Reisebericht

Ibiza: Für Gott und gegen die Piraten

Die wechselhafte Geschichte einer kleinen Kirche auf Ibiza. Das Gotteshaus in Sant Antoni hatte sogar Kanonen auf dem Dach.

Wind und andere Widrigkeiten haben dem uralten Bauwerk nichts anhaben können. Die mächtigten Mauern aus Naturstein wirken auch im 21. Jahrhundert noch unüberwindbar. Überall am Wehrturm und am Hauptgebäude sind Schießscharten erhalten. Wie viele Kugeln von dort aus wohl auf Piraten und andere Feinde der spanischen Krone abgefeuert wurden? All zu oft gab es Piratenschiffe und Schiffe anderer Feinde, die im Laufe der Jahrhunderte im Hafen von Sant Antoni anlegten, um zu rauben und auf Sklavenjagd zu gehen! Könnten die Steine der Wehrkirche von Sant Antoni sprechen, sie würden viele aufregende Geschichten von Abenteuern und Geheimnissen erzählen.

Bis März feiert die Wehrkirche Sant Antoni ihren 700. Geburtstag. Für das Rathaus ist dieser Jahrestag ein willkommener Moment, um endlich mit dem Klischee aufzuräumen, Sant Antoni habe nur Sonne, Strand und Partytrubel zu bieten. „Wir wollten das Jubiläumsjahr nutzen, um der Bevölkerung und den Besuchern der Gemeinde unser Kulturerbe näher zu bringen!“, sagt Kulturrat Miquel Costa voller Stolz. Das Programm der Jubiläumsfeier war ebenso umfangreich wie kulturell anspruchsvoll: Klassische Konzerte, Kunst- und Buchausstellungen, Theateraufführungen, Konferenzen und feierliche Festakte ließen dem historisch wertvollen Monument die Ehre zuteil werden, die ihm gebührt.

Die Festungskirche im Herzen von Sant Antoni hat diese Feste um ihren Jahrestag verdient, denn sie ist ein Paradebeispiel ibizenkischer Verteidigungs-Baukunst. Sogar ein Laie wird auf den ersten Blick erkennen, dass dieses Gotteshaus für die Menschen der Gemeinde in vergangenen Jahrhunderten nicht nur ein Ort des Gebets oder des sozialen Miteinanders gewesen sein muss – sondern ein Platz, der ihnen bei feindlichen Überfällen Schutz und Zuflucht bot.

Anfang des 14. Jahrhunderts hatte die Bevölkerung von Sant Antoni de Portmany beim Erzbischof Roderic von Tarragona die Genehmigung für den Bau einer Kapelle samt Friedhof beantragt. Und ein altes Pergament im Kirchen-Archiv belegt, dass dieser Wunsch am 17. März 1305 erfüllt wurde.

Doch der Kirchenfürst aus Tarragona stellte die Bedingung, dass größere christliche Feiertage weiterhin in der Kathedrale von Eivissa zelebriert wurden, und dass die neue Kirchengemeinde Abgaben an den Erzbischof zahlte.

Mit dem Bau einer einfachen Landkirche konnte offiziell begonnen werden. Doch im Lauf der folgenden Jahrhunderte – in denen Piraten und Räuber über Ibiza herfielen wie ein Heuschreckenschwarm – baute man sie zur bewaffneten Festungskirche aus.

Ein Olivenbaum vor dem Haupteingang der Kirche erinnert an einen der wesentlichen Grundgedanken menschlichen Zusammenlebens: Frieden. Und ein wenig mehr Frieden wäre den Menschen der Ortschaft durchaus zu wünschen. Denn in den letzten Jahren machten es sich vor allem eine Reihe junger ausländischen Sommerurlauber zur Gewohnheit, ihre guten Manieren am Ortseingang von Sant Antoni abzugeben. Ein Phänomen, unter dem nicht nur Sant Antoni zu leiden hat, sondern auch andere Urlaubsorte der Insel…

Bei dem Trouble um die jungen Partygäste – den einige TV-Sender und Magazine gern zum Anlass nehmen, Sant Antoni als Sündenpfuhl dazustellen – könnte man fast vergessen, dass die Ortschaft unzählige attraktive Facetten hat, und dass die Gemeinde keine Mühen und Kosten scheut, um das angeschlagene Image zu verbessern. So kann man jedem Inselresidenten und Urlauber nur wärmstens empfehlen, sich von Klischees zu befreien und das „andere“ Sant Antoni kennen zu lernen.

Unser Tipp: Beginnen Sie mit einem Besuch in der Festungskirche. Bis heute hat das monumentale Bauwerk einige außergewöhnliche architektonische Details bewahrt, die in anderen Wehrkirchen der Insel längst nicht mehr existieren.

Wenn Sie den Haupteingang durchschreiten, werden Sie an beiden Seiten der massiven Holztür tiefe Löcher im Mauerwerk entdecken, dort wurde ein robuster Stamm aus Sabina-Holz verankert, der die mächtige Tür für ungebetene Besucher zu einem unüberwindbaren Hindernis machte.

Oberhalb des Eingangsbereichs zeugt eine rechteckige Öffnung von einer weiteren Verteidigungstechnik, die ebenso simpel wie clever war: Sobald sich die Feinde an der Tür zu schaffen machten, konnte man vom Dach aus Steine oder heißes Öl auf sie herunterprasseln lassen. Vom Inneren der Kirche aus war das Gebäude genauso gut zu verteidigen, denn an den beiden Seitenwänden des Kirchenschiffs befinden sich Galerien, die als Verteidigungsgänge genutzt wurden und mit Schießscharten ausgestattet waren.

Während der Jubiläumsfeierlichkeiten dienten die steinernen Gewölbe als Kulisse für eine Ausstellung historischer Dokumente und Kirchenbücher, einen perfekteren Platz hätte man nicht wählen können, um den historischen Pergamenten den angemessenen Platz zu geben.

Die Festungskirche Sant Antoni gehört zu den wenigen Gotteshäusern der Insel, die während des Bürgerkriegs (1936-39) weitgehend von Plünderungen und Brandschatzung verschont blieb. Nur diesem Umstand ist es zu verdanken, dass ein Großteil des Kirchenarchivs und der historischen Kirchenschätze überlebt hat. „Der damalige Bürgermeister sorgte dafür, dass der Altar und andere Heiligenbilder- und Statuen gerettet wurden, er ließ sie abmontieren und in Sicherheit bringen“, erzählt Pfarrer Vicente Ferrer Colomar, der die Kirchengemeinde seit 15 Jahren betreut.

Dass es im Kirchenschiff kein Feuer gegeben hat, bezeugen die gut erhaltenen Wandfliesen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Der Originalaltar, der auf Ende des 18. Jahrhunderts datiert wird, wurde vor vierzig Jahren restauriert, konnte aber bisher nicht in einem Stück wieder aufgebaut werden, da einige Einzelteile während der Bürgerkriegsunruhen verloren gingen.

Kulturrat Miquel Costa ist dennoch zuversichtlich, dass die Experten das herrliche Schnitzwerk bis 2007 wieder komplettieren können.Unter den zahlreichen Heiligenbildnissen der Kirche verdient das Bildnis des Heiligen Franziskus, das ursprünglich im Jesuitenkloster in Dalt Vila zu Hause war, die Note historisch wertvoll.

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