PecuniOlet

Egoistisches Mitleid?

"Die moralischen Gefühle lassen sich einer Untersuchung gleicher Art unterziehen. Betrachten wir beispielsweise das Mitleid. Es besteht zunächst darin, daß man sich in Gedanken an die Stelle der andern versetzt, ihr Leid erleidet. Wäre es aber nichts als dieses, wie behauptet worden ist, so würde es uns eher anweisen, die Unglücklichen zu meiden als ihnen beizustehen, denn das Leiden erregt in uns naturgemäß Widerwillen. Es ist möglich, daß dies Gefühl des Widerwillens dem Mitleid zugrunde liegt; doch es kommt alsbald ein neues Element hinzu, ein Bedürfnis, unsresgleichen zu helfen und ihr Leid zu lindern. Werden wir nun mit La Rochefoucauld sagen, diese angebliche Sympathie sei Berechnung,- »eine schlaue Voraussicht künftiger Ubel«? Es mag sein, daß die Furcht tatsächlich auch noch in das Mitgefühl eingeht, das uns beim Anblick des Leidens unsres Nächsten befällt doch sind das immer nur untergeordnete Formen des Miteids. Das wahre Mitleid besteht darin, daß man das Leid eher wünscht als fürchtet. Es ist ein flüchtiger Wunsch, dessen Verwirklichung man kaum begehren würde und den man doch wider Willen in sich aufkommen läßt, gleich als ob die Natur irgendeine große Ungerechtigkeit beginge und es gelte, jeden Verdacht des Einverständnisses mit ihr zu beseitigen. Das Wesen des Mitleids ist also ein Bedürfnis nach Demütigung, ein Aufschwung der Seele, sich herabzulassen. Dieser schmerzliche Aufschwung hat übrigens seinen Reiz, da es uns in unsrer eigenen Wertschätzung erhöht und bewirkt, daß wir uns über jene sinnlichen Güter erhaben fühlen, von denen sich unser Denken in diesem Augenblicke abwendet. Die anwachsende Intensität des Mitleids besteht somit in einem qualitativen Fortschritt, in einem Übergang vom Widerwillen zur Furcht, von dieser zur Sympathie und von der Sympathie selbst zur Demut".

Henri Bergson aus "Zeit und Freiheit"