Reisebericht

TOKELAU - vergessenes Paradies der Südsee

Keine Autos, keine Gefängnisse, kein Fernsehen, keine Touristen – die Liste dessen, was es in dem winzigen Südseestaat Tokelau nicht gibt, ist lang und klingt paradiesisch.

Neuseelands letzte Kolonie - ein sinkendes Südsee-Paradies

Tokelau, die letzte Kolonie Neuseeland, ist von der Geschichte vergessen worden, aber wird in den nächsten 50 bis 100 Jahren von unserer Gegenwart eingeholt. Da die höchste Erhebung auf den drei Atollen Atafu, Nukunonu und Fakaofo keine fünf Meter beträgt, droht den kleinen Inseln im Pazifik der Untergang.


Allein dort hin zu kommen, ist mühsam: Tokelau ist schwerer und seltener erreichbar als die Antarktis. Nur alle drei bis vier Wochen fährt das Versorgungsschiff von Samoa aus, das fast drei Tage braucht. Eine Flugverbindung gibt es nicht. Die Ankunft und Abfahrt des Schiffes bestimmen den Lebensrhythmus und vor allem die Lebensmittelversorgung auf Tokelau. Auf dem kargen Korallenboden wächst nichts außer Kokosnüssen, Brotfrucht, ein paar Bananen und Papayas. Die wichtigste Nahrungsquelle ist die fischreiche Lagune und das Meer hinterm Riff.

Allem, was auf den Inseln nicht oder selten funktioniert, wird mit Gelassenheit und Fatalismus begegnet. Die Isolation und auch die Vernachlässigung seitens Neuseelands sind für das kleine Land trotz aller logistischen Probleme bisher ein Segen gewesen: Da die Kolonialmacht sich von den Atollen fernhielt, dort keine Bodenschätze zu holen waren und nicht mal ein Verwalter eingesetzt wurde, konnte sich die polynesische Kultur dort weitgehend erhalten. Bis heute werden in Tokelau Gesänge und Tänze gepflegt, werden Kanus geschnitzt, Sitzmatten geflochten und der Fischfang nach einem urkommunistischem System, Inati genannt, unter den Familien gerecht aufgeteilt. Geld spielt eine untergeordnete Rolle – arm und reich gibt es nicht, durch die staatlichen Gelder aus Neuseeland ist jeder ausreichend versorgt. Schulbildung und medizinische Versorgung sind weit besser als in den meisten Südpazifik-Staaten.

Satellitentelefone gibt es erst seit ein paar Jahren, Fernsehen und Zeitungen nach wie vor nicht, seit einem Jahr sendet immerhin eine eigene Radiostation. Südseereisende verirren sich so selten nach Tokelau, dass es nur auf einer der drei Inseln eine bescheidene Pension gibt. Die Gastfreundschaft und Großzügigkeit gegenüber jedem Besucher ist beeindruckend. Nach wie vor bestimmen die Bibel, die strengen Dorfgesetze und der Ältestenrat das tägliche Leben. Alles wird gemeinschaftlich erledigt, bis hin zum Klogang auf den Latrinen, die über die türkise Lagune ragen. Was für die alten Leute ein Paradies ist, wird den jungen meist zu eng – sie haben kein Sprachrohr in der Gemeinschaft und leiden oft unter den strengen disziplinarischen Maßnahmen. Immer häufiger gibt es Selbstmorde von Teenagern.

Die UN verhandelt seit langem mit dem pazifischen Zwergstaat, um ihn endlich von der Liste der noch existenten Kolonien zu streichen, aber die Tokelauer sind nur begrenzt interessiert an Unabhängigkeit: Ohne die finanzielle Hilfe Neuseelands könnten sie nicht existieren. Die thunfischreichen Gewässer um die Inseln lassen sich nicht für größere Märkte nutzen, solange die entsprechende Infrastruktur (Kühlhäuser, Transportmöglichkeiten usw.) fehlt.

Alle Gedanken und Gespräche in Tokelau drehen sich um seine 1.500 Einwohner und die rund 10.000 nach Australien und Neuseeland ausgewanderten Verwandten. Die langfristige Bedrohung durch die Klimakatastrophe – Tokelau gehört neben Tuvalu, Kiribati und den Marshall-Inseln zu den Ländern, die als erste von der Erhöhung des Meeresspiegels bedroht sind – wird vor Ort komplett ausgeblendet: Von einer weiteren Flut steht schließlich nichts in der Bibel.

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