Reisebericht Weltreisender

Zum Friseur in Shangha

Abenteuer Alltag. Haare schneiden in Shanghai ist gar nicht so einfach: Es gibt echte und falsche Friseure.

Ein ganz normaler Tag in Shanghai...

Die Not war bei mir groß: Drei Monate hatten meine Haare keine Schere mehr zu Gesicht bekommen. In solchen Zeiten werde ich dann meist zum Großkonsument von Gel, Wachs und sonstigen Dingen, die sich Mann so in das Haar schmiert. Ich hätte bereits problemlos vor zwei/ drei Wochen zum Friseur gehen können, alleine der Mut fehlte mir. Hierzu muss man noch wissen, dass es in Shanghai zwei Arten von Friseurläden gibt: Die echten und die falschen...! Sie sind meist erst auf den zweiten Blick auseinander zu halten. Für den unbekümmerten Europäer sicherlich zunächst einmal gar nicht. Während die echten Friseure die Haare auch tatsächlich schneiden, ist dies bei den falschen Friseuren nicht oder nur vordergründig der Fall: Geboten wird eine andere Dienstleistung, die bei uns mit einer roten Laterne verbunden wird und genug Stoff bietet für tiefgreifende Diskussionen an längeren Männerabenden. Bevor ich hier weiter abschweife: ICH war vorgewarnt, so dass ich gleich nach den echten Friseurläden Ausschau hielt. Zu erkennen daran, dass dort manchmal tatsächlich Leute sitzen, die die Haare geschnitten bekommen. Davon gibt es hier aber schlichtweg tausende... – ohne Übertreibung. Ich weiß auch nicht, warum das so ist und wie die alle überleben können. Nach meinem Besuch hat sich das Fragezeichen im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit noch vergrößert.



Am Sonntag jedenfalls war es dann soweit. Gegen zwölf schritt ich frohen Mutes in die Innenstadt. Ich hatte mir bereits zuvor auf einem meiner zahlreichen Heimwege zwei Läden ausgesucht, die ich nunmehr näher begutachten wollte. Die erste Schwierigkeit allerdings kam nicht ganz unerwartet, kostete mich aber eine geschlagene Stunde und hätte das gesamte Unterfangen fast wieder zum Stillstand gebracht: Ich brauchte Geld! Da ich auch noch etwas essen wollte und meine Geldbörse ziemlich schattig aussah, wollte ich 20 Euro abheben. Das sind zweihundert Kuai. Der Friseurbesuch sollte nicht mehr als 80 Kuai kosten. Damit lag ich für hiesige Verhältnisse bereits weit über Durchschnitt (etwa 25 Kuai), es geht aber für die meisten Expats (=expatriots) auch erst bei 120 Kuai los. Ich wollte aber am Anfang nicht gelich übertreiben.



Am Wochenende ist die Stadt gerammelt voll. Es scheint so, als wollten 18 Mio. Shanghainesen zugleich die Stadt platt treten. Leider werden die Geldautomaten an einigen Ecken nur am Montag gefüllt, was dazu führt, dass sie in den belebten Straßen spätestens am Freitagnachmittag leer sind. Warum sie die Automaten am Freitag nicht füllen, weiß ich nicht, jedenfalls ist dann am Samstag wirklich der letzte Geldschein weg. Wie die ganzen Shanghainesen dann die Konjunktur durch Käufe ankurbeln sollen, wenn sie ihre Geld nicht abheben können, weiß ich auch nicht.. Kreditkarten gibt es hier zwar. Die Einheimischen misstrauen aber der Plastikwährung noch sehr.. Ich schweife ab. Nach ca. einer Stunde fand ich dann in einer Nische einen einsamen Geldautomaten, der Erbarmen mit einem langhaarigen Deutschen zeigte. Mit „prall“ gefüllten Taschen ging ich dann zum Friseurladen, auf den ich mich auf dem Hinweg festgelegt hatte.



Mein Chinesisch ist bei weitem nicht so gut, dass ich meinem Gegenüber deutlich machen kann, was ich eigentlich genau möchte. Dies war aber kein Problem: Ich war in einem echten Friseurladen und dort kann man nur eins wollen.. Das verstand sogar der manchmal etwas begriffsstutzige Chinese. Alle waren übrigen recht jung. So um die 20 Jahre alt, schätze ich mal. Das Prozedere selbst bedarf schließlich doch der näheren Beschreibung:



Nach kurzer Begrüßung und Klarstellung, dass ich eine „Wash – Cut – Dry – Go“-Behandlung von einem „Creative Art Hairdresser“ für 68 Kuai (6,80 Euro) und nicht von einem „Creative Art Director“ für 110 Kuai haben wollte wurde ich zunächst einmal auf den Friseurstuhl gesetzt. Nach kurzer Begutachtung meiner Haare bekam ich dann ein komplette Plastik-Cape der Marke L’oreal umgezogen – „Sehr professionell!“ dachte ich. Dann durfte ich mich wieder setzen. Meine Haare unterliefen dann einer ausführliche Begutachtung: Die Länge wurde mittels der Handflächen vermessen und die Spitzen fast einzeln begutachtet, was ich nicht ganz nachvollziehen konnte, denn die Haare sollten ja gründlich gekürzt werden. Nach etwa einer Viertelstunde durfte ich dann zum „Wash“-Gang.. Ich muss dazu sagen, dass es etwa halbzwei war und ich zu dieser Zeit der einzige im Laden war. Deshalb wurde mir auch die volle Aufmerksamkeit geschenkt. Der Washgang dauerte dann eine geschlagene Stunde! Darin enthalten waren vier (!) Kopfwäschen mit vier anschließenden etwa 10minütigen Massagen. Ich fand das ganze sehr angenehm, zumal sehr zarte Frauenhände ziemlich gut meine Kopfhaut gründlich massierten.. Man liegt übrigens auf einem Liegestuhl..



Nach der besagten Stunde musste ich dann allerdings geweckt werden. Noch etwas benommen, wandelte ich wieder auf den Friseurstuhl. Was dann folgte, war höhere Kunst des Haareschneidens, vermute ich. Geschlagene zwanzig Minuten wurden meine Haare, die ja eigentlich gekürzt werden sollten (ich muss es immer wieder sagen), von links nach rechts, nach hinten nach vorne wieder nach hinten mal hoch mal wider zur Seite und mal ganz eigenartig gekämmt. Ich wusste nicht so genau, wozu das dienen sollte, aber mit diesem Prozedere beschäftigten sich zwei Mitarbeiter. Mittlerweile kam dann auch schon die ersten Kunden in den kleinen Laden und ich regte die Hoffnung, dass es jetzt endlich schneller ging: Schließlich ist Zeit Geld! Die Hoffnung zerschlug sich rasch! Der „Creative Art Hairdresser“ schlug vor, mir etwa zwei Zentimeter meiner Haarpracht abzuschneiden. Ich erhöhte auf drei und war ansonsten einverstanden. Nun durfte es los gehen.....! Endlich! Nach anderthalb Stunden Behandlung sollte der erste Schnitt doch tatsächlich angesetzt werden.. Doch was war das? Die Haare waren ja gar nicht mehr richtig feucht! Eine gewisse Grundfeuchte sollten Haare schon haben, befand der Creative-Man und nahm sein 200 ml Fläschchen mit feinsten Erdbeer-Aroma versetzten Wasser und nebelte mich ein. Da saß ich nun.. Nach Erdbeeren duftend! Wie Alice im Wunderland!



Dann aber ging es wirklich los. Und mir wurde spätestens in diesem Moment schlagartig klar, warum ich mir doch gleich meinen Sonntagnachmittag komplett frei genommen hatte: Was folgte war ein Schnitt von „oben“! Eine eigenartige Technik, die sich dadurch auszeichnet, dass der Schneider, so kann man ihn jetzt wirklich nennen, die Scherenspitze in Richtung Kopf hält – also quasi senkrecht schneidet. Mir war und ist immer noch nicht so ganz klar, wie das funktionieren soll. Ehrlich gesagt, ich glaube, es funktioniert auch nicht. Denn die Besonderheit ist, dass bei dieser Technik max. die zwei letzten Millimeter eines Haares „getroffen“ werden. Wahrscheinlich ist das auch der wesentliche Unterschied zwischen einem einfachen „Creative Art Hairdresser“ und einem „Creative Art Director: Nur der Direktor hat die Befugnis Haarspitzen, die länger als zwei Millimeter sind, wirklich abzuschneiden. Alle anderen müssen sich langsam vorantasten! Vielleicht lag es auch einfach daran, dass alle Anwesenden nur sehr selten blonde Haare zu sehen bekommen und sich deshalb lange an meinem Anblick ergötzen wollten! Und ergötzen taten sich viele: Die Gemeinde der „ergötzten“ war mittlerweile auf etwa fünf angeschwollen: Der Hairdresser, der Asisstent des Haridressers, der die gesamte Zeit anbei stand, um mir mit einem Pinsel die Millimeterlangen Haare aus dem Gesicht zu fegen (eine Technik, die garantiert wach hält!), diejenige, welche mir die Haare gewaschen hatte (aha! – Azubi!), eine Kunden, die auf ihren „Wash“ Gang wartete und die Mutter der Kundin. Ich gebe zu, ich musste ein skurriles Bild abgegeben haben. Nach weiteren 60 Minuten war das Werk dann vollendet: Die Haare wurden gefönt, ich wurde befragt, ob alles zu meiner Zufriedenheit sei. Normalerweise guckt man jetzt in den Spiegel und erblickt eine neue Person darin. Ich sah einfach nur mich. Ein Vorher-Nachher Vergleich hätte nur für die genauen Beobachter unter uns ergeben, dass die Haare etwa acht Millimeter kürzer waren. Ich überlegte kurz, ob ich dem Schneider mal klar machen sollte, wie zwei Zentimeter aussehen, beließ es aber bei einem Lächeln, da ich keine weitere Stunde auf dem Stuhl riskieren wollte. Ich musste hier raus! Mittlerweile hatte sich auch der Tee, den ich drei Stunden vorher auf dem Friseurstuhl einnahm seinen Weg zur Blase gefunden und wollte auch nur raus..



Weit gefehlt!



Auch die Azubi musste zu ihrem Recht kommen! Das hieß dann für mich, weitere zwei Haarwäschen inkl. Massage und nochmalige zwanzig Minuten im Liegen. Frisch gestärkt bekam ich dann zum Schluss die französische nach Erdbeeren riechende (nach was sonst) Pomenade in mein Haar und wurde dann endlich nach einem Erdbeerfeld riechend entlassen!



Für 6,80 Euro wurde ich zwar königlich behandelt. Allerdings werde ich übernächste Woche glatt noch mal hingehen müssen. Meine Haare werden dann noch länger sein, als sie vor dem Friseurbesuch waren. Ich denke, ich werde beim ersten Schnitt selbst zur Schere greifen und dem Schneider mal zeigen, wie er die zwei Zentimeter schneller erreicht. Er kann dann immer noch rumschnippeln, wenn er möchte.

Bild Nr. 16598 - 415 mal gesehen