Reisebericht

Ibizas schöne Friedhöfe

Oft sind sie geschlossen, die kleinen Friedhöfe neben den weißen Insel-Dorfkirchen. Besucher müssen sich den Schlüssel beim Pfarrer oder in der nahen Kneipe holen. Wir haben ein Blick hinter die weißen Mauern der letzten Ruhestätten getan. Es ist unsere Reportage zum November mit den Gedenktagen an die Verstorbenen

Die Bräuche Ibizas zum Gedenken an die Verstorbenen

Ibizas Friedhöfe haben einen etwas morbiden Charme: Unzählige Plastikblumen in allen Farben, vertrocknete Blumenreste, verwitterte Grabsteine in wild wucherndem Gras, umgefallene Kreuze auf Erdgräbern. Hinter den Scheiben der Grabnischen stehen Heiligenbilder und Statuen aus Plastik, Bronze oder Keramik, Kuscheltiere für die Kinder, oder der letzte Gruß des Enkels an die verstorbene Oma. Dazu Fotos der Toten, und Erinnerungsstücke, die den Verstorbenen von der Familie oder den Freunden mit auf den letzten Weg gegeben wurden. Mit deutschen Friedhöfen, die immer wie aus dem Ei gepellt aussehen, und auf denen die Friedhofsverwaltung sogar den korrekten Schnitt der Hecke bestimmt, haben die letzten Ruhestätten Ibizas rein gar nichts gemein. Aber gerade das macht sie besonders ausdrucksvoll. Auf den wenigen Erdgräbern finden sich Plastik- oder Naturblumen, marmorne Grabplatten mit Gravur, geschmiedete Eisenkreuze mit Initialen, oder aus Ästen zusammen gezimmerte Holzkreuze ohne Namen. Alles ist möglich, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Die zugemauerten Grabnischen sind ebenso abwechslungsreich: Manche sind mit Marmorplatten versehen, andere mit Glasscheiben, hinter denen sich im Laufe der Jahre ein abenteuerliches Durcheinander breit gemacht hat. In einigen Nischen wurde ganz auf überflüssige Dekoration verzichtet, die Sterbedaten wurden schlicht und einfach mit dem Pinsel auf den schmucklosen Mörtel gemalt. Jeder Friedhof Ibizas hat seine Eigenheiten, und jede Familie scheint eine andere Auffassung darüber zu haben, wie ihre Verstorbenen zur letzten Ruhe gebettet werden sollen. Die ländlichen Friedhöfe wirken einfach und bescheiden, die der größeren Ortschaften sind aufwendiger bepflanzt und gestaltet. Den alten Stadtfriedhof in Eivissa könnte man sogar als prunkvoll bezeichnen: Geschmeidige Zypressen strecken ihre Wipfel gen Himmel, riesige Engels- und Heiligenstatuen lassen das Flair römischer Friedhöfe wach werden.

Neben den einfachen Grabnischen liegen die kunstvoll verzierten Grabkammern, die den reichsten und wichtigsten Familien der Stadt vorbehalten sind: Wie zum Beispiel der Familie Matutes, der Familie Palau, oder dem bekannten ibizenkischen Schriftsteller Villangomez. Außerdem wurde den Opfern des Bürgerkriegs eine Kapelle gewidmet. Auffällig ist, dass auf fast allen Friedhöfen Ibizas Einheimische und Ausländer nebeneinander bestattet wurden, in einigen Fällen haben sogar Menschen anderer Religionen einen Platz auf dem Friedhofs-gelände gefunden. Wie zum Beispiel auf dem alten Friedhof an der Kirche Puig de Missa in Santa Eulària, wo es auch ein jüdisches Grab gibt. Nach den strengen Regeln des katholischen Glaubens wäre dies eigentlich nicht erlaubt. „Im Tod umarmen wir uns alle“, sagt Pfarrer Juan Miguel Planells Torres über diese Toleranz. Früher war es selbstverständlich, dass jeder Landbewohner auf seinem Dorffriedhof die letzte Ruhe fand, doch aufgrund der steigenden Bevölkerungszahl müssen viele Verstorbene mittlerweile auf den offiziellen Friedhöfen der Gemeinden bestattet werden.

In ihrer kühlen Modernität wirken die neuen Begräbnisstätten weitaus seelenloser als die älteren auf dem Lande. So gleicht der neue riesige Friedhof der Gemeinde Eivissa zum Beispiel eher einer etwas ver-wahrlosten, unbewohnten Neubausiedlung. Dass man ihn problemlos mit dem Auto befahren kann, ist zwar praktisch, erhöht aber das Gefühl, der Masse und der Anonymität ausgeliefert zu sein.
„Im Tod umarmen wir uns alle“

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