Reisebericht Weltreisender

Begegnung mit dem Weissen Hai

Im Kaefig hinab in die Tiefe. Begegnung mit dem Weissen Hai. Eine der letzten grossen Herausfoderungen auf Erden. Ein tollkuehnes und wagemutiges Vorhaben auf hoher See.

Irgendwo in den kalten Gewaessern Sued Afrikas – etwa 50km suedostlich vom Kap der Guten Hoffnung. Eine Stunde Fahrt mit dem Speedboot liegt hinter uns und der grosse weite Ozean vor uns.

An dieser Stelle ist der Weisse Hai zuhause. Das heisst jedoch nicht, dass er sofort aus den blauen Fluten emporgespringt, sobald dort ein Boot vor Anker geht. Folge: Geduldiges Warten.

Der Skipper kippt literweise Blut ins Meer, wirft kiloweise Fischkadaver in die Fluten. Eine Plastikrobbe dient als Koeder. Als wir schon alle Hoffnung fahren lassen wollen, sehen wir ploetzlich eine Flosse am Horizont. Szenerie wie im Film. Langsam und neugierig tastet sich der riesige Koenig der Meere an unser Boot heran. Wir machen uns bereit fuer den Abstieg.

An einem duennen Stahlseil wird der Kaefig ins Wasser gelassen. Meine erste Einschaetzung: Weder das Seil, noch die duennen Gitterstaebe bilden fuer den riesigen Meeresraeuber ein grosses Hindernis. Wer einmal in den riesigen Rachen eines Weissen Hais schaute, der ahnt, wovon ich spreche. Ein Biss, ein Flossenschlag genuegt, um den Kaefig zu zerstoeren. Einziger Trost: so gefrassig wie im Film ist der Fisch nicht. Und ganz oben auf der Speisekarte steht die Robbe, nicht der Mensch. Allerdings: in unseren schwarzen Taucheranzuegen sehen wir eher aus wie Robben.


Der gefaehrlichste Moment

Ich entscheide mich deshalb, den Taucheranzug wieder auszuziehen und hangele mich vom Boot in den Kaefig, der bereits im Wasser duempelt. Ich trete auf die Seite des oben geoeffneten Schutzbehaeltnisses – ein fataler Fehler! Der Kaefig droht aufgrund meines Koerpergewichtes mitsamt den Insassen umzukippen noch bevor der „Deckel“ verschlossen ist. Horrorvorstellung. Entsetzte, weit aufgerissene Augen schauen mich durch die Tauchbrillen an. Schreie unter Wasser. Fuer den Bruchteil einer Sekunde frage ich mich, wer nun als erster im Rachen des Weissen Hais landet? Die Kollegen, die in ihren Anzuegen so aussehen wie Robben, oder ich.

Aufmerksam umkreist der Hai die menschliche Beute. Er schaut neugierig zu uns herueber. Dann hebt er den Rachen ueber das Wasser und offnet das riesige Maul, so als wenn er sagen wollte: „schaut mal, wie viele Zaehne ich habe!“. Durchaus beeindruckend, dieses Schauspiel. Dann schnappt er nach Teilen der umherschwimmenden Fischkadaver und taucht wieder ab in die Tiefen des Ozeans.

Gelegenheit fuer mich, vorsichtig in den Kaefig hinabzusteigen und den Deckel sicher zu verschliessen. Zitternd und bibbernd, teils vor Kaelte, teils aus Angst, harren wir der Dinge. Wegen Stroemung und Wellengang bleibt uns nichts anderes uebrig, als uns an den Gitterstaeben festzuklammern. Keine optimale Idee - davon zeugt die Hand unseres Skippers: Der Mittelfinger fehlt. Den hat ein Hai weggeknabbert.

Ploetzlich wieder aufgeregte Signale vom Boot. Der Hai ist wieder da. Er schwimmt am Kaefig vorbei, so als wolle er uns ignorieren. Dann eine Kehrtwende. Mit aufmerksamen Augen begutachtet die riesige Kreatur die Kaefiginsassen, so als denke sie nach, wie sie ihrer am besten habhaft werden koenne. Gott sei Dank wissen Haie nicht, wie sie mit Kaefigen umgehen sollen.

Ein einzigartiges Naturschauspiel, welches in diesem Moment alle Aengste vergessen laesst. Ab und zu oeffnet die Bestie ein wenig den Rachen und zeigt ein furchteinfloessendes Gebiss. Das Tier scheint ein wenig ratlos.

Haie gehoeren zu den schnellsten Lebewesen des Meeres. In Sued Afrika schiessen die Meeresraeuber zuweilen jaeh aus dem Meer um Robben zu fangen. Es ist dies eine der wenigen Gegenden auf der Welt, wo Haie, Delfinen gleich, aus dem Meer springen – auf der Jagd nach Beute. Aber „unser“ Hai unternimmt keine hektischen Anschalten. Er kommt naeher, umkreist uns, bleibt stehen, schaut interessiert auf die menschlichen Koerper – als wenn er denken wuerde: „was wollen die denn hier?“

Die Gitterstaebe unseres Kaefigs getrauen wir uns in dieser Situation nicht anzufassen. Etwas hilflos und aufgeregt treiben wir in unserer metallenen Umgrenzung. Ein unvergessliches Ereignis. Nach einer Stunde ist das Schauspiel vorbei. Unser Freund schwimmt von dannen und kehrt nicht wieder zurueck. Leicht unterkuehlt steigen wir zurueck ins Boot.

Etwa 4 Meter misst das Tier. Bis zu 8 Meter lang koennen Weisse Haie werden. Ihr Name ruehrt aus dem Umstand, dass ihre Unterseite weiss ist. Von oben sehen sie dagegen aus wie „gwoehnliche“ Grauhaie.

Haie zaehlen zu den bedrohten Tierarten. Seit 400 Millionen Jahren sorgt der Hai dafuer, dass alles Schwache, Absterbende, Unvorsichtige aus den Meeren selektiert wird. So leistet er einen wertvollen evolutionaeren Beitrag zur Vielfalt der Unterwasserwelt.

Doch die Haie werden zunehmend ausgerottet. Ihre Flosse gilt in Asien als Delikatesse und wird dort teuer verkauft. Millionen von Haien wurden allein aus diesem Grund weggeschlachtet. 200 Millionen Haie werden jährlich vom Raubtier Mensch getötet - auf einen vom Hai getöteten Menschen kommen etwa 30 Millionen getötete Haie!

Den schlechten Ruf tragen die Haie ungerechtfertigter weise. Die Gefraessigkeit und die Gefaehrlichkeit der Haie wird oft uebertrieben. Auf der Welt gibt es jaehrlich nur etwa 10 toedliche Haiunfaelle. Meistens wollen die Koenige der Meere nur mit ihren Opfern spielen. Menschfleisch moegen Hai naemlich nicht.

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