Mysterium Tremendum - Zog der Islam aus, uns das Fürchten zu lehren?

"Als Asrael, der Engel des Todes, einst bei Salomo vorüberging, richtete er seine Blicke auf einen seiner Gesellschafter. "Wer ist dieser?", fragte der Mann. "Der Engel des Todes", antwortetete Salomo. "Er scheint es auf mich abzusehen", fuhr jener fort. "Befiehl doch dem Winde, dass er mich davon trage und in Indien niedersetze". Salomo tat dieses.

Da sprach der Engel:"Dass ich ihn so lange ansah, geschah aus Verwunderung über ihn, da mir doch befohlen worden war, seine Seele aus Indien zu holen, während er doch bei Dir in Kanaan war."

Das ist Prädestination, die den freien Willen geradezu als ihre Folie voraussetzt. (Anmerkung: Siehe "Homo Faber").

Keine Religion ist so prädestinatianisch geneigt wie der Islam. Das Eigentümliche am Islam ist aber, dass hier die rationale, speziell die ethische Seite der Gottesidee von Anfang an nicht die feste und eindeutige Ausprägung gewinnen konnte wie zum Beispiel im Judentum oder Christentum. Das Numinose in Allah wiegt schlechterdings über.

Man wirft dem Islam vor, dass in ihm die sittliche Forderung den Charakter des "Zufälligen" trage und Geltung nur habe durch den "Zufallswillen" der Gottheit. Der Vorwurf meint Richtiges, nur hat die Sache mit Zufall nichts zu tun. Sie erklärt sich vielmehr daraus, dass das Numinos-Irrationale in Allah, dem Rationalen in ihm noch zu sehr überwiegt., dass es durch das Rationale, in diesem Falle durch das Sittliche, noch nicht wie im Christentum hinreichend schematisiert und temperiert ist. Und eben daher erklärt sich auch, was man den "fanatischen" Zug dieser Religion zu nennen pflegt. Stark erregtes, "eiferndes" Gefühl des Numen ohne die Temperatur durch die rationalen Momente.

Aus Rudolf Otto (Religionswissenschaftler und evangelischer Theologe) "Das Heilige", 1917

Es bleibt die Frage, ob unsere allzu rationalisierte und "versittlichte" Gottesidee (die letztlich in Ideologien mündete) uns nicht einseitig vereinnahmte und ebenso zum Missbrauch verleitete.

Der eifernde, zornige, Furcht und Zittern hervorrufende und aus dem Feuer sprechende, lebendige Gott des Alten Testaments wird von der Zivilisation ebenso abgewiesen, gewissermaßen "zensiert", wie die "böse Hexe" in politisch korrekten Märchen nicht mehr in den Ofen geworfen wird, und die hinterlistige und gemeine Stiefmutter sich nicht mehr zu Tode tanzt. Es wird alles "ausdiskutiert" und am Ende bin ich okay, und Du bist okay.

Das ist aber ebenso lebensfremd wie die in der fortgeschrittenen Zivilisation übliche Ausgrenzung und Verdrängung des Todes und der Alten. Und es gefährlich. Weil es dem Leben Tiefe und Bedeutung nimmt. Was den Machtverhältnissen und Bestrebungen der Zivilisation entgegen kommt.

Das Grausame schleicht sich dann aber durch die Hintertür ein. Und seine kreative, belebende wie zerstörende Wirkung weicht einer ausschließlich destruktiven.