PecuniaOlet

Nachtgedanken

Meine erste bewusste Beschäftigung mit Philosophie entstand aus dem Staunen heraus, dass überhaupt etwas ist und lebt. Das war so ca. im Alter von 10 Jahren, und ich fragte meinem Großvater Löcher in den Bauch, die er mir alle mit einer Engelsgeduld beantwortete. Alle Antworten bezogen sich stets auf naturwissenschaftliche Erklärungen, und auf die Frage nach dem Zweck von allem, entgegnete er: "Damit wir leben und uns fortpflanzen. Mehr kann ich Dir dazu nicht sagen, denn das wäre Spekulation." Die Naturwissenschaften sind zwar in der Lage zu beschreiben, wie etwas ist und welchen "Spielregeln" es folgt; Ziel, Zweck und Ursprung bleiben aber im Dunkeln. Selbst wenn man als Ziel und Zweck das Überleben und den Erhalt der jeweiligen Gattung setzte, bliebe doch die Frage,weshalb denn eine "Idee" der Natur wichtiger sei als das fühlende und wollende Leben selbst. Ein Leben für die Gattung und deren Arten, die ja gar kein eigenständiges "Leben" an sich darstellen, sondern lediglich aus fortlaufenden Ketten der eigentlich lebenden, fühlenden und wollenden Einzelwesen bestehen, die geboren werden und sterben, sobald sie ihren Zweck erfüllt, den Funken des Lebens an die nächste Generation weitergegeben, und für deren Fortdauer gesorgt haben. Wenn man dann noch die Mühe dieses Daseins betrachtet, die unermüdliche Sorge für den Nachwuchs, die gezielte Auswahl des Geschlechtspartners, die Kämpfe um Weitergabe eigener Gene, dann fragt man sich, weshalb denn der ganze Aufwand seitens der Individuen betrieben wird, wenn viele nach Erfüllung ihrer Aufgaben alsbald sterben und der Früchte ihres Bemühens nie mehr gewahr werden. Woher kommt diese unermüdliche Sorge, dieser Überlebens- und Fortpflanzungsdrang? Im Grunde ist diese Frage bereits Dekadenz, denn Leben und Natur stellen keine Fragen, stehen für sich und betrachten sich als selbst-verständlich, bzw. betrachten sich gar nicht. Im Grunde könnte Natur und Leben aus reinen Reflexen bestehen (bei manchen ist das auch fast so), dem Überleben und somit dem Erhalt der Gattung täte es keinen Abbruch. Erst der erwachende Geist betrachtet Natur reflektierend und steht ihr wie ein Fremder gegenüber. Fremdes weckt Neugier und Angst gleichermaßen und zwingt, es zu benennen, damit es nicht mehr fremd sei und ihm das Bedrohliche genommen werde. Das Beherrschen- und Beschwichtigen-Wollen ist dann der nächste Schritt, und so entsteht Magie und Mythos, aus welchen später die Naturwissenschaft hervorgeht. An einem bestimmten Punkt bemerkt dann aber der Geist, dass er im Grunde so schlau ist wie zu zuvor. Er hat zwar das äußere Gewand der Natur erforscht, ihm Namen gegeben und Verknüpfungen festgestellt, er kennt die Sprache des Buches, aber versteht nicht den Sinn, ja nicht einmal den "Plot" der Handlung. Und sich selbst als Beobachter begreift er am allerwenigsten.

Gläubige Menschen vor der Aufklärung hatten diese Probleme nicht. Sie standen in der Regel fest im christlichen Glauben, ihr Weltbild war unerschütterlich, und sie fühlten sich eingebettet als sinnvoller Teil einer göttlichen Ordnung. Dieser beneidenswerte Zustand ist uns leider genommen. Denn seit der Aufklärung ist der Glaube ein anderer bzw. gar nicht mehr vorhanden und die fehlende Geborgenheit ersetzt ein rastloses und beschleunigtes Leben, dessen primärer Sinn aktiv und passiv im eigenen Beitrag zu beständigem Wirtschaftswachstum zu bestehen scheint - und der irgendwann zu Fragen, oder zu völliger Verblödung führt.

Als ich dem kindlichen Glauben entwachsen war und mir keinen persönlichen, in die Welt eingreifenden Gott, der in ihr gleichzeitig dieses Leid zuließ, mehr vorstellen wollte oder konnte, kam ich literarisch erstmals mit dem Buddhismus in Berührung. Das erste Buch, das ich las, war das Tibetanische Totenbuch, und danach ging es mir schlecht. Die dort beschriebenen Nachtod-Erfahrungen während der Zeit bis zu einer neuen Reinkarnation, bedingt durch das "Aufsteigen" karmischer Inhalte aus dem Unbewussten, waren teilweise so grausam und in höllenartiger Natur geschildert, dass ich unbedingt zur Erleuchtung, bzw. zum Erwachen kommen wollte, bevor ich sterben würde. Auch wenn ich seit längerem nicht mehr gläubig im christlichen Sinne war, so war ich mir doch instinktiv irgendwie sicher, dass der körperliche Tod nicht das Ende bedeutete. Ich hatte jedoch solch eine Angst vor Kontrollverlust, dass es mir lieber gewesen wäre, er hätte auch das geistig-seelische Ende bedeutet, denn zur "Erleuchtung" kommt man ja nicht mal eben so beim Zähneputzen. Mit siebzehn Jahren glaubte ich dann, dass ich diesem irgendwann zu erwartenden Kontrollverlust nur durch eine absolute Selbstkontrolle und Disziplin im Leben entgehen könnte und plante, ein absolut asketisches und enthaltsames Leben in ständiger Selbstkontrolle zu führen. Jeden Morgen stand ich um fünf Uhr auf, meditierte eine dreiviertel Stunde, ging nicht mehr mit Freunden weg und las unzählige Bücher von Carl Gustav Jung über Meister Eckart und Jakob Böhme bis hin zur Bhagavad-Gita und "Reden des Buddha". Meine Eltern hielten mich schon für verrückt und äußerten Zweifel an meiner geistigen Gesundheit. Das ganze hielt ich ca. 8 Monate durch, dann holte mich das Leben wieder ein und die darauf folgenden sieben Jahre waren die wildesten und exzessivsten meines Lebens. Die wenigen Monate absoluter Selbstdisziplin und Enthaltsamkeit hatten in diesem Alter so viel Glut angesammelt, dass das Feuer der Jugend umso länger und intensiver brannte. Gott, Teufel, Sünde und Karma waren mir egal, der Sinn des Lebens war absoluter Genuss, und das war auch gut so. Das nicht zum Ziel führende Nachdenken und Meditieren kam mir wie verschwendete Jugend vor und machte mich hinterher wütend. Erleuchtung lässt sich eben nicht erzwingen, schon gar nicht in einer so kurzen Zeit. Als sich die Wogen des "Sturm und Drang" wieder gelegt hatten, sagte ich mir, wenn Du eine Familie gründest, dann hast Du eine Aufgabe und Verantwortung. Wenn Du die nach bestem Wissen und Gewissen wahrnimmst, kann das nichts Schlechtes sein. Und ich glaube, dass Liebe Meditation und Erleuchtung nicht nur ersetzen, sondern sogar übertreffen kann.

Besiegt die aus dem Unbewussten aufsteigenden, karmischen Dämonen mit Liebe und das "Tibetanische Totenbuch" verliert seinen Schrecken. Diese Dämonen in Form "böser" unbewusster Inhalte sind Dämonen,geboren aus dem "Unbehagen in der Kultur".

Liebe gab es schon immer, Erlösungsreligionen erst, seit es Geschichte gibt. Wovon müssen wir erlöst werden? Welche karmischen Dämonen steigen einem Buschmann oder Massai auf? "Raus aus dem Paradies - Rein in die Geschichte!" "Und erlöse uns von der Geschichte!" Der Mensch wird im blutigen Krieg der Klassen durch die Geschichte gehetzt. Am Ende der Geschichte steht erneut die klassenlose Gesellschaft - oder gar nichts!

(Nein, ich bin weder Jessi noch Kommunist oder Freimaurer!)