Harald Müller

Horst Lüning - Teil 2 - Nichtlineares Wachstum 1-3

Oder: Wie vermeide ich das Wort „Exponentialfunktion“?

Teil 1:

Willkommen liebe Klasse zum integrierten Geschichts- und Mathematikunterricht von Horst Lüning. Allerdings sollte der geneigte Zuhörer sich über eines im Klaren sein: Ganz so genau darf man es dann doch nicht nehmen, es können durchaus auch noch "Erkenntnisse" aus Wirtschaft und Biologie kräftig vermengt werden.

Aber genug der Vorrede, lassen Sie uns beginnen und zwar bei den alten Chinesen: „Da hat nämlich irgendein chinesischer Bauer mal einem Kaiser das Leben geretttet, oder so, abstruse Geschichte...“. Und dann kommt die Geschichte mit dem Schachbrett und den Reiskörnern. Was eine Legende aus Indien ist, wird nun als „abstruse Geschichte“ aus China verkauft. Ja, die Chinesen kopieren einfach alles, mag man da denken, oder so.

Nebenbei: Kennen Sie die automatische Untertitelfunktion von Youtube? Da liest sich das dann so: „da hat nämlich im handyshop dauernden mal einen kaiser das leben gerettet oder so...“ Also „viel falscher“ ist das jetzt auch nicht, nur witziger!

Wer also noch nicht wusste, was eine Exponentialfunktion ist (ohne dass dieses Wort bisher erwähnt wurde), der weiß es jetzt eventuell vielleicht ganz genau und vor allem, wer sie erfunden hat.

Anhand eines Diagramms erklärt nun Finanzmathematiker Lüning was aus 1000 Euro geworden wäre, wenn „man 1000 Euro bei 3 Prozent Zinsen 1987 angelegt hätte...“ Moment! 1000 Euro. 1987??? Da wäre man erst vom Finanzberater der Bank ausgelacht und anschließend in Handschellen abgeführt worden. Okay, ich gebe zu, dass das jetzt Klugscheißerei ist und dass man Horsts Aussagen eben nicht auf die Goldwaage legen darf. Es geht ihm ja ums Prinzip.

Was er natürlich vergisst zu erwähnen (oder weiß er es nicht?!): Eine Verdoppelung des Guthabens bedeutet auch immer eine Verdoppelung der Schulden. Aber Schuldnerberater Lüning wird uns an anderer Stelle noch aufklären, dass ja keiner verpflichtet ist, Schulden zu machen. Soso.

Zurück zur Verzinsung: Also 3% bekommt auf 2000 Jahre keiner, aber wie siehts bei weniger Zinsen aus? Die katholische Kirche soll laut Kurienkenner Lüning eine Verzinsung von 0,5% geschafft haben. Ob Euro oder DM, das spielt nun wirklich keine Rolle mehr bei so großen (und ohnehin falschen) Zahlen.

Bei 4:45 Minuten rutscht ihm dann doch mal das böse E-Wort über die Lippen, wird aber gleich wieder für den Zuschauer in „Nichtlineare Kurven“ übersetzt, es soll ja alles schön leicht verständlich bleiben. Genau wie sein Ausflug in die Biologie: Die (inzwischen zum Tierreich mutierten) Bakterien weisen solches Wachstum auf, „und das führt dann immer sehr schnell zum Tod des Patienten“. Ein Schenkelklopfer, genau wie die darauf folgenden Äußerungen zu Grippe und Schweinegrippe, sofern man sie denn überlebt hat.

Zurück zu Thema Geld: Nach einem kurzen Abstecher zu Lebensversicherungen, Inflation und Thilo Sarrazin erfahren wir, dass man (sofern in die richtigen Unternehmen investiert) „auch mal 6 oder 8 Prozent bekommen.“ kann. „Langfristig geht das voll ab“, so Börsenexperte Lüning.

Aber bitte nicht in Fonds investieren! Das liegt daran, dass die Manager „auch nur mit Wasser kochen“ und obendrein nicht so gut ausgebildet und spezialisiert sind. Und wenn die dann auch noch ihre Boni rausgezogen haben, dann bleibt eh nichts mehr übrig. Lüning empfiehlt daher dann auch direkt in Dax-Unternehmen zu investieren, „die mit der höchsten Dividende, und die laufen gut, und da ... narrensicher!“


Teil 2:

Horst Lüning beginnt mit einem ganz kurzen Rückblick auf die vorausgegangene Sendung, und erklärt der auf die Hälfte geschrumpften Klasse „warum wir in den letzten 2000 Jahren nur 2 Prozent Wachstum hinbekommen haben“. Um das zu erläutern müssen wir ganz weit in die Geschichte der Menschheit zurückgehen. 70000 Jahre! Anthropologe Lüning klärt uns auf, dass der Mensch damals fast ausgestorben wäre, wenn es „Lucy“ nicht vor 12000 Jahre nach Südamerika geschafft hätte. Nur ein Misanthrop würde jetzt „Schade, warum nur fast?“ denken und die Australopithecus-Dame Lucy würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie das im Nationalmuseum von Äthiopien (bekanntlich in Afrika!) noch könnte.

Von Jägern und Sammler über Bauern geht es dann geradewegs nach 1450 zu Johannes Gutenberg, als der „den automatisierten Buchdruck erfand“. Dass Gutenberg die Bibel ins deutsche übersetzt hat, ist für den Literaturkenner Lüning nicht ganz so wichtig. Macht nichts Horst, für Gutenberg auch nicht, ist nämlich falsch!

Wichtig ist nur, dass man nun Wissen massenhaft unters Volk bringen kann, oder auch Halbwissen! Auf jeden Fall geht es jetzt rasant weiter: gedruckte Bilder, Radio, Fernseher, Internet. „Die Zeiten werden immer kürzer, die Exponentialfunktionen (endlich!) immer stärker...“.

Und da der Output pro Feld und Bauer sich um den Faktor hundert erhöht hat, können nun laut Agrarexperte Lüning viel mehr Menschen etwas anderes machen, und das erklärt dann auch das Wachstum in Asien oder Afrika. Aber gerade das Wachstum in Afrika wird von den Medien totgeschwiegen. Ob das vielleicht anders wäre, wenn auf den Etiketten unserer Kleidung „Made in Sudan“ stünde, Herr Lüning?

Gegen Ende der heutigen Unterrichtsstunde stellt Horst Lüning zur Diskussion, ob man nicht den Yanomami-Indianern ein bisschen auf die Sprünge helfen sollte, den Übergang von der Alt- zur Jungsteinzeit endlich mal in Angriff zu nehmen. Aber zwingen will er sie zu ihrem Glück dann doch nicht.

Und ganz am Ende erfahren wir auch, warum wir keine 50% Wachstum schaffen: Die eine Hälfte der Bürger macht der anderen das Leben schwer: „Mit Bürokratie und Verboten und Gängelung und und und...“ Aber wer es bei uns schafft, das alles zu umgehen, „der kann auch bei uns ein tolles Wachstum erreichen!“.


Teil 3:

Grenzen des Wachstums

Horst Lüning litt schon im hessischen Gymnasium: „... und was sind wir malträtiert worden, von den ersten rot-grünen Lehrern, die auf uns losgelassen wurden.“ Das kann und muss man natürlich auch verstehen, da sich diese Lehrer damals noch gar nicht bewusst sein konnten, dass sie rot-grün sind und was das überhaupt ist. Schrecklich!

Es folgen zwei Buchbesprechungen. Ein Zeriss des Berichts des Club Of Rome von 1972, ein Lob für Apocalypse No von B. Lomborg. Ja, mit Zukunftsprognosen tun sich Experten oft schwer. Irgendein Universalexperte sagte vor ein paar Monaten auch den Crash an den Börsen dieses Frühjahr voraus...

Interessant ist dann wieder Lünings Aussage, dass mit steigendem Wohlstand die Vermehrungsrate abnimmt. Ob das wirklich etwas mit Wohlstand zu tun hat, oder mit der Tatsache, dass Frauen heute in den westlichen Ländern ihren Beitrag zum Familieneinkommen leisten müssen, wer weiß das schon so genau?

Gegen Ende des dreiteiligen geistigen Tiefflugs wird dann noch über zukünftige Energiegewinnung sinniert, aber so richtig zugehört hat wohl keiner mehr.


Fazit: Horst Lüning gefährliches Halbwissen zu unterstellen wäre weit übertrieben. Hier „philosophiert“ einer, der nach eigener Aussage manchmal „Angst vor der eigenen Courage“ hat. Von Angst sieht man keine Spur: Wie furchtlos hier jemand mit Unwissen hantiert und mit einer anscheinend grenzenlosen inneren Überzeugung labert... „Respekt“!