihre Angebote zur Anbahnung von Geschäften hinweisen. Der nächste Schritt wird eine mehrtägige Geschäftsreise Ende des Jahres sein, an der sich eine übersichtliche Gruppe von Unternehmen beteiligen kann. Jörg Polzer, Bereichsleiter Regenerative Energien bei der dena gab sich zuversichtlich im Hinblick auf den Erfolg: "Die enormen Potenziale in Verbindung mit der Leistungsfähigkeit der deutschen Biogasindustrie sind ideale Voraussetzungen für erfolgreiche Aktivitäten und Geschäftsentwicklungen in Russland".

Leuchtürme in der Region Belgorod

An der Westgrenze Russlands hat sich die Region Belgorod entschlossen den Showroom für deutsche Biogastechnik zu werden. Drei Biogasprojekte mit jeweils 2,4 MWel installierter Leistung sins 2013 von der Firma entec in der Planungsphase, eine Anlage wurde gebaut. Pionierarbeit ist von farmatic mit einer 500 kW-Biogasanlage an einer Schweinemast geleistet worden, worüber Klaus Muche anschaulich und humorvoll berichtet hat. Einiges funktioniert in Russland noch nicht so, wie man es von Deutschland her kennt. Nachdem der Transport der Bauteile für den Reaktor durch Polen und die Ukraine und die Einfuhr nach Russland problemlos vonstatten ging, wurden sie wegen bürokratischer Probleme monatelang von Zoll festgehalten. Vor ganz neue Herausforderungen stellt Planer das Kontinentalklima mit tropischen Temperaturen im Sommer und zweistelligen Minusgraden im Winter. So wurde das Güllelager frostsicher unterirdisch angelegt und der Reaktor sorgfältig gedämmt. Umso erfreulicher ist die Mitteilung, daß Maissilage im Winter nicht festfriert.

Allein in der Region Belgorod gibt es über 1000 Tierproduktionsanlagen und nun bekommen unter anderem der Schweinemastbetriebe bei der Frunse-Kolchose, eine Rindfarm in Kriwzowo und eine Geflügelproduktion in Jasnyje Sori eine Biogasanlage.Viktor I. Filatov von der Firma AltEnergo erzählte, daß er sich vor Anfragen kaum retten kann, nicht nur aus Russland, sondern auch aus den Nachbarländern Ukraine und Weißrussland.

Nachholbedarf bei Gesetzen und gesicherten Rahmenbedingungen

Im Moment kann man noch nicht sagen, daß der Biogas-Branche der rote Teppich ausgerollt wird. Zwar hat sich die russische Regierung schon am 8. Januar 2009 prinzipiell für die Förderung Erneuerbarer Energie ausgesprochen und damit begonnen auf nationaler Ebene Regeln festzulegen, aber es gibt noch viel Entscheidungsspielraum auf regionaler und lokaler Ebene. So gibt es keine verbindlichen Regelungen über den Netzzugang und die Vergütung von "Grünem Strom" durch den Netzbetreiber. Der Governeur von Belgorod hat entschieden, den Biogasanlagen als Marktanreizprogramm eine höhere Vergütung aus der Staatskasse zu gewähren. Es gibt einen "Grünen Tarif" für Erneuerbare Energie, über den aber erst entschieden ist, wenn die Anlage fertig ist und der dann jeweils für ein Jahr verlängert werden kann.

Das treibt deutschen Investoren und vor allem den Banken den Angstschweiss auf die Stirn. Über die Angebote zur Risikoabsicherung bei Auslandsgeschäften durch "Hermes-Deckungen" berichtete Igor Sufraga. Er zeigte interessante Möglichkeiten die Finanzierung mit dem Partner in Russland durch ein Dreiecksgeschäft letztlich über eine Bank in Deutschland zu einem niedrigem Zinssatz zu bekommen. Das stellt aber hohe Anforderungen an die Seriosität der Partner.

Unterstützung kann hier das "Informationszentrum der Deutschen Wirtschaft" anbieten, das bei der Deutsch-Russischen Ausenhandelskammer (AHK) angesiedelt ist. Zwei Drittel der betreuten Firmen gegen an, daß sich das Geschäftsklima zufriedenstellend entwickelt habe. Dr. Alexander Spaak informierte über die verschiedenen Optionen eine Repräsentanz in Russland aufzubauen und an die Entwicklung der Geschäftsbeziehungen anzupassen. "Auch der Kunde in Russland will heute schnellen Service" ergänzte Felix Müller von Zeppelin Power Systems Russland. Ersatzteile und geschultes Personal müssen stets verfügbar sein und angesichts der Größe des Landes unter Umständen an mehreren Standorten.

Schrittmacher im europäischen Teil Russlands

Insofern ist es von Vorteil, daß die Zentren der Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie mit biogas-tauglichen Reststoffen im europäischen Teil von Russland liegen, dort wo auch die Ballungszentren mit ihren Siedlungsabfällen zu finden sind. Die Deponien sind voll und man beginnt sich für die Nutzung von Deponiegas und andere Abfallbehandlungssysteme zu interessieren. Infolgedessen konnte die Veranstaltung auch Firmen, die Biogas aus Biomüll machen, ansprechen und dieser Zweig der Biogastechnik wird auch künftig nicht vernachlässigt.

Das DBFZ hatte in einem Forschungvorhaben die Biomassepotenziale von vier ausgewählten Regionen erhoben und sieht auch Chancen für Biomethan aus Waldrestholz oder als Kraftstoff für Strassenfahrzeuge, speziell Lastkraftwagen. Selbst die Lieferung von "Grünem Gas" nach Europa könnte eine Option sein.

Reif für die Insel

In Russland müssen gewisse Abstriche beim Netzzugang gemacht werden. Der Anschluß abgelegener Dörfer wird wegen der immensen Kosten zurückgestellt. Hier können Insellösungen und Mikrogasnetze den Anschluss an die moderne Zeit ermöglichen. Große Landwirtschaftbetriebe leben gut damit, wenn Netzparallel mit Null-Einspeisung arbeiten und den erzeugten Strom komplett selbst verbrauchen. Russland könnte auch für deutsche Ingenieure die eine oder andere Herausforderung für unkonventionelle Lösungen bieten.

Elektrisch ist der größte Teil bis an die Gestaden des Pazifik in das "einheitliche Energiesystem" mit 50Hz Wechselspannung eingebunden. Nicht so das ferne Kamtschatka oder Gebiete in Sibieriens Norden. Wie sich der Netzbetreiber in der Frage der Einspeisung Erneuerbarer Energie entwickeln wird, ist im Moment nicht. Beim russischen System der "gelenkten Demokratie" ist zu vermuten, daß am Ende gemacht wird, was der Staatspäsident will.

Solange müssen sich die Pioniere auf dem russischen Biogas-Markt wagemutig und flexibel zeigen. Die dena wird das mit weiteren Veranstaltungen und Beratungsangeboten unterstützen.

Roland Schnell

Die dena möchte nicht, daß die folgenden Zeilen in den Artikel kommen. ich würde einen Kasten daraus machen.

Unter dem Stichwort Russland stehen schon Unterlagen zur Netzmodernisierung, Energieeffizienz und Wärmeversorgung zum Download bereit.

Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena)
Regenerative Energien
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