Rede von Bundespräsident Gauck bei einer Bürgerbegegnung beim Besuch von Flüchtlingsunterkünften und einer Begegnung mit Flüchtlingshelfern am 12. November 2015 in Bergisch Gladbach

Rede von Bundespräsident Dr. h. c. Joachim Gauck bei einer Bürgerbegegnung beim Besuch von
Flüchtlingsunterkünften und einer Begegnung mit Flüchtlingshelfern am 12. November 2015 in Bergisch
Gladbach:


Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

mit dieser Anrede gebe ich die Begrüßungsformel an Sie zurück, Herr Bürgermeister. Sie haben
gemeint, stolz und glücklich sein zu sollen, weil ich Sie besuche. Nein, es ist anders. Ich bin
stolz und glücklich, dass es Sie gibt, Sie und Ihre Bürgerinnen und Bürger.

Ich bin hierhergekommen, weil ich einmal exemplarisch in der Nähe von gelösten und ungelösten
Problemen sein möchte. Wir alle in Deutschland, ob wir Wähler oder Gewählte sind, wir alle wissen:
Wir stehen vor schweren Herausforderungen, und landauf, landab wird nun gerätselt – hoffentlich
auch geplant und nicht nur gerätselt und geklagt –, was zu tun ist. Und das Erste, was ich nicht
nur Ihnen, sondern allen Deutschen sagen möchte, ist: Zu einer Zeit von Herausforderungen gehören
Debatten und Kontroversen, aber sie gehören in die Mitte der Gesellschaft. Wir wollen nicht, dass
auf der einen Seite die guten Menschen mit den weiten Herzen stehen und auf der anderen Seite die
Engherzigen. Die einen dürfen jammern und klagen, und die anderen dürfen schaffen und umsorgen und
sich freuen, dass wir so solidarisch sind. So wird das alles nicht funktionieren.

Sie haben sich ja an die Landesregierung gewandt, an die Bundesregierung, manchmal wenden Sie sich
auch an die Gebietskörperschaft, und Sie bitten um Verständnis oder um Solidarität und um Hilfe.
Wir müssen begreifen, dass wir beides tun können. Wir können solidarisch handeln und gleichzeitig
eine Problemanalyse betreiben und Sorgen und Besorgnisse benennen. Wenn wir in der Mitte der
Handelnden und der Solidarischen aufhören, die Probleme zu besprechen, die unsere Mitbürger
betreffen, dann werden am rechten Rand genug Verführer und Nutznießer sein, die sich dieser
Probleme bemächtigen und so tun, als wären sie die Einzigen, die darüber sprechen. So darf das
natürlich nicht sein. Und darum müssen wir in der Mitte der Gesellschaft auch ertragen, dass es
gesellschaftliche Debatten und manchmal auch Streit gibt. So ist das in der Demokratie. Die offene
Gesellschaft kommt ohne diese Form der Kommunikation gar nicht aus. Dann dürfen auch Abgeordnete
mal unterschiedlicher Meinung sein. Das ist auch noch normal. Und wir, in den Gemeinden,
Bürgerinnen und Bürger, die vor der Situation stehen, dass die Turnhalle ihrer Kinder gerade belegt
ist oder dass eine benachbarte Liegenschaft genutzt wird in einer Weise, wie es nicht geplant war,
die dürfen das Maul aufmachen. Die dürfen sagen: „Bürgermeister, was machst du gerade mit uns?“ Und
der Bürgermeister ist gut beraten, wenn er rechtzeitig mit den Bürgerinnen und Bürgern spricht, was
er zu tun gedenkt. Dann kann er die Bürgerinnen und Bürger auch fragen: „Ja, was soll ich denn
sonst machen? Soll ich die Leute unter Brücken schlafen lassen oder am Fluss oder an der Landstraße
liegen lassen?“ Und dann wird er hören, was für Antworten er bekommt.

Deshalb bin ich froh darüber, dass ich in einer Stadt bin, wo es eine ganz herausragende Qualität
von Engagement gibt, in der es so viele engagierte Bürgerinnen und Bürger gibt, in den Vereinen, in
den Verbänden, unseren Hilfsorganisationen, einfach überall. Ob es die freiwillige Feuerwehr, die
Polizei oder welche Organisation auch immer ist. Diese Unmenge von freiwilligen Helfern, die
überall im ganzen Land sind. Ich bin dankbar und glücklich, dass dieses Land sich so selbst erkennt
in seinen Potenzialen, in seiner Fähigkeit, nicht wegzuschauen, sondern hinzusehen und helfen zu
wollen. Wunderbar. Wir haben es so nicht erwartet. Wir könnten unser Land, wenn es eine Person
wäre, so ansprechen: „Du, das hätte ich von dir nicht erwartet. Das gefällt mir.“ Und indem wir
unser Land so ansprechen, erkennen wir uns auch in unseren Potenzialen, in unseren Möglichkeiten.
Jetzt kommt noch etwas hinzu: So wie Sportler, die Höchstleistungen erbringen, oder Musiker, die
wunderbare Werke schaffen, so erkennen wir uns oft erst dann, wenn wir an die Grenzen des uns
Möglichen gehen. Wenn wir in uns Fähigkeiten entdecken, von denen wir vorher nicht geglaubt hätten,
dass wir sie haben. Und deshalb habe ich eben gesagt, wenn unser Land eine Person wäre, würde ich
sagen: „Gut gemacht.“

Bei diesem „gut gemacht“, das will ich jetzt auch mal mit aller Deutlichkeit sagen, damit meine ich
auch alle diejenigen, die beamtet, die angestellt sind, nicht nur die Ehrenamtlichen, die haben wir
jetzt in den letzten Wochen dauernd gelobt. Ich will heute auch einmal diejenigen loben, die
Überstunden machen, die, wie ich es heute von Ihrem Bürgermeister gehört habe, nachts um drei
senkrecht im Bett stehen, um sich Gedanken zu machen und zu fragen: „Wo bringe ich die Leute
unter?“ Ich hoffe, er macht es nicht jede Nacht, dann haben Sie ihn nicht mehr lange. Aber dieses
Bild eines engagierten Mitarbeiters, eines engagierten Bürgermeisters, eines engagierten
Abteilungs- oder Referatsleiters, einer engagierten Mitarbeiterin am Computer – für alle die, die
bei uns im öffentlichen Dienst beschäftigt sind, sind das ja auch großartige Zeiten. Und für sie
gilt, was ich eben für das ganze Land gesagt habe. Sie lernen sich neu kennen mit ihrer Fähigkeit,
Verantwortung zu übernehmen und großartig zu sein. Das stärkt sie.
 
Und warum brauchen wir diese Stärke? Weil sich um uns herum an den Rändern eine Angstkultur
entwickelt, die bedrohlich ist. Ängste sind oft etwas anderes als eine Problemanalyse. Sie sind
diffus. Es werden Vermutungen geäußert, es werden Stereotypen bedient. Das ist gefährlich. Es
werden Horrorszenarien für die Zukunft entwickelt. Und diese Horrorszenarien und diese negativen
Stereotypen, sie haben alle eins gemeinsam: Sie entmächtigen uns, sie suggerieren uns, wir seien
nicht im Stande, den Herausforderungen, vor denen wir stehen, zu entsprechen.
 
Aber, meine Damen und Herren, wir sind die, die wir geworden sind. Wir sind aus einer Nation, die
zutiefst danieder lag, moralisch diskreditiert war, zu einer Nation geworden, die sich selber etwas
zutraut. Wir sind die, die sich etwas zutrauen. Und indem wir uns das bewusst machen, fürchten wir
uns auch nicht mehr vor einer Problemdebatte in der Mitte unserer Gesellschaft. Ich wiederhole mich
da, aber das tue ich ganz bewusst, weil ich diese Aufteilung der Gesellschaft in diejenigen, die
gutwillig und gutmütig und aufnahmebereit und aktiv sind, und diejenigen, die böswillig und
fremdenfeindlich sind, die akzeptiere ich nicht. Ich weiß, dass es böswillige und fremdenfeindliche
Menschen gibt, ich finde sie unerträglich. Auch wie sie mit den Ängsten von Menschen manipulieren,
um sich selber Einfluss zuzueignen, der ihnen gar nicht zukommt. Das weiß ich. Aber so wenig wie
wir diesen Angstmachern die Zukunft unseres Landes überlassen, ja, auch nur eine Rolle bei dieser
Zukunft des Landes maßgeblich mitzuwirken, so wenig überlassen wir ihnen die Deutungshoheit über
unsere Probleme, auch über unsere ungelösten Probleme.
 
Und deshalb meine Bitte an Sie und an alle anderen, die sich in der Mitte der Gesellschaft Sorgen
machen, ob wir das schaffen: Reden Sie mit Ihrem Bürgermeister. Reden Sie mit Ihren Abgeordneten.
Behalten Sie Ihre Befürchtungen nicht für sich. Konfrontieren Sie Ihre Abgeordneten und Minister
mit Ihrer Problemanalyse und erwarten Sie von den Politikern, dass sie Handlungsfähigkeit zeigen.
Die versuchen es doch. Aber was ihnen zurzeit schwer gelingt, ist Planungssicherheit herzustellen.
Ja, wie auch? Wissen wir denn, wie viele Flüchtlinge übermorgen zu uns kommen? Wir wissen es nicht.
Und darum brauchen unsere politischen Akteure neben unserer Fähigkeit zur Kritik, neben unseren
Anregungen, auch ein gewisses Maß an Verständnis. Ich gehe mal davon aus, dass die wenigsten von
Ihnen es besser machen könnten als Ihre Ministerpräsidentin und die Bundeskanzlerin. Es mag ja
sein, dass sich der eine oder andere hier befindet, der fest davon überzeugt ist. Ich nehme dann
einen Zettel und schreibe mir Ihre Namen auf. Ja?

Also es gibt Gründe, das haben wir vom Bürgermeister gehört. Es gibt Gründe, dass wir manchmal die
Regierung fragen: „Ja, wieso so und nicht anders? Ich habe viel bessere Ideen.“ Wunderbar wenn es
so ist. Und wunderbar, wenn Sie aus der Mitte der Gesellschaft, aus dem Kreis der Engagierten,
dieser positiven Netzwerke heraus diese Frage stellen. Das ist eine lebendige, offene Gesellschaft,
die solche Debatten nicht fürchtet. Wir haben es nicht nötig, uns vor dem, was uns als ungeklärtes
Problem noch vor den Füßen liegt, weg zu laufen. Menschen, die sich bewährt haben, indem sie
Solidarität als eine Lebensform der Gesellschaft entwickelt haben, die laufen nicht einfach weg
wegen diffuser Ängste. Ein gutes Beispiel ist dieser Bürgermeister oder viele andere Aktive. Wir
können ihm gut zuhören, wenn er die Regierung kritisiert, weil wir an ihm genau merken, er steht
nicht irgendwo im Abseits und meckert nur an den gesellschaftlichen Verhältnissen herum. Sondern er
beteiligt sich intensiv, bringt seine Gaben ein, und dann hat er jedes Recht der Welt, mit all
denen, die über ihm sind, auch kritisch zu sprechen und ihnen kritische Fragen zu stellen.
 
Jetzt haben wir uns, denke ich, miteinander verständigt. Ja, ich spüre das. Ich weiß, ich habe
vorhin schon ein paar Leute getroffen, so eine kleine Blütenlese hier aus Ihrer Gesellschaft. Und
ich habe gespürt, ich bin in einem Stück Europa, von dem ich einmal geträumt habe. Ich bin unter
Menschen, die sich selber anschauen, und sich fragen: Was kann ich eigentlich tun, um diesen Raum,
in dem ich lebe, zu einem lebenswerten und schönen zu machen, zu einem gastfreundlichen? Und ich
will die Gelegenheit nutzen, ein herzliches, bürgerschaftliches wie präsidiales Dankeschön zu
sagen: all den Lehrerinnen und Lehrern, den Pfarrern und Pfarrerinnen in den Kirchgemeinden, in
Diakonien. All den Menschen, die sich sorgen um unser Miteinander, die es gestalten, auch den
Menschen, die jungen Leuten in den Sportvereinen beibringen, was Fairness ist und was Regeln sind,
all denen, die in irgendeiner Weise aktiv sind. Es ist gut, dass ich Sie erlebe, es ist gut, dass
ich dieses Land so erlebe. Und weil ich Sie so erlebe, weiß ich, dass die Probleme, die mit
Sicherheit auf uns zukommen, und angesichts derer wir auch mit Sicherheit noch nicht alle
Lösungswege wissen, dass diese Probleme uns nicht überwältigen werden. Wir sind die, die sich
verpflichtet haben zu stehen und nicht zu fliehen. Und wir haben das Gefühl, genauso soll unser
Leben sein. So möchten wir es, auch wenn wir an einen fremden Ort kämen: dass es dort Menschen
geben möge, die diese Gesinnung haben.
 
Indem ich mich vorhin bedankt habe bei den unterschiedlichsten Menschen, bin ich auch bei denen
gelandet, die uns – etwa in den Kirchen und in den Schulen – etwas vom Sinn unseres Lebens
beigebracht haben. Denken wir daran, das ist eine geprägte Kulturlandschaft. Und zu unserer Kultur
gehören nicht nur die Einrichtungen des Wissens, unsere Universitäten, der Kultur, unsere Theater
und Museen, gehören auch nicht nur unsere wunderbaren Produktionsstätten, sondern es gehört eine
Kultur der Mitmenschlichkeit dazu, die achtsam ist und am anderen nicht vorbei geht, wenn er
ohnmächtig und geschlagen am Straßenrand liegt. Viele von uns haben in der Kindheit das Gleichnis
vom barmherzigen Samariter gehört. Und sie haben begriffen, dass Barmherzigkeit eine Form des
Miteinanders ist. Barmherzigkeit heißt in der Sprache der Politik: Solidarität. Beides hat
miteinander zu tun. Und die Gesellschaften der Solidarität sind erwachsener – auf dem Boden eines
solchen tiefen menschlichen Wissens, dass Zuwendung und Zueinandergehören der Kern dessen sind, was
uns miteinander verbindet.
 
So kommt eine lange kulturelle, religiöse und politische Tradition zusammen. Und all das hat dazu
geführt, dass Sie leben, wie Sie hier leben: als Verbundene und nicht jeder als ein Wolf für den
Anderen. Als miteinander Verbundene im Streit und in der Solidarität, in der Gestaltung und in der
Geduld. Und so soll es bleiben. Und wenn es so bleibt, dann komme ich wieder und bin wieder dankbar
und stolz, dass ich unter Ihnen sein kann.


Anlagen

- Nr. 146-1 (PDF) 126KB
[ http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Bulletin/2015/11/Anlagen/146-1-bpr.pdf?__blob=publicationFile ]