Reisebericht Weltreisender

Tokio / Tokyo

Keine andere Metropole ist futuristischer, interessanter, abenteuerlicher, sauberer, vielseitiger und schwieriger. Als Fremder in einer Stadt mit Straßen ohne Namen und Menschen, die freundlich, intelligent und höflich sind - aber leider kein englisch sprechen...

Abenteuer Tokio

7,4 Grad zeigt das Digitalthermometer am Flughafen. Der Wärmemesser besticht mit drei Stellen vor dem Komma – falls es mal über 100 Grad werden sollte. So ist er halt, der Japaner: präzise und weitsichtig.

Um 16:30 fährt der Bus in die Innenstadt. Weiss behandschuhte Helfer managen das Gepäck, wickeln den Transport ab, als ob man eine Weltreise antritt. Um 16:29 nimmt der Bus seine vorgesehen Position vor der Ankunftshalle ein, um anschließend auf die Sekunde genau loszufahren. Während die Türen schließen verbeugen sich die Helfer mit einem tiefen Diener und wünschen Gute Fahrt. Ich bin wieder in Tokio.

Alles geht schnell in Nippon. 130 Millionen Japaner kennen nur ein Ziel: die Steigerung des Bruttosozialprodukts. In der S-Bahn sinken die Menschen vor Erschöpfung reihenweise in den Schlaf. Sobald aber die Tür aufgeht, springen sie auf den Bahnsteig und rennen los. Der Japaner geht nämlich nicht, er joggt durch die Gegend. An den Bahnhöfen zur Rushhour geht es zu wie bei einem Volksmarathon. Nicht selten sieht man auf Zebrastreifen Polizisten mit Trillerpfeiffen, welche die Volksmassen mit rhythmischen Pfeiftönen kurzer Frequenz über die Straßen hetzen.

Tokio. Klinisch rein bis in die hinterste Ecke. Kein Penner auf dem Bürgersteig, kein Bettler am Bahnhof. Der einzige, der Aufsehen erregt, bin ich. Ein europäisches Gesicht - selten in dieser Stadt. Vielleicht der Grund, warum kein Japaner englisch spricht. Der einzige Nachteil, den ich bisher erlebt habe. Die Kommunikation ist wirklich schwierig und verhindert ein tieferes Eindringen in die Kultur. Geheimnisvoll und voller Rätsel für den Fremden – und umgekehrt.

Ob es wirklich stimme, dass man in Deutschland Wurst esse, fragt mich mein japanischer Begleiter interessiert. „Ja“, entgegne ich „Deutschland ist das Land der Wurst“. „Und was ist da drin? Was ist Wurst?“ fragt mein Gegenüber. „Wurst ist zusammengepresster Fleischabfall in Enddärmen von Schweinen“ kläre ich auf. Zwei dunkle japanische Augen blicken mich genauso entsetzt wie unglaubwürdig an. Etwa so, als wenn ich einem Deutschen erzählte, dass ich gerade Affenhirn an Quallensud gegessen hätte – einer Spezialität, die es in Japan wirklich geben soll. Überhaupt tun sich für europäische Geschmacksknospsen kulinarische Abgründe auf, wenn man mal ein echtes Feinschmeckerlokal in Tokio besucht. Das Land hat durchaus mehr zu bieten als Sushi und Suppen. Und die Qualle spielt bei fernöstlichen Feinschmeckern eine wichtige Rolle. Warum auch nicht? Immer noch besser als Aaß im Enddarm!

Tsutui, so heißt er, findet es hoch interessant, mit mir durch die Gegend zu ziehen. Alle paar Minuten bricht er in teils unterdrücktes, dann wieder schallendes Lachen aus. Dabei sind es Nebensächlichkeiten, die den Japaner kichern lassen. Allein schon eine bloße Willensbekundung ist in Nippon etwas äußerst Merkwürdiges. „Ich will“ – scheint in japanisch nicht zu existieren. Die Menschen haben immer den anderen im Blick und würden es niemals wagen, einen eigenen Willen direkt zu formulieren. Höchstens auf komplizierten Umwegen.

Wir sind am Buffet. Ich packe auf meinen Salat eine handvoll Cherrytomaten – der Japaner bricht in lautes Lachen aus. Ich wähle drei Sorten Dessert. Am Tisch probiere ich das erste und sage „schmeckt nicht“, stelle es zur Seite – und Tsutui lacht, als hätte ich den besten Witz erzählt. Im Land der leisen Töne, des Dezenten, wirkt die Direktheit eines Europäers genauso erstaunlich wie komisch.

Niemals würde ein Japaner lautstark mit seinem Handy telefonieren – anders als in Amerika, wo die Menschen wie Geisteskranke endlos ihre Umwelt mit Audioemissionen belasten. Wenn ein Japaner telefoniert, dann immer ganz leise und oft mit vorgehaltener Hand. Dabei ist das mobile Telefon der wichtigste High Tech Gegenstand in Nippon. Tsutui dient es bei unseren Gesprächen als Wörterbuch. Aber auch alles andere kann man mit diesen Dingern anstellen – nur noch keinen Tee kochen.

Ob im Cafe oder im Kaufhaus - überall Stil und Perfektion. Endlich wieder Espresso aus Tassen (Wenn man gerade aus den USA kommt, dann weiß man so was zu schätzen!). Die Multitaskingfähigkeit einer ganz normalen Kassiererin in Tokio ist unerreicht. Während ich noch Kleingeld sortiere, hat sie schon zwei weitere Kunden bedient und nebenbei festgestellt, dass ich zuwenig gegeben habe. (Ist auch echt schwierig mit den Yen) Jeder Japaner kann mindestens drei Handlungen gleichzeitig ausführen, ohne dabei in der Leistung nachzulassen.

Die Ehrlichkeit der Menschen ist unübertroffen. Diebstahl in Tokio? Praktisch undenkbar. Beschiss beim Einkaufen? Ausgeschlossen! Im Gegenteil, dem Verkäufer ist es sichtbar unangenehm, dem Kunden überhaupt Geld abzunehmen. Japan, das krasse Gegenteil zur USA. Wie lange noch? Erste Zeichen der McDonaldisierung sind bereits spürbar.

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