Levan

Der Bericht. Eine SciFi Novelle

Der Bericht

Der Rat der Hohen Kosmischen Verwaltung tagte, wie üblich, im Regierungspalast von Kosmos. Die fünfzehn Mitglieder des Rates kamen aus verschiedenen Teilen von Kosmos zusammen, um den vorläufigen Bericht des Oberverwalters (OV) Jach anzuhören.

Oberverwalter Jach war der Beauftragte für die Entwicklung des Lebens in der Galaxie Nr. 2107, auch „Milchstraße“ genannt. Die Bezeichnung „Milchstraße“ stammte von einer der Zivilisationen aus 2107 und hat sich auch in den Dokumenten der Hohen Kosmischen Verwaltung als gängiger Name für die spirale Galaxie durchgesetzt, die sich im 51-ten Quadranten des Universums befand. Mit Milch und Straßen hatte die Galaxie nichts zu tun.

Der Oberverwalter (OV) Jach war zuständig für diese Galaxie und der Rat wollte wissen, was er erreicht hat und wie er die Zivilisationen aus diesem Gebiet des Kosmos betreute. Natürlich waren alle interessiert, wie es weiter gehen könnte. Eigentlich ging es um etwas Konkretes: Der Rat wollte eine endgültige Entscheidung darüber treffen, ob er einen dieser Planeten immer noch betreuen würde oder nicht.

Die Verwalter und Oberverwalter waren hochqualifizierte Spezialisten für die Entwicklung von verschiedenen Regionen im Kosmos und ihre Aufgabe bestand darin, Orte zu finden bzw. zu erschaffen, an denen das Leben und das Bewusstsein entwickelt werden konnten und diese entsprechend zu fördern. Das Endziel war die Aufnahme von Zivilisationen in den Kosmischen Ring.

OV Jach arbeitete schon eine Weile mit verschiedenen Planeten in der Milchstraße, aber das Thema dieses Berichtes war ein Planet des Systems Sonne-67/3. Etwas Besonderes was der Planet nicht, aber im Rat wurden beliebige Maßnahmen bezüglich der Planeten mit vernünftigen Wesen besprochen.

Der Rat hatte vor langer Zeit genehmigt, diesen Planet in einen „goldilock“ Bereich zu ziehen, dort das Leben aufzubauen und dann solche Wesen auf diesen Planeten zu erschaffen, die irgendwann Mitglied des Kosmischen Ringes der Zivilisation werden könnten.

OV Jach hat dem Rat schon zwei Mal über den Stand der Entwicklung in der Galaxie berichtet, aber diesmal musste er ganz genau schildern, ob 67/3 Zivilisation in dieser Galaxie so weit war, in den Rang aufgenommen zu werden.

Das war eigentlich eine außerordentliche Sitzung des Rates, aber alle wussten, dass von dieser Sitzung und von der Entscheidung des Rates das weitere Schicksal der betreuten Zivilisation abhing. Das weitere Schicksal von OV Jach stand auch auf der Tagesordnung.

Den Vorsitz hatte Hauptgestalter Zeu. Anwesend waren auch andere wichtige Mitglieder des Rates: Verwalter Moha, Lichtverwalter Budh, Wasserverwalter Tiamat, Geistesblitz Nous, und andere.

OV Jach hatte das Wort:

  • Sehr geehrte Mitglieder des Hohen Rates! Wie Sie aus den ersten Seiten des Berichts und ersten Videosequenzen sehen, haben wir am Anfang die Reste einer explodierten Super Nova angehäuft und alles auf die Standardweise geordnet (Instruktion, Teil 2 § 11). Dann haben wir einen Planeten aus Metallen und Wasser zusammengebastelt und ihn in den Einflussbereich des Sterns transportiert (die Kosten sind im Bericht unter Kostenaufstelleng, als Anlage 1 sichtbar) …
  • Das wissen wir bereits, – unterbrach ihn HV Zeu. Schildern Sie uns bitte, wie es weiter ging.
  • Dem Wasser sollten wir etwas andere Eigenschaften zufügen als anderswo im Kosmos, damit das Leben auf diesem Planet sich weiter entwickeln konnte.
  • Was haben Sie konkret gemacht? – Diese Frage kam von HV Tiamat.
  • Wir haben einfach für die ganze Milchstraße das Wasser so organisiert, dass es bestimmte Eigenschaften erworben hat: Gefrierpunkt gesenkt, die Dichte verändert etc. Das typische Spiel. Das hat fast erfahrungsgemäß überall funktioniert.
  • Gut, das war richtig! Eine gute Entscheidung OV Jach! – sagte das Ratsmitglied Tiamat. – Diese Methode haben wir auch in einigen anderen Galaxien benutzt und das hat sehr gut funktioniert.
  • Dann hatten wir noch vulkanische Aktivitäten stimuliert, den Kern des Planeten drehen lassen, damit dieser Planet dauernd ein Magnetfeld erschafft und unsere Geschöpfe vor der Ausstrahlung des Sterns hütet…

Der vulkanische Ratsmitglied Nimoy unterbrach OV Jach:

  • Wie oft arbeiten die Vulkane auf diesem Planet?
  • Je nach dem, – antwortete Jach. – Wir wollten nicht übertreiben. Am Anfang war das viel und später je nach Bedarf. Wir hatten auch einen vulkanischen Berater dafür engagiert.
  • Gute Entscheidung, – sagte der Vulkanier, – sehr gute Entscheidung! Und wie ging es weiter?
  • Naja, das Typische: Einzeller, Mehrzeller, Organismen und so bis zu einer bestimmten Zeit…
  • Haben Sie keine richtigen Gene geimpft? – Das war die Frage von Ratsmitglied Mendel, – haben Sie die richtige Zusammensetzung benutzt? Und noch etwas, waren unsere Fachleute mit dabei?
  • Doch, doch! – Wir hatten mindestens 3-4 Genimpfungen. Eure Leute waren mit dabei und haben uns sehr geholfen! Alle Aktivitäten sind im Videobericht sichtbar. Außerdem haben wir den Planeten später für unsere Biologieklasse benutzt: Die Schüler haben experimentiert und Lebensformen geschaffen, die ganz neu und aus unserer Sicht auch sehr schön sind. Zum Beispiel hat einer der Schüler das System der Metamorphose erdacht: Ein Wesen ändert seine Gestalt noch im Laufe eines Lebenszyklus…
  • Was ist daraus geworden?
  • Einige Artenexplosionen, – sagte Jach. – Es waren mindestens 3-4 Explosionen verschiedener Arten.
  • Waren diese Arten denn auch vernünftig? – Das war das Ratsmitglied Nous. Er war für die Vernunft zuständig und reagierte nur, wenn es um Vernunft ging.
  • Leider nicht. Sie hatten nicht alle Gene in den Zellen drin, die wir gerne hätten und ich war gezwungen, sie später zu eliminieren. Einige Schularbeiten konnten wir nicht eliminieren. Sie waren zwar nicht vernünftig, aber sehr schön und gut angepasst. Das mag falsch gewesen sein, aber die Arten, die unsere Schüler geschaffen haben, waren sehr überlebensfähig. Wir haben einige Schüler auch zur Auszeichnung der Akademie vorgestellt.

Die Ratsmitglieder zuckten: die Eliminierung erschaffenen Lebens war unerwünscht. Die Geschöpfe, die nicht den Vorstellungen des Rates entsprachen, waren jedoch auch nicht erwünscht. Der Rat wollte aus allen Geschöpfen das Maximum herausholen. Nach einer kurzen Besprechung sagte der Vorsitzende Zeu: – Es ist nicht schön, wenn das, was wir geschaffen haben, zerstört oder ohne Aufsicht gelassen wird.

– Ich war gezwungen das so zu regeln. Wir haben genug Gene, um das neue Leben zu erschaffen oder die Fehler zu korrigieren. Sieht Euch bitte das Video dazu an. – Er ließ aus dem Bericht eine Filmsequenz im Raum ausstrahlen.

– Da war nichts zu machen.

Die Ratsmitglieder haben sich das Video angesehen und berieten sich noch mal.

  • Obwohl die Eliminierung und Verwahrlosung nicht erwünscht ist, wollen wir die Geschöpfe doch auf die Mitgliedschaft vorbereiten und nicht mit ihnen spielen. – Sagte Zeu und hob seinen Finger hoch. – Wie ging es weiter?
  • Dann haben wir ganz kluge Geschöpfe auf diesen Planeten erschaffen: So eine Art Eidechsen, wie auf dem Planeten Jurapark, der von meinen Kollegen OV Attenbor betreut wird, allerdings hatte meine Mitarbeiterin Laur einen Fehler bei den Größenberechnungen gemacht. Sie ist übrigens schon entlassen worden. Die Geschöpfe waren zu groß und fraßen alles, was bis dahin auf diesem Planeten existierte. Kein Gleichgewicht.
  • Und? – Fragte etwas ungeduldig das Ratsmitglied OV Moha.
  • Ich war gezwungen, diese Eidechsen auf einen Schlag zu vernichten und nur die kleinen Geschöpfe am Leben zu lassen, die auch zu diesem Planeten passten.
  • Wie haben sie „auf einem Schlag“ die Eidechsen vernichtet? Haben Sie dabei auf die Modellierung nach St. Charles verzichtet? – OV RichDaw, das Ratsmitglied für Entwicklungsangelegenheiten, war sichtlich unzufrieden.
  • Ja, wir sollten die St. Charles Dogma korrigieren. – Antwortete Jach. – Anstatt der zirkular-kontinuierlichen Linien (Instruktion des Rates Nr.: 1859 § 2) haben wir stoßartige Entwicklung angelegt.
  • Also keinen Baum, sondern Busch? – Ratsmitglied RichDaw war immer noch unzufrieden.
  • Ja, so war das. – OV Jach wollte mit dem alten RichDaw nicht weiter diskutieren. Er hatte Argumente, aber wollte RichDaw nicht vor dem Rat blamieren. Alle wussten, dass die Instruktion 1859 veraltet und nicht nützlich war. Deswegen hat er sich kurz ausgedrückt.

Die Ratsmitglieder berieten sich wieder besorgt, aber Jach hörte nicht, was sie sagten. Dann fragte das Ratsmitglied OV Moha:

  • Was haben Sie dann gemacht?
  • Uns hat das viel Zeit gekostet, aber wir haben am Ende die richtige Genkombination für vernünftige Wesen gefunden und eingeimpft.
  • Ist etwas daraus geworden?- Das war der HV Mendel, der noch Hoffnung hatte, diesen Planet zu retten, weil die Stimmung im Rat gegen das Projekt von OV Jach neigte. Er war ziemlich alt und seit dem Anfang dieses Universums dabei. Er hat alles gesehen und wollte nur das Gute machen.
  • Ja und nein. – Sagte OV Jach. – Wenn Sie so fragen, gab es Spezies, die sich „Menschen“ nannten, aber wir hatten zu viele Beta-Versionen für diese Gattung. Am Ende haben wir etwas erhalten, was uns richtig vernünftig erschien, aber…
  • Und was ist aber? – Das Ratsmitglied Moha war ungeduldig
  • Tja, das „Aber“ bedeutet, dass wenn wir ihnen viel Freiheit, rein genetisch gegeben haben, haben sie diese Freiheit für Kriege und Zerstörungen genutzt.
  • Wieso können Sie so etwas nicht bändigen! – Jetzt war Ratsvorsitzender Zeu böse
  • Genetische Fehler! – sagte OV Jach. – Genetische Fehler haben verursacht, dass diese Wesen nicht nur zielstrebig und entwicklungsfähig sind, sondern auch kriegslustig und aggressiv.
  • Jetzt, bitte, nicht alle eure Fehler auf Genetik abwälzen! – Das war das Ratsmitglied Mendel. –Unser Genpool ist das Beste, was Kosmos zu bieten hat!

OV Jach ließ diese Frage unbeantwortet. Die Antwort würde zu einer langen Diskussion führen. Da kam die Frage von Ratsvorsitzenden Zeu als Rettung:

  • Haben Sie auf diesen Planeten etwas gemacht, was als Zeichen für die höheren Wesen dienen könnte?
  • Ja, das war erst eine einfache Pyramide. Standardmäßig, wie überall: Standardorientierung, Standartabmessungen und die Nachricht, dass sie das selbst nicht bauen könnten.
  • Wie haben diese „Menschen“ reagiert?
  • Sie haben die Pyramide als Grabstätte deklariert und dann haben sie weitere Pyramiden nachgebaut.
  • Haben Sie die Nachbauten zerstört?
  • Naja, nicht ganz. Sie verfallen sowieso mit der Zeit. Wir brauchen sie nicht zu zerstören. Später habe ich selbst die Gestalt des Menschen angenommen und versucht, sie zu überzeugen in die Kosmische Einheit zu glauben, aber dieser Versuch ist auch fehl geschlagen. Am Ende haben sie mich oder, besser ausgedruckt, meine Gestalt gekreuzigt. Ich musste schnellstens weg. Dann haben sie daraus eine Religion gemacht, aber das steht alles im Bericht und ich werde hier nicht mehr erzählen.
  • Haben diese… eee… „Menschen…“ wie Sie sie nennen überhaupt verstanden, worum es hier geht? – fragte Ratsmitglied Nous.
  • Ich habe auf dieser Frage keine Antwort. Ich würde sagen, manche von diesen Wesen haben verstanden, dass sie im Kosmos eingebunden sind, aber wegen dieses Genfehlers, sind die meisten Wesen aus den Ruder gelaufen und verhalten sich antikosmisch.
  • Warum leben sie noch? Sie sollen je nach dem § 103 des Grundgesetzes vernichtet werden! – Das war die Stimme von Ratsmitglied Saraz, der bis dahin geschwiegen hat.
  • Das ist ja das Problem: Ich kann sie nicht allein vernichten. Wir haben die Erde – 67/3, wie ich auch in meinem Bericht und oben erwähnt habe, einer Biologieklasse aus Sirius überlassen.
  • Und um Rates Willen! Was macht eine Biologieklasse auf einem Planeten, den Sie betreuen sollten!? Warum die Kinder?
  • Naja, das hat schon einen Sinn. Diese Planet eignet sich sehr gut für Experimente…
  • So etwas wollen wir in unserem Kosmos nicht dulden. Haben Sie eine Möglichkeit diese, …hm… „Zivilisation“ zu löschen? – fragte der Ratsvorsitzender Zeu.
  • Ja, wenn Sie mir erlauben, die Kometen zu nutzen. –Antwortete OV Jach. Die Kometen und Blitze standen unter der Verwaltung von Ratsvorsitzenden Zeu.
  • Machen Sie das. – War die Antwort.

Die Diskussion war zu Ende. Jetzt blieb es, über das Schicksal der Erde abzustimmen. Am Ende haben die meisten Mitglieder des Hohen Kosmischen Rates für die Vernichtung des Lebens auf der Erde gestimmt. Der OV Jach ist suspendiert worden.

Er ist vom Rat beauftragt worden, die Schulklasse von Sirius von der Erde abzuziehen und das ganze Labor sowie das ganze Leben zu löschen.

Der Hohe Kosmische Rat hat befunden, dass die Erdbewohner es nicht verdienten, ein Mitglied im Kosmischen Ring zu werden.

Vielleicht wird der Kosmische Rat irgendwann versuchen das Leben auf diesem Planeten besser zu gestalten.

Levan Gvelesiani

Mai 2016