Reisebericht

Châteauneuf-du-Pape

Wir, die Neugierigen dieser Welt, durften, dank Vatican TV, einen flüchtigen Blick in die Privatgemächer des neuen Pontifex werfen. Sie müssen vor seinem Einzug erst noch renoviert werden, da sie anscheinend arg verwohnt sind, nach einem Vierteljahrhundert JP II.

Vielleicht hätte man die Wohnung nach dem Todesfall nicht versiegeln, sondern gleich mit der Renovierung beginnen sollen. Aber das hätte den neuen Bewohner um die Chance gebracht, selbst zu bestimmen, was etwa in Resedagrün oder Altrosa oder Himmelblau gestrichen werden soll. Benedikt XVI. als Innenarchitekt: Darf er sich das Mobiliar selbst aussuchen oder muss er sich mit dem polnischen Plunder arrangieren? Lässt er neue Bilder an die Wände hängen? Bei Kunstwerken hat er die Qual der Wahl.

In den Medien wurden bislang nur die eher unwesentlichen Fragen zum neuen Papst zerkaut (Kondom- und Abtreibungsverbot, Zölibat, Frauenpriesteramt, ökumenischer Schulterschluss), aber kaum jemand stellte die wirklich brennende Frage: Wie viel verdient eigentlich der neue Vorstandsvorsitzende des global agierenden Kirchenkonzerns? Mehr als die britische Königin? Mehr als Bush oder Schröder? Mehr als Jürgen Schrempp? Lohnt sich das denn überhaupt?

Als Kardinal war Herr R. Angestellter des Vatikans und erhielt monatlich ein krisenfestes Gehalt, das ihm vermutlich auf ein Konto der urigen Vatikan-Bank überwiesen wurde (nebenbei: der Kölner Kardinal Meissner ist Gehaltsempfänger des Landes NRW). Relativistisch gesehen, dürfte sich Herr R. nun als Chef einkommensmäßig erheblich verschlechtert haben: das geht jetzt schon in Richtung 1-Euro-Job. Unvorstellbar ein Papst mit Portemonnaie oder Brieftasche. Unser Schröder bezahlt beim Hundefriseur Udo Walz mit Kreditkarte (im TV gesehn).

Aber immerhin wird Herrn R. eine kostenlose Dienstwohnung (mit schönem Ausblick) gestellt (inkl. Strom, Wasser, Telefon und Müllabfuhr) plus Arbeitskleidung. Und etliches Personal. Und Freiflüge hat er auch. Nur: Aus welchem Topf bezahlt er eigentlich weltliche Restwünsche? Vielleicht eine Rolex? Oder eine HiFi-Anlage von Bang & Olufsen? Oder CDs aus den frommen Bach-Vivaldi-Mozart-Charts? Ist er etwa auf Sponsoren angewiesen? Schlimm genug, dass der Musikliebhaber sein wurmstichiges verstimmtes Klavier aus der alten Hütte herüberschleppen lassen muss und sich keinen nigelnagelneuen Steinway leisten kann.

Herr R. speiste als Kardinal schon mal gern in einem besseren römischen Ristorante. Dagegen ist nichts zu sagen. Nun steht er unter der strengen Knute hutzeliger Nönnchen, die mutmaßlich nur über ein karges monatliches Haushaltsgeld verfügen, das wahrscheinlich dem Lebenskostenindex angeglichen ist. Die Bewirtung auf der After-Election-Party war eher eine kleinbürgerliche Leibesversorgung und lässt Schmalhans ahnen: Bohnensuppe, Fleisch mit roten Rüben, Aufschnitt und Brot, Äpfel (obwohl symbolisch kontaminiert). Und als Clou (!): Eis und ein Glas Sekt. Kein Champagner. Himmel, gibt es denn keinen formidablen Catering Service in Rom?

Das ist falsche (und verlogene) Bescheidenheit. Selbstverständlich hat der etablierte Papst einen Sterne-Koch zu haben (trotz allen Hungers in der Welt). Nicht immer nur fette Gans und Wodka. Sollte der Lebensstil des neuen Papstes zu aufwendig werden, könnte Die Firma immer noch den Petersdom an einen arabischen Scheich verkaufen und für die Messen zurückleasen, nach dem Dortmunder Borussia-Modell.

Wie die Presse des englischen Erzfeindes enthüllte, raucht Herr R. gern („Puff Daddy“). Werden die gestrengen Nonnen nun die Stangen rationieren? Es darf nicht so weit kommen, dass der Papst aus Armut einen seiner jugendlichen Gläubigen anhaut: „Hast du mal ’ne Kippe, mein Sohn, meine Tochter?“

Zur Not muss der Ex-Großinquisitor wohl auf das eigene Vermögen aus seinem bürgerlich-klerikalen Vorleben zurückgreifen. Seine Buchhonorare dürften ihm eine erkleckliche Summe beschert haben. Sie sprudeln und fließen munter weiter, und jetzt erst recht: bei Amazon führt er die Bestsellerliste an, noch vor Harry Potter.

Mit diesen Erlösen darf UNSER MANN IN ROM guten Gewissens privatisieren, wenn er Feierabend hat: kein Papstbier aus seinem Geburtsort Marktl, es darf dann auch schon mal eine bessere Flasche Châteauneuf-du-Pape aus dem Weinberg des Herrn sein, vorm Fernseher oder beim Internet-Surfen. Sogar im weißen Bademantel. Aber auch ein lila Armani-Cashmere-Pulli und eine schwarze Ermenegildo-Zegna-Hose wären zu Hause keine Todsünde, sondern nur schlichte praktische Eleganz. Man kann nicht 24 Stunden Papst im Fummel sein: das ist unmenschlich. Bekanntlich hat das Haus Burda beste Beziehungen zum Heiligen Stuhl, und so freuen wir uns auf die erste Homestory in der Bunten. Und wissen dann auch endlich, welche Zigarettenmarke der Papst raucht.

Die sentimentale Gläubigkeit seines Vorgängers hat Benedikt XVI. offenbar nicht zu bieten und will es als ausgewiesener Intellektueller wahrscheinlich auch gar nicht. Das ehrt ihn. Trotzdem sind seine bisherigen öffentlichen Auftritte handwerklich ordentlich gearbeitet. Er macht einen JOB- seinen Job. Er gibt den Papst. Er ist ein Papstdarsteller, quasi mit brechtschem Verfremdungseffekt. Auch als Papst bleibt er Herr Ratzinger. Das ist neu und modern in der römisch-katholischen Kirche. Darin ähnelt er dem sympathischen 14. Dalai Lama alias Tenzin Gyatso.

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