PecuniaOlet

Kritische versus funktionale Intelligenz

Ich weiß nicht, ob diese Begriffe in der Psychologie verwendet werden, und falls ja, in welchem Kontext.

Ich verwende diese Begriffe daher so, wie ich es meine, und das bedeutet: Funktionale Intelligenz ist technische Intelligenz, die empfängt, "Algorithmen" entdeckt und "auswertet", aber nicht hinterfragt. Kritische Intelligenz hingegen stellt bereits Prämissen und empfangene Daten infrage, im Extremfall sogar sich selbst, bzw. ihre eigenen Voraussetzungen.

Funktionale Intelligenz heißt u.a. Probleme zu lösen, indem man Gesetzmäßigkeiten durch logische Schlussfolgerung und/oder räumliches Vorstellungsvermögen möglichst schnell erkennt und an anderen Beispielen anzuwenden in der Lage ist. Einen Algorithmus bzw. eine wiederkehrende Gesetzmäßigkeit zu erkennen, kann man auch Computern "beibringen", indem man sie entsprechend programmiert. In aller Regel schneller und zuverlässiger als das menschliche Gehirn.

Funktionale Intelligenz ist daher (nach meiner Definition) reine "Intelligenzarbeit", die wesentlich vom Faktor Zeit bestimmt wird. Der "Schweregrad" (die Leistung)  des Gehirns hierbei entspricht der Komplexität der logischen Verknüpfung, die innerhalb eines bestimmten Zeitabschnitts gelöst wird. Wenn man sich diese Aufgaben in gängigen Intelligenztests so betrachtet (zum Beispiel das Fortsetzen von Zahlenreihen etc.) merkt man, dass die Probleme eigentlich für jeden durchschnittlich Intelligenten sämtlich lösbar sind, entscheidend dabei ist allein die Schnelligkeit. Funktionale Intelligenz entspricht also einem "Arbeitscharakter", ähnlich körperlicher Arbeit, die man beispielsweise daran messen könnte, wie schnell jemand eine bestimmte Masse einen Meter hoch anzuheben in der Lage ist. Funktionelle Intelligenz "altert", die geistige Leistungsfähigkeit lässt-wie die körperliche- im Laufe der Jahre nach. Viele Tiere sind uns diesbezüglich überlegen, ebenso wie manche Affenarten über ein wesentlich besseres räumliches Vorstellungsvermögen verfügen und gewisse Situationen schneller erfassen können als der Mensch. Wenn uns jedoch Maschinen in nahezu allen, und Tiere in bestimmten Bereichen dieser "funktionalen Arbeitsintelligenz" überlegen sind, bedeutet das, dass es hierbei um nichts "typisch Menschliches" handelt. Dies Art von Intelligenz jedoch ist die wichtigste in unserer Gesellschaft, in Schule, Ausbildung und Arbeitswelt, nur sie ist messbarer Natur und nötigt sowohl zu Vergleichen als auch zu Wettbewerb und Auslese.

Ganz anderer Natur ist die kritische Intelligenz.

Sie wird innerhalb unserer Gesellschaft nur höchst selten gefördert wie gefordert, weil sie beim reibungslosen "Funktionieren" stört. Sie hält im Schulunterricht auf, verzögert den schnell zu absolvierenden Lehrplan oder bringt ihn ganz durcheinander, stellt Paradigmen infrage und überfordert viele Lehrkräfte. In der Arbeitswelt erscheint sie meist als lästig und Ihre Protagonisten als rebellisch und "ungehorsam" bzw. undiszipliniert und aufmüpfig. Es gibt selten etwas Demotivierenderes für einen Arbeitnehmer, als wenn er der völligen geistigen Unterlegenheit seines Vor-Gesetzten gewahr wird. Kritische Intelligenz ist die eigentlich menschliche. Sie ist jene der Freigeister und Querdenker und entspricht eher einem kreativen- als einem Arbeits-Charakter. Der bedauernswerte Zustand unserer postdemokratischen (gab es je eine demokratische?) Gesellschaft rührt in erster Linie aus einem Mangel an kritischer Intelligenz der Massen. Das beginnt bereits in der Schule. Friss oder geh unter, scheint hier die Devise. Geschichte wird erzählt und nicht hinterfragt, Daten gesetzt und Formeln zunehmend seltener hergeleitet. Kritische Schüler gehen unter oder passen sich an. Weshalb? Ich erinnere mich noch sehr gut an den Mathematikunterricht der dritten oder vierten Klasse. Die Lehrerin sprach in Geometrie gerade über Parallelen und sagte, dass die sich irgendwann im Unendlichen treffen. Diese Aussage störte mich, denn einen Satz zuvor hatte sie noch behauptet, der Abstand wäre an allen Punkten überall gleich. Ich traute mich nicht, nach dem Widerspruch zu fragen, weil er anscheinend keinen weiteren meiner Mitschüler störte und ich tags zuvor schon schallendes Gelächter geerntet hatte, aufgrund meiner Frage, weshalb ein Rechter Winkel eigentlich "rechter Winkel" und nicht etwa senkrechter Winkel oder "linker Winkel" heiße. Weil ich nicht zu fragen wagte, überlegte ich für mich, wie es denn gemeint sein könnte, dass sich Parallelen im Unendlichen träfen. Gab es gar keine exakten Parallelen, dann wäre die Geometrie aber nicht "idealer Natur," oder war das eher optisch vom Stande eines Betrachters gemeint? Während ich nachdachte, ging aber der Unterricht weiter, und ich verlor den Anschluss und kam beim Abschreiben von der Tafel nicht mehr mit. Deshalb konnte ich die Hausaufgaben nicht vollständig erledigen - und unterließ beim nächsten Mal das Denken. Ich kann mir vorstellen, dass viele Schüler ähnliche Probleme hatten und haben, und auch später in Arbeitswelt und Studium auf verwandte Schwierigkeiten stoßen.

Unsere Gesellschaft ist auf "Funktion und Funktionieren" getrimmt. "Funktionäre" kommen zu höchst-dotierten Posten, während kritische Geister häufig auf der Strecke bleiben. Die sind aber für eine funktionierende Demokratie unerlässlich. Unser Mammonismus ist nicht menschlich, sondern maschinenartig. Und exakt deshalb wird unsere Form der Gesellschaft nicht mehr lange, bzw. nur noch mittels mit Totalverdummung gepaarter Unterdrückung der Massen funktionieren.