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Das Geheimnis von Bewusstsein und Sprache - Teil 1

Seit Hunderten von Jahren nun wird die Welt vermessen, quantifiziert, durch Naturwissenschaft benannt, „gebannt“ und nutzbar gemacht. Was der Mensch kennt und benennt, beherrscht er auch. Es verliert sein Geheimnis und seine Unberechenbarkeit. Zumindest glaubt er das. Was der Mensch kennt, integriert er in sein Bewusstsein und nimmt ihm somit den ursprünglichen Schrecken. Götter werden zu Kräften. Und die lassen sich berechnen. Naturwissenschaft ist die Fortsetzung der Religion mit anderen Mitteln. Denn die Götter bleiben - sie verbergen sich lediglich in Begriffen statt in Namen. Das Schicksal lässt sich nicht berechnen und auch Kräfte und Energie bleiben letzten Endes ein Rätsel. Was sind sie, woher kommen sie, weshalb ist überhaupt etwas?

All diese Fragen, alle Erkenntnis, ja die ganze Welt spiegeln sich ausschließlich in unserem Bewusstsein. Ist die Welt denkbar, wenn niemand sie wahrnimmt? Die Antwort steckt bereits in der Frage. Ist die Welt ohne ein sie betrachtendes Subjekt da? Diese Frage ist mit dem Verstand nicht zu beantworten. Denn wenn jemand sagt, er könne sich die Welt auch ohne ein Subjekt vorstellen, stellt er sie sich bereits wieder vor. Das wäre eine Art Petitio Principii, ein in der Logik unzulässiger Zirkelschluss.

Nun ist aber gerade die wissenschaftliche Forschung auch Teil dieser vom Bewusstsein wahrgenommenen Welt; und eines ihrer interdisziplinärsten Gebiete ist die Bewusstseinsforschung. Alle Forschung jedoch spielt sich wiederum im Bewusstsein ab. Kann Bewusstsein daher Forschungsgegenstand seiner selbst sein? 

Selbstverständlich kann es das. Ob etwas Brauchbares dabei herauskommt, ist eine ganz andere Frage. Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist Naturwissenschaft die reine Quantifizierung der Welt. Eine Qualifizierung ist ihr letzten Endes nicht möglich. Man kann beispielsweise die Gesetze der Schwerkraft durch Formeln „bannen“, ist daher in der Lage, Vorhersagen bezüglich ihrer Wirkung zu treffen und sie zu quantifizieren. Aber weiß man deshalb, was Gravitation ist? Es ist ein Name für eine Kraft. Welcher Qualität und Herkunft ist sie? Möglicherweise könnte man sie wieder aus einer anderen Kraft herleiten. Dann steht man aber wieder vor demselben Problem, mit lediglich anderem Namen. Eine sogenannte „Weltformel“, die den Kosmos aus einer Kraft zu erklären trachtet, welchen Wertes soll die denn sein, liebe Mathematiker und Physiker? Wir kämen dabei lediglich von einem „polytheistischen“ physikalischen Weltbild zu einem „monotheistischen“. Es bliebe dann die eine Kraft übrig. Wie nennt ihr die dann? Gott? Denn die Qualität dieser Kraft werdet ihr mittels Formeln niemals erforschen, so sehr ich Euch wegen Eurer mathematischen Begabung und Kenntnis auch respektiere und achte!

Nun aber wieder zurück zum Bewusstsein. Denn nur es beinhaltet letztlich den Schlüssel zur „Weltformel“. Der Begriff „Bewusstsein“ ist eine Wortschöpfung des deutschen Philosophen, Mathematikers und eines der letzten Universalgelehrten Christian Wolff (1679–1754), von dem im Übrigen auch Begriffe wie „Bedeutung“ und „Aufnerksamkeit“ stammen. Während in unserem Kulturkreis, außer evtl. dem Begriff „Wahrnehmung“, nur dieses eine Wort existiert (engl. „awareness“, „consciousness“), entstanden im Sanskrit, der alten, indischen Gelehrtensprache (vergleichbar unserem Latein oder Altgriechisch), mehr als acht Begriffe für jeweils unterschiedliche Bewusstseinszustände.

Die genaue Abgrenzung, bzw. De-finition des Begriffes ist indes nicht ganz einfach, da er sich in unseren Vorstellungen häufig mit den Kategorien von „Geist“, „Verstand“, „Denken“ etc., bisweilen auch „Seele“ vermischt. Die originärste und eigentliche Bedeutung liegt jedoch vor allem Denken und Verstand. Denn letzten Endes ist das reine Bewusstsein der „Erleber“, das eigentliche, wache Subjekt (nicht mit dem „Ich“ zu verwechseln), in welchem Denken und Sprache, Verstand und Gefühl, Sinne und Eindrücke erst ihr Medium haben, in dem sie wirken, und zu sich selbst kommen. Denken und Sprache „treten“ ins Bewusstsein. Sie sind es nicht eigentlich. 

Auch nach dem im Jahre 1979 durchgeführten „Libet Experiment“ des US-amerikanischen Physiologen Benjamin Libet treten Willensentscheidungen (zu denen auch Formen des Denkens gehören) erst mit zeitlicher Verzögerung ins Bewusstsein. Dies bedeutet im Grunde nichts anderes, als dass das Bewusstsein lediglich als eine Art Beobachter fungiert und dann die Entscheidungen bewertend „absegnet“ oder verwirft. Stimmt die Entscheidung mit dem zu konsultierenden Verstand überein, haben wir ein „gutes Gefühl“, ist dies nicht der Fall, sagen wir entweder : „Ich habe mich zwar (rational) so entschieden, habe aber kein gutes Gefühl dabei“ -oder – „ich habe mich zwar (mit dem „Bauch“ )so entschieden, aber es war eigentlich gegen jede Vernunft.“ Das Bewusstsein „bewertet“ demnach lediglich die bereits (unbewusst) getroffenen Entscheidungen und fungiert in diesem Fall als eine Art „Gewissen“. Vielleicht sind hier die alten Sprachen, deren Termini häufig eine ursprüngliche und „weisere“ Semantik aufweisen, der Wahrheit näher als unsere oftmals lediglich konstruierten Begriffe. Bewusstsein heißt im Lateinischen „con-scientia“ („Mitwissen-auch Gewissen)), im Altgriechischen „syn-eidesis“ (ebenfalls „Mitwissen“, „Miterscheinung“ etc.), was darauf hindeuten könnte, dass „die Alten“ ein ursprünglicheres und intuitives Wissen über die tatsächlichen, den Begriffen zu Grunde liegenden Phänomene besaßen.

Die Neuro- und Kognitionswissenschaften „messen“ Bewusstsein und dessen Grade anhand unterschiedlicher Aktivitäten verschiedener Hirnareale und qualifizieren es als reine Funktion dieses Organs. Manche Religionen (auch sehr „rationale“, wie der Buddhismus) konstatieren jedoch Bewusstsein auch unabhängig von physiologischen Prozessen. Beweisen lässt sich selbstverständlich weder das eine noch das andere.

Es lässt sich jedoch eine Frage stellen, die ein sogenanntes „Qualiaproblem“ aufwirft: Wie können biochemische und „elektrische“ Prozesse, wie können "Eiweißmoleküle", eigentliches und subjektives „Er-leben“ produzieren. Diese Frage ist ein wenig jener weiter oben gestellter, nach dem eigentlichen „Sein“ bzw. Wesen der Gravitation verwandt.

„Welche denkbare Verbindung besteht zwischen bestimmten Bewegungen bestimmter Atome in meinem Gehirn einerseits, andererseits den für mich ursprünglichen, nicht weiter definierbaren, nicht wegzuleugnenden Tatsachen ‚Ich fühle Schmerz, fühle Lust; ich schmecke Süßes, rieche Rosenduft, höre Orgelton, sehe Rot …‘“

– Emil du Bois-Reymond (Physiologe): Über die Grenzen des Naturerkennens.

Dieses Problem kann nicht jeder erkennen. Manche Menschen, vor allem „Wissenschaftsgläubige“, verstehen es schlichtweg nicht oder weigern sich, es zu verstehen, weil es zeigt, dass Welt und Bewusstsein letzten Endes eben nicht durch Naturwissenschaft erklärbar sind. Die Betonung liegt auf letzten Endes.

Der Mensch könnte auch ohne Bewusstsein, als sogenannter „philosophischer Zombie“, leben und überleben. Kein Außenstehender würde es ihm anmerken. In diese Richtung weist sogenannte „künstliche Intelligenz“. Denn kein Roboter oder Computer wird jemals ein Bewusstsein seiner selbst empfinden, keine aus dem Unbewussten auftauchenden Sehnsüchte verspüren, keine Liebe und keinen Schmerz empfinden, sich keine Sorgen machen oder Gänsehaut beim Hören einer Bach-Sonate bekommen, keine Hochgefühle und unendliche Trauer erleben, sich in keine Meditation versenken, und zu keinem Gott beten.

Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, auch wenn viele sogenannter Wissenschaftler anderer Meinung sind. Diese gehören zu jenen, die das „Qualiaproblem“ nicht verstanden haben. Und an dem scheiden sich Materialismus und Spiritualität, Haben und Sein, Himmel und Hölle.