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Unabhängiges Kurdistan: Zeit für Gerechtigkeit

Kurden sind die vierte nach Arabern, Persern und Türken ethnische Gemeinschaft im Nahen Osten. Die Schätzungen bewegen sich zwischen 30 und 40 Millionen Menschen, das ist mehr als die Bevölkerung einiger europäischer und asiatischer Staaten. Die Geschichte der größten Ungerechtigkeit den Kurden gegenüber begann am Anfang des XX. Jahrhunderts.

Kurdistan sollte laut des Vertrags von Sèvres zwischen der Entente und dem Osmanischen Reich (1920) in einen vollwertigen unabhängigen Staat umgewandelt werden. Es dauerte kaum drei Jahre, so haben türkische Nationalisten mit Mustafa Kemal Atatürk an der Spitze und der gebrechlich werdende koloniale Löwe des Britischen Weltreichs, der seine Bohrtürme im kurdischen Kirkuk aufstellen wollte, Kurdistan in vier Stücke gerissen und diese Stücke dem Irak, der Türkei, Syrien und dem Iran geworfen. So wurden die Kurden zu dem zahlreichsten Volk in der Welt, das keinen eigenen Staat hat.

Die derzeitige Lage in Syrien und im Irak bietet der internationalen Gemeinschaft die Gelegenheit, diesen Fehler zu verbessern. Denn was mit Kurdistan geschehen ist, ist ein postkolonialer Unsinn und das ist dem gesunden Menschenverstand und den offiziellen internationalen Normen zuwider. Die künstliche Errichtung der Nahoststaaten ohne Rücksicht auf ethnisch-kulturelle und religiöse Realien hat seinerzeit zu unendlichen Kriegen, Aufständen und Genozidversuchen geführt. Heute kann man in aller Offenheit sagen: Solche Staaten wie Syrien und der Irak existieren de facto nicht und die Türkei und der Iran bewältigen zentrifugale Tendenzen nicht durch die Integration der Minderheiten, sondern durch die rohe militärische Gewalt, die sich in den offenen Terror verwandelt. Erdogan, der die Panzer gegen Kurden schickt, ist nicht besser als Saddam Hussein, es sei denn, dass er sie vorläufig aus Angst vor den USA und der EU vergast.

Auch wenn man die Moralfragen dahingestellt sein lässt und sich vom Pragmatismus leiten lässt, hat es keinen Sinn, sich an die „heiligen“ Simulakren der postkolonialen Politik zu klammern und dadurch die unsicheren Grenzen der Scheinstaaten im Nahen Osten mit Zittern und Zagen zu erhalten. Als Beispiel dient die positive europäische Erfahrung in der Dekonstruktion der totalitären Chimäre Jugoslawiens. Die Fläche Kurdistans beträgt etwa 450.000 Quadratkilometer, was mehr als das Territorium Italiens oder Großbritanniens ist. Solche Kraft ist nicht zu ignorieren, insbesondere deswegen, weil sich syrische und irakische Kurden im realen Kampf gegen den mittelalterlichen Obskurantismus und den IS-Terror mehr bemerkbar als die EU-Länder zusammen machten.

Das irakische Kurdistan wurde faktisch für die kurdische ethnische Gemeinschaft zum Kern des künftigen Staates. Seine politische Elite, die sich auf die wirtschaftliche Rohstoffbasis der Öl- und Gasvorkommen stützt, schafft die einheitliche Infrastruktur, indem sie ökonomisches Wachstum sichert. Diese Elite investiert in die Projekte der nationalen Bildung und Kultur, fördert die Geburtenzunahme, was Kurdistan demographisch konkurrenzfähig macht.

Außerdem sind die Erfolge bei der Formierung der Streitkräfte vorhanden. Die unwesentliche militärische Hilfe vom Westen zeigte, dass die Peschmerga im Kampf gegen islamische Fundamentalisten ein sehr wirksames Werkzeug sind. Und das ist ein prinzipieller Moment. Der Staat ohne Armee ist unvorstellbar. Und eine moderne Armee ohne Lieferungen der neuen Waffen aufzubauen ist einfach unmöglich.

Kann man Kurdistan mit modernen Waffen ausrüsten? Ja, sage ich. Die Kurden üben religiöse Toleranz gegenüber anderen ethnischen Gruppen (z.B. Armeniern), was für den Nahen Osten wirklich merkwürdig ist. In der kurdischen Gesellschaft ist die linke Ideologie populär, darum ist sie der weltlichen, europäischen Wahrnehmung der Welt sehr nah. Mögen diejenigen, die das Waffenembargo gegen die iranischen schiitischen Ajatollahs, die Andersdenkende mit Baukränen hinrichten, aufheben, und diejenigen, die den wahnsinnigen saudischen Wahhabiten, die ihre Gegner enthaupten, ultramoderne Waffen verkaufen, es deutlich machen, warum man die Kurden nicht bewaffnen darf.

Das ist übrigens nebensächlich. Die Hauptsache ist, die historische Gelegenheit wieder nicht zu verpassen, auf der Basis des irakischen Kurdistans den vollwertigen kurdischen Staat zu errichten, der zu einem sicheren, stabilen Gebiet und zu einem wirksamen Einflusshebel des Westens im Nahen Osten wird, der im Sumpf des religiösen Kriegs, politischen Chaos und der kolossalen humanitären Katastrophe stecken bleibt. Washington, Tel Aviv, Brüssel und sogar Moskau, das dem Westen immer widersteht, scheinen in dieser konkreten Frage miteinander solidarisch zu sein. Damaskus sowie Bagdad entscheiden über nichts, Ankara wird vor die Tatsache gestellt und dann wird die Frage mit Teheran gelöst…