Reisebericht Weltreisender

Tall is small – Erlebnisse in Amerika

Drei Stunden wartet mein Vorgänger schon, um ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten hereingelassen zu werden. Vor ihm eine endlose Schlange, die an einem kleinen Kabuff endet. Zwei amerikanischen Fähnchen zieren unübersehbar diesen Außenposten des US – Innenministeriums. Jeder Reisende ist potentiell auch Terrorist. Deshalb sind die Grenzsheriffs bewaffnet und arbeiten langsam.

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Zwei Fingerabdrücke (linker und rechter Zeigefinger), ein Foto, Visa, Papiere checken und ein kleines Interview: was will der Reisende in den USA? Wie lange, wohin, warum?

Und während man noch unbekümmert mit dem Grenzorgan plaudert, greift dieser wie selbstverständlich zur Hand, sucht sich zielgerichtet den Zeigerfinger und presst ihn auf einen High Tech Infrarot Sensor – dort wo schon Millionen aus aller Welt vorher ebenfalls ihr dreckiges Greiferchen draufgeschmiert haben. In Zeiten von SARS und Seuchen einfach optimal. Der US - Eindringling erhält auf diese Weise gleich noch einen genetischen Fingerabdruck des Mikrokosmos aller seiner Vorgänger.

Wenn man sich beim Grenzverhör nicht verplappert hat und ansonsten keine verdächtigen Handlungen beging (Telefonieren streng verboten! Fotografieren verboten! Nichts essbares einführen oder in der Hand halten und Rauchen natürlich auch verboten!) nähert sich der Höhepunkt der Einreiseprozedur: das Foto fürs CIA - Album. Dabei stellen sich viele Einreisewillige derart dumm an, dass der Vorgang endlos wiederholt werden muss. Keine Brillen, keine Kopfbedeckungen. Augenbinden müssen abgenommen werden. .Augen müssen geöffnet sein! Manche lachen, einige schauen betroffen bis ernst. Andere blicken schon ganz verdächtig ins Objektiv. Da würde es mich nun gar nicht wundern, wenn sie später auf einer Fahndungsliste auftauchten.

Eines ist gewiss unbegrenzt in den USA: Das Warten bei der Einreise. Manch einer hat auch schon einen halben Tag hier verbracht, andere sind schon ohnmächtig kollabiert, verrät mir eine freundliche Assistentin, die mich an den Ausharrenden vorbeischleust. Glück gehabt. Bei mir hat’s nur eine Stunde gedauert...

Mit einem klapprigen Taxi geht’s in Richtung South Beach, Miami. Mittelklassehotel, Collins Avenue, Art Deco Architektur. Außen sehen diese pinselsanierten Relikte der 20iger ganz putzig aus. Grau und öde dagegen Flur und Kammer. Im Zimmer rattert die Air Condition und kühlt den Pferch auf klirrende –20 Grad. Die Tür knallt derart laut ins Schloss, dass mindestens die halbe Etage aus dem Bett fällt.

Ich stürze zum Fenster, schlage den Vorhang zur Seite. Bei dieser Gelegenheit fällt mir der gesamte Stofffetzen samt Aufhängung auf den Kopf. Rausgerissen aus der Wand. Gott sei Dank überstand ich diese Lüftungsaktion unverletzt. Putzbrocken aus der Wand verursachten jedoch kleine Einschlagkrater im Fußboden. Für den Bruchteil einer Sekunde schießt mir durch den Kopf, welche Schadenersatzforderungen nun auf mich zu kommen. Tausende Dollar? Oder Millionen? Vielleicht eine Falle, um beim arglos Reisenden abzukassieren?

Hier wurde wohl seit Menschengedenken kein Fenster geöffnet! Nur unter Anwendung roher Gewallt und mit ohrenbetäubendem Quietschen gelingt es, das Fenster nach oben zu schieben und etwas Luft in die Miefzelle zu lassen.

Überraschung auch im Sanitärbereich. Der Abort ist so nah an die Wand gebaut, dass man kaum das Bein zwischen Beton und Brille kriegt. Wie soll hier ein Übergewichtiger mit prallen Wurstbeinen abführen?

Über dem Waschbecken springt dem Hygienebedürftigen ein sperriges Regal entgegen, welches den Blick auf die Wasserhähne versperrt. Dreht man aber blind den falschen Hahn auf, verbrüht siedend heißes Wasser die Hände..

Auch die Nasszelle ist nicht ohne Überraschungen. Hier tropft es aus allen Löchern, auch von der Wand. Nur aus der Brause kommt kein Wasser.

Immerhin lasse ich in diesem Übergangsheim für Reisende 150 Dollar pro Nacht. Doch die Qualitätserwartungen sollten in den USA nicht zu hoch gesteckt sein. Ob im Hotel, im Restaurant oder in den Geschäften: alles provisorisch, schmuddelig, 3. Welt – Niveau. Perfektion sucht man in den USA vergebens. Hier geht es einzig um den schnellen Dollar.

Zeit für einen Kaffee. Ich suche eine Gaststätte, die ausnahmsweise mal nicht uralte, stundenlang warmgehaltene braune Plörre in Styroporbechern verklappt.. Ich verlange einen kleinen Americano.

„1 tall cofffee“ – weist die Kassiererin den Brühsklaven an. Erschrocken korrigiere ich: „1 SMALL coffee!“ – worauf die Geldeintreiberin auf eine Neuerung der Steigerungsform im US – Englisch hinweist: „Tall is small!“ belehrt mich der Kassenwart. „Groß“ ist also
„klein“ in dieser Kaffeebude. Und was ist dann Large und XXL – Größen, die hier auch noch käuflich erworben können? Vielleicht ist es ja gleich der ganze eklige Pott, der da auf einer versifften Warmhalteplatte auf Koffeinsüchtige wartet? Ich jedenfalls empfange einen halben Liter Kaffee, der gegen zwei Dollar Scheine den Besitzer wechselt.

„Klein“ oder „einfach“ – Begriffe die in den USA schon längst ausgemerzt sind. Im Land von Foot, Inch und Fahrenheit geht es einzig darum, die Konsumzecke reinzulegen und so viel Geld wie möglich abzugreifen. So fängt der Inbegriff der amerikanischen Trinkkultur, der Styroporbecher, meist in der Größe L an. In den Geschäften heißt es „2 for 1“ oder „buy one, get one free“ oder „3 for 2“. – da muss man schon in Mathe ne eins haben, um das alles durchzurechnen. Auf dem Taxi steht fein säuberlich: Die erste Elftel (!) Meile 1,70 $, jede weitere Elftel Meile 20Cents. Super. Und was kostet eine ganze Meile? Oder gar ein Kilometer?

Alles ist groß in Amerika. Selbst die kleinste Portion Pommes Frites könnte schon eine ganze Familie nähren. Wer im Restaurant ein Steak bestellt, dem wird gleich ein halbes Rind auf den Tisch geknallt. Dazu eine entsprechende Portion verkokelter Kartoffeln. Alles zusammen schwimmt in einer dicken dunklen Soße. Riesenpötte Cola, kostenlos nachfüllbar, runden das Gedeck ab. Alles serviert von inkompetenten Kellnern, die extrem bösartig werden können, wenn man erst mal bezahlt hat und womöglich noch ein bisschen verweilen möchte.

Ganz Amerika, eine einzige Dollar - Absauganlage. Am Ende hat man immer mehr gekauft, gefressen, getrunken als man am Anfang wirklich wollte – und unterm Strich natürlich auch mehr Geld ausgegeben...

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