Reisebericht

Ägypten - Nil Kreuzfahrt

Eine Nil-Kreuzfahrt von Luxor mit Karnak-Tempel und Luxor-Tempel über Esna, Edfu und den Horus-Tempel, Kom Ombo mit dem Tempel des Sobek, Assuan, dem Isis-Tempel von Philae und Abu Simbel, einem Sinai-Urlaub in Sharm el-Sheik an der Na'ama Bay mit Mosesberg und Katharinenkloster

Luxor

Gegen 9.30 Uhr waren wir aus München abgeflogen, gen 14.00 Uhr MEZ, 15 Uhr Ortszeit, landen wir in Luxor. Die Landschaft wechselt abrupt: Von nackten kahlen Bergen geht es fast ohne Übergang über grüne Felder mit winzigen Dörfern in ihrer Mitte, bis wir schließlich zur Landung ansetzen.

Das Flughafengebäude des International Airport von Luxor ist einem Zelt nachempfunden – und tatsächlich hat es auch etwas von einem Provisorium an sich. Irgendwie scheinen die meisten Maschinen fast gleichzeitig anzukommen, aber es gibt nur zwei Gepäcklaufbänder, an denen dann auch das entsprechende Gedränge herrscht.

Die letzte Station der Einreise: Ein Grenzbeamter will mein Visum gegenzeichnen, wo doch vor mir die anderen Ankömmlinge ohne seine persönliche Unterschrift auskommen mussten. Aber natürlich hat er keinen Kugelschreiber, benötigt also meinen – und möchte den nun gerne behalten. Das kann er aber nicht, was er nun ziemlich schade findet.

Luxor erscheint bei der Anfahrt vom Flughafen zunächst als eine dörfliche Oase, wobei schwer auszumachen ist, ob es sich bei den lehmummauerten Bauten um Stallungen oder um die Unterkünfte der hier lebenden Menschen handelt. Allmählich wird die Bebauung dichter, haben wir die Stadt Luxor erreicht.

Die Anlegestelle der Kreuzfahrtschiffe liegt gleich gegenüber dem Museum von Luxor, und endlich können wir an Bord der MS Pascha einchecken.

Laut Prospekt haben wir eine Suite mit 28 Quadratmetern und eigener Terrasse: In der Praxis ist die eigene Terrasse das Deck vor unserer Kajüte, und bei den 28 Quadratmetern muss dieser Teil des Decks wohl mit gerechnet worden sein. Aber immerhin gibt es ein wirklich großzügiges Sonnendeck mit Swimmingpool, und das Essen an Bord lässt zumindest beim ersten Abendessen nichts zu wünschen übrig. Glück auch: Vier Boote haben nebeneinander angelegt, unsere Pascha am äußeren Rand. So müssen wir zwar, um an Bord zu kommen, alle anderen Schiffe durchqueren, haben aber von unserer „Terrasse“ einen ungetrübten Blick auf den Nil und die Hügelketten von Theben-West, dem Tal der Könige.

Nach dem Abendessen unternehmen wir noch einen kurzen Landgang: An der breiten, hell beleuchteten Strandpromenade stehen – außer Polizeistation, Rathaus oder Gericht – nur noch die größeren Hotels, die von der Uferpromenade abführenden Straßen sind vor allem Marktgassen mit den üblichen Souvenirshops. Doch es gibt hier mehr Markthändler als Touristen.

Freitag, 19. März 2004: Luxor mit Karnak- und Luxortempel, Esna

Eine der neuen Attraktionen von Luxor: Ballonfahrten über dem Tal der Könige. Morgens gegen 6 Uhr schweben nun etliche dieser Ballons schon aufgeblasen in geringer Höhe über ihren Ankerplätzen, noch auf ihre Gäste des Tages wartend.

Unser frühes Ziel ist der Karnak-Tempel, im Norden von Luxor gelegen, der Tempel des Gottes Amun, 260.000 Quadratmeter Tempel, der vermutlich größte Tempel der Welt, die ewige Baustelle des ägyptischen Neuen Reiches und Arbeitsplatz von geschätzt 82.000 Priestern. Es hieße, so sagt unser Reiseführer Hischam, man würde sechs Monate benötigen, um Karnak in all seinen Einzelheiten kennen zu lernen. Wer diese Zeit nicht hat, solle sich wenigstens eine Woche nehmen. Wir haben gerade zwei Stunden, nicht viel mehr Zeit, um sich zumindest von der einmaligen Monumentalität der Anlage beeindrucken zu lassen.

In meiner Erinnerung an meinen ersten Besuch des Tempels 1986 lag Karnak noch außerhalb von Luxor, bestand der Ort Karnak aus einigen kleinen Lehmhäusern. Nun ist Luxor bis an den Karnak-Tempel herangewachsen, machen sich neben dem Busparkplatz die Andenkengeschäfte, kleine Fotoläden und ähnliches breit. Doch das Dorf ist immer noch erkennbar: Über den Busparkplatz marschieren die Ziegen.

Über die „Widder-Allee“ geht es nun durch das mächtige Eingangs-Portal, den ersten Pylon, in das Innere der Anlage. Gemessen an der Wucht der Pyramiden von Gizah mögen diese Pylone „klein“ erscheinen, aber zum einen gibt es hier weit und breit keine Pyramiden, zum anderen ragen diese Pylone, bedeckt mit Reliefs, direkt steil nach oben, so dass sie den Pyramiden kaum nachstehen. Und an diesen Eingans-Pylonen von Karnak sieht man, dass sie nach der gleichen Technik wie die Pyramiden gebaut wurden. Eine Rampe, die immer höher gezogen wurde, führte an die Baustelle heran; hatte der Pylon seine vorgesehene Höhe erreicht, begann man von oben mit den Reliefarbeiten, wurde die Rampe wieder Meter für Meter abgetragen. Weil die Eingangs-Pylone von Karnak nie fertig gestellt wurden, stehen hier auch noch die Reste dieser Rampe.

Angesichts der Pylone wie auch der Säulen, zwischen 13 und 23 Meter hoch, den „Papyrussäule“ mit ihrem Umfang von bis zu zehn Metern, jede einzelne von ihnen mit Darstellungen aus der Welt der Götter und des Pharao, wirkt hier selbst der mächtigste Obelisk geradezu filigran. Durch die Säulenhallen, denen nun das Dach und wohl auch die Außenmauer fehlt, so dass man links und rechts in die Landschaft sehen kann, laufen wir zum viereckig angelegten heiligen See, an dem die Zuschauertribünen für die abendlichen Ton-Licht-Shows aufgebaut wurden. An diesem See steht die große Skulptur eines Skarabäus, dem die Ägypter die Rolle eines Fruchtbarkeitsgottes zuwiesen. Eine Frau, die drei mal um die Skulptur herum gehe, würde, so berichtet Hischam von dem alten Glauben, mit Sicherheit schwanger.

Bei einem Kaffee unterhalten wir uns etwas intensiver mit unserem Reiseleiter. Hischam lebt eigentlich in Kairo, hat Germanistik studiert, war auch schon in Deutschland zu Besuch, kennt Europa sicherlich besser als 99 Prozent seiner Landsleute. Für islamistische Terroristen hat er erklärtermaßen nicht die geringste Sympathie, hält sie für Feinde des Islam. Aber das Attentat von Madrid, das war seiner Meinung nach – oder nach Darstellung der ägyptischen Medien? – eben kein Attentat der El Kaida, die in Wahrheit schwach und fast am Ende sei, sondern das Werk der ETA, so, wie hinter dem Attentat von Luxor eben auch nicht die Moslembrüderschaft stecke, sondern der amerikanische Geheimdienst, der auf diese Weise Ägypten schwächen wollte. Schließlich sei Ägypten das einzige Land der arabischen Welt, das zwar Frieden mit Israel geschlossen hat, aber stark genug wäre, Israel zu widerstehen. Ägyptische Sichtweisen scheinen sich fundamental von europäischen Sichtweisen zu unterscheiden.

Am Luxor-Tempel, dem „Frauenhaus“ des Tempels von Karnak, gewidmet Amuns Frau Mut, erteilt uns Hischam eine Lektion in Sachen Massenmedien des Altertums. Der Pylon des Luxor-Tempels mit seinen Darstellungen der Hethiter-Kriege von Ramses II, den Darstellungen des siegreichen Feldherren, war eben ein solches Massenmedium des Altertums. Und weil es schon damals mitten in der Stadt stand, vermittelte es den Bewohnern des antiken Theben jeden Tag die Allmacht ihres Pharao, sollte aber eben so in der Stadt weilende Ausländer davon abhalten, in ihren Heimatländern Ägypten als leichte Beute darzustellen.

Eine wohl einmalige Besonderheit des Luxortempels, kleiner, aber nach dem gleichen System wie der drei Kilometer entfernte Karnak-Tempel angelegt, ist die Moschee, die in seinem Inneren auf den Ruinen des alten Tempels angelegt wurde. Deren Minarett, obwohl selbst nicht besonders hoch, überragt nun Säulen und Statuen.

Im hintersten Schrein des Luxor-Tempels schließlich hat sich Alexander der Große nach seiner Eroberung des Landes am Nil verewigt, weisen ihn seine Kartuschen als den neuen Pharao aus.

Nach dem Besuch des Luxor-Tempels geht es mit dem Bus nun noch einmal Richtung Karnak, wo wir ein Papyrus-Museum, besser gesagt, ein größeres Papyrusgeschäft besuchen. Auf dem Weg dahin passieren wir einige Ausgrabungsfelder er einstigen Widder-Allee, der mit Widderstatuen geschmückten Verbindungsstraße zwischen Karnak und Luxor-Tempel, Ausgrabungsfelder, auf denen nun Kinder Fußball spielen oder die Ziegen weiden. In Karnak selbst sieht man dann auch wieder, wie verschiedene „Dorfplätze“ statt eines Denkmales aus jüngerer Zeit durch eine antike Mauer oder eine Säule geschmückt sind.

Im Papyrusmuseum erfahren wir zunächst, wie das Papyrus aus der gleichnamigen Pflanze mit dem grünen, dreieckigen Stängel gewonnen wird. Zunächst einmal wird die Haut von dem Stängel abgeschnitten. Die ist ein äußerst festes Material, das von den alten Ägyptern beispielsweise zu Sandalen verarbeitet wurde. Das weiße „Fleisch“ nun wird beispielsweise mit einem Nudelholz gepresst und entwässert, danach allerdings für mindestens sechs Tage wieder gewässert. Das setzt die Klebstoffe frei, die man benötigt, um die schmalen Papyrusstreifen fest aneinander zu kleben. Das feuchte Blatt, das man dabei formt, wird wieder für mindestens sechs Tage unter einer Presse gehalten. Will man statt des üblichen hellen Papyrus einen dunkel gefärbten, dauert sowohl Wässern wie Pressen um einiges länger als diese Mindestfrist von sechs Tagen.

Gegen 11 Uhr vormittags sind wir wieder an Bord der Pascha, legen ab zu unserer Tour Richtung Süden mit der Esna-Schleuse als erstem – erzwungenem – Haltepunkt.

Östlich und westlich des Flusses wird das grün blühende Nil-Tal begrenzt durch nicht sehr hohe, aber schon kahle Hügelketten, die Flussufer sind bei den meisten Dörfern geschützt Mauerwerk. Treppen führen dann zu den Plattformen am Wasser, wo mitunter Kinder baden oder Frauen Wäsche spülen. Ab und an passieren wir kleine Inselchen, auf denen Kühe grasen. Kein Quadratmeter fruchtbaren Bodens bleibt ungenutzt.

Die Kreuzfahrtschiffe fahren im Konvoi, was sie aber nicht daran hindert, auf dem Weg zur Esna-Schleuse sich ein regelrechtes Rennen zu liefern, wobei die Pascha immer wieder von anderen Schiffen überholt wird. Nur zwei Schiffe passen gleichzeitig in die Schleuse, das Schleusen dauert jeweils etwa eine halbe Stunde, und wer zuerst kommt, schleust eben auch zuerst.

Wir erreichen Esna zwar noch vor 18 Uhr, aber weil uns nun einmal etliche andere überholt haben, ist nun also Warten angesagt. Die Händler der Stadt dürfen mit ihren Waren die Schiffe zwar nicht betreten, kommen aber nun auf ihren kleinen Booten, beladen mit Tüchern und Gelabas, der traditionellen Tracht, die von den Touristen immer wieder gern gekauft wird, heran, präsentieren vom Boot aus ihre Ware, die sie dann, verpackt in einem Plastikbeutel gezielt auf die zehn oder 15 Meter höher liegenden Decks der Touristenschiffe werfen. Die Touristen, die bei Nichtgefallen die Beutel wieder herunterwerfen, sind zwar nicht so geschickt und manches Stück landet dabei nun im Wasser, wird aber gleich wieder herausgefischt, und das nächste Stück fliegt im hohen Bogen nach oben. Hat sich ein Schiffspassagier zum Kauf entschlossen, legt er das durch Rufen und Gebärden vereinbarte Geld, für eine Gelaba läuft das in der Regel auf fünf Euro hinaus, einfach in einen Sack mit einem anderen Textil und wirft es so wieder hinunter.

Gegen zehn Uhr passieren wir die Schleuse. Die ist so eng, dass die dicken LKW-Reifen, die links und rechts vom Schiff hängen, immer wieder gegen die Schleusenmauern scheuern. Vor uns steht bereits ein anderes Schiff in dem Schleusenkanal, so dass die ganze Passage buchstäblich zur Millimeterarbeit wird, wobei die Schleusenarbeiter durch das Ziehen der Taue zur Präzision beitragen.

Hinter der Schleuse legen wir an einer Kaimauer an. Allerdings werden wir nicht die Nacht in Esna verbringen, sondern schon bald wieder weiter in den Süden fahren.

Samstag, 20. März 2004: Edfu – Kom Ombo

Die Ansage, heute könnten wir ausschlafen, muss relativ gesehen werden: Statt um 5.45 Uhr ist die Weckzeit heute 6.00 Uhr früh. Vor uns liegt eine einsame Feluke – und der Morgen ist noch diesig und vor allem auch sehr frisch. Doch schon um sieben Uhr sollen wir uns auf den Weg zum Horus-Tempel von Edfu machen.

Dafür nehmen wir diesmal einspännige Kutschen, jede mit vier Reisenden besetzt. Am Kai herrscht ein unübersichtliches Gedränge von Kutschen und Touristen, doch irgendwie gelingt es dem Reiseleiter jeder Gruppe – es müssen sich wieder einmal alle Gruppen aller am Kai liegenden Schiffe fast gleichzeitig auf den Weg machen – seine Leute ordentlich unter zu bringen.

Die meisten Einwohner von Edfu sind bereits dunkelhäutiger als etwa die Bewohner von Luxor: Wir nähern uns allmählich Nubien. Auch unser Kutscher, begleitet von seinem vielleicht zehnjährigen Sohn, der immer wieder das Gespräch auf das erhoffte Bakschisch bringt, ist dunkelhäutig. Wobei der Sohn hier allerdings Pech hat: Alles Bakschisch, was während unserer Kreuzfahrt durch uns verteilt werden könnte, ist mit einer Pauschale von fünf Euro täglich bereits beim Reiseleiter abgegeben, der nun für uns die Verteilung regelt.

Die Geschäftsleute von Edfu haben sich auf die frühen Besucher des Horus-Tempels eingestellt. Die Läden sind geöffnet, und vor allem in der direkt zum Tempeleingang führenden Straße werden auf jedem Meter Gelabas, Wasserpfeifen, Papyrus und Keramiken feil geboten.

Der Horus-Tempel, ein Bauwerk aus der ptolomäischen Periode, angeblich der am besten erhaltenste Tempel Ägyptens, liegt praktisch mitten in der Stadt. Betritt man das Tempel-Areal, erblickt man als erstes die mächtige rückwärtige Wand des Bauwerkes, verziert mit überdimensionalen Reliefs des Pharaos. An der Außenmauer vorbei geht es nun zu dem Tempeleingang, wieder mit dem Pylon, diesmal mit Darstellungen eben des ptolomäischen Pharaos, der mit dem Bau begonnen hatte. In der unteren Hälfte finden sich Darstellungen von dem Pharao, der seine Feinde packt und mit einer Keule erschlägt, darüber dann derselbe griechischstämmige Pharao bei der Verehrung der ägyptischen Gottheiten. Links und rechts des Tempeleingangs stehen zwei Falkenskulpturen, über dem Eingang prangt das Relief einer geflügelten Sonne, wobei die Flügel von Schlangen gebildet werden.

In den 30-er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde der Horus-Tempel von Edfu frei gelegt – wobei die Häuser der Einheimischen damals unmittelbar bis an den Pylon reichten. Auch heute reichen die einfachen, aber teilweise bunt bemalten Häuser bis an die Außenmauer der Tempelanlage, die allerdings um einige Meter unter dem Niveau der modernen Stadt liegt. So scheint es, als wäre dieses Viertel der Stadt nun auf einem Hügel oberhalb des Tempels.

Die Papyrussäulen im Inneren des Tempels und die Wände zeigen wieder die Darstellung des Pharaos, des Horus – wobei die Figuren im unteren Bereich herausgekratzt wurden: Spuren frühchristlicher Bilderstürmer, die in der Anlage eigentlich, so die Geschichtsschreibung, Schutz vor Verfolgung suchten. Schutz in den Mulden der Säulen suchen aber immer noch einige Spatzen, die hier im Tempel ihre Nester gebaut haben.

Den Horus-Tempel in aller Ruhe zu durchqueren muss ein einmaliger Genuss sein, den der normale Reisende aber kaum erleben kann. Das Menschengewimmel in den Tempelgängen ist so dicht, dass man beinahe Platzangst bekommen könnte.

Das bringt vermutlich nicht nur uns eine halbe Stunde Verspätung ein, die später dazu führen wird, dass wir nicht wie geplant um 16 Uhr, sondern erst kurz vor 17 Uhr am Tempel von Kom Ombo eintreffen werden.

Nach 11 Uhr jedenfalls verlassen wir nun Edfu. Kleine Städte oder größere Dörfer werden allmählich selten. Und der exakte Verlauf des Nil-Ufers ist auch nicht mehr so einfach auszumachen. Natürlich gibt es auch immer wieder die kleinen Inseln mitten im Fluss, aber fast faszinierender sind die Felder, die fast im Wasser zu stehen scheinen, bei denen man nicht ausmachen kann, ob sie noch zum Land oder schon zum Fluss gehören. Knie- oder manchmal brusthoch waten hier Bauern oder Fischer durch das Wasser, nur wenige Meter von der Fahrrinne unseres Schiffes entfernt, und auf einem dieser sonderbaren Landflecken, fast völlig vom Wasser umgeben, sieht man ein Fahrrad stehen, gleich neben dem im Wasser schwimmenden Boot.

Gegen 14 Uhr passieren wir eine Stelle, an der die kahlen Sandsteinhügel der Wüste bis unmittelbar an den Fluss reichen. Gleich über dem Wasser liegen dicht beieinander etliche Höhlen, die auch gut als Wohn- oder Grabhöhlen gedient haben könnten. Ein sakraler Ort scheint dies schon gewesen zu sein. An einer Stelle ist in den Fels die Andeutung eines säulengestützten Tempels gemeißelt.

Erst nach 16 Uhr gelangt Kom Ombo in Sicht – und schon weitem erhebt sich der Doppeltempel des Sobek und des Haroeris über die Schlaufe, die der Nil hier zieht.

Von unserer Anlegestelle den wieder aus ptolomäischer Zeit stammenden Tempel des Krokodilgottes und des Falkengottes in einem etwa zehnminütigen Spaziergang den Hügel hinauf. Und so, wie der Tempel vom Nil aus gesehen alles überragt, so hat man vom Tempel aus den fast ungetrübten Blick über die Nilschlaufe unter uns. In der antiken Zeit war dies die Heimat der Krokodile – weswegen das Krokodil auch zur lokalen Gottheit von Kom Ombo aufstieg. Der Aufschwung der Stadt, den sie laut Hischam vor allem dem Handel mit Elefanten verdankte, machte es aber für die Priesterschaft erforderlich, den Tempel auch für die auswärtigen Händler attraktiv zu machen. Deshalb stellte man zu Sobek nun den Gott Haroeris, die griechische Version von Horus.

Neben den Darstellungen des Krokodilgottes macht uns Hischam vor allem auf zwei besondere Reliefs aufmerksam. In einer Kammer findet sich der komplette Kalender eines Jahres, wobei für jeden Tag – auch das ägyptische Jahr hatte schon 365 Tage, kannte aber kein Schaltjahr – genau verzeichnet ist, welche Opfergaben die Gottheiten erwarten.

Und zu diesen Opfergaben, das belegt ein anderes Relief, zählten auch medizinische Geräte, Pinzetten, Skalpelle und andere Instrumente, wie sie teilweise auch heute noch in Gebrauch sind. Die ägyptischen Priester waren schließlich auch Wissenschaftler, hatten auch Mediziner in ihren Reihen.

Die eigentliche Besonderheit des Tempels von Kom Ombo sind aber die drei mumifizierten Krokodile, die wie schlafend in zwei Vitrinen in einem eigenen Quergebäude liegen. Vielleicht waren es ja auch junge Tiere, die hier für die Ewigkeit präpariert wurden – aber eine besonders furchterregende Größe hatten sie zu Lebzeiten jedenfalls nicht erreicht.

Tücken des Nil: Kurz nach dem Ablegen setzt die Pascha wohl auf einer Sandbank auf und landet mit dem Bug am Ufer. Es dauert eine ganze Weile, bis wir wieder Fahrt machen können.

Sonntag, 21. März 2004: Assuan und Philae

Aufwachen in Assuan: Die Pascha ankert an der Corniche, der Uferpromenade, gegenüber dem nördlichen Teil der Elephantine-Insel, mit Blick auf die antiken Höhlengräber, die weiter nördlich auf der gegenüberliegenden Nil-Seite liegen. Auf einem kleinen Felsen haben die Möwen einen idealen Platz gefunden, im Süden kreuzen die Feluken.

Unser erstes Tagesziel, zu dem wir um sieben Uhr früh aufbrechen, ist der unfertige Obelisk, der sich immer noch in seinem Granitsteinbruch – nun mitten in der Stadt – befindet. Auf dem Weg dorthin passieren wir einen alten islamischen Friedhof, wo neben einfachen Steingräbern einige aus Lehm gebaute, inzwischen aber schon weitgehend zerfallene Mausoleen stehen, errichtet im Stil von kleinen Moscheen.

Von dem altägyptischen Steinbruch ist nichts geblieben als eben der halb heraus geschlagene Obelisk, der nun für immer in seinem schrägen sich von oben nach unten neigendem Grab liegt, eine massive Säule von über 40 Metern lange Säule, an ihrer Unterkante immer noch an den sie umgebenden Granit gebunden.

Pharaonin Hatschepsut wird als Auftraggeberin für diesen Obelisken vermutet: Die Schriften besagen, dass sie den größten Obelisken errichten lassen wollte, doch kein einziger Obelisk konnte ihr tatsächlich zugewisen werden.

Klettert man den Fels hoch, wird klar, warum man sich hier das herauslösen des schon halb gewonnenen Blocks sparen konnte. Von der Spitze des Obelisken zieht sich ein Riss in den unteren Bereich. Der Block wäre beim weiteren Herausschlagen, spätestens aber beim Aufrichten zerbrochen.

Dies muss Jahre vergeblicher Arbeit bedeutet haben. Neben dem Obelisken liegen in einer Mulde kleine Brocken schwarzen Pyritgesteins, das Werkzeug, mit dem der Obelisk aus dem Fels geschlagen wurde. Die Mulden, die man damit nach und nach um den gewünschten Block schaffen konnte, wurden täglich aber höchstens einen Zentimeter tiefer. Schneller kam man mit diesem Werkzeug nicht voran. Wäre der Granitblock, den man hier gewinnen wollte, einwandfrei gewesen, hätte man aber nur noch die längsseitige Unterkante lösen müssen.

Mit dem Bus geht es nun weiter zur Schiffslegestelle, dann mit einem Motorboot über den Nasser-See zur Tempel-Insel Philae. Diese Zielangabe ist allerdings nicht korrekt: Streng genommen laufen wir die Insel Agilkia an, jene Insel, auf der der Isis-Tempel von Philae originalgetreu wieder aufgebaut wurde, weil das antike Philae nach dem Bau des Hochdammes vom Nasser-See überflutet wurde.

Auch der Isis-Tempel stammt aus der Periode der Ptolomäer, verfügt über zwei noch völlig intakte Pylone, hat einen Säulensaal wir die Tempel, die wir zuvor schon gesehen hatten, wirkt aber alles in allem nicht so wuchtig, strahlt eher einen Hauch von Leichtigkeit aus, was aber auch an seiner Insellage zugeschrieben werden könnte.

Wie auch in Edfu haben sich im Isis-Tempel von Philae die christlichen Bilderstürmer zu schaffen gemacht – wobei der Isis-Tempel aber nicht so sehr als Zufluchtsort, sondern vorübergehend als christliche Kirche diente. Wie in Edfu sind im unteren Bereich der Säulen und Wände die Götter-Darstellungen herausgekratzt, hier aber noch durch christliche Symbole ersetzt worden. Neben dem Malteserkreuz findet man so vor allem das koptische Kreuz, wobei dieses Kreuz sich orientiert an dem geschwungenen Lebenszeichen der altägyptischen Religion.

Der alte Damm von Assuan, gebaut schon Ende des 19. Jahrhunderts, erscheint heute mehr als eine lange Brücke, aber auch der neue Hochdamm, wesentlich breiter und natürlich auch massiver als der alte, wirkt aus der Nähe längst nicht so imposant, wie man ihn sich vorgesellt hat. Klar: Die über hundert Meter Höhe kann man schließlich auch nicht sehen, da das meiste davon unter Wasser liegt. So halten die Touristenbusse an einer Aussichtsplattform auf der Straße, die über den Staudamm führt, und nach Süden blickt man nun auf den scheinbar unendlich langen und etliche Kilometer breiten Nasser-See mit mehreren kleinen Inseln in seiner Mitte, nach Norden auf den Nil, der hinter dem Damm ruhig weiter fließt, als habe er die von Menschenhand gesetzte Unterbrechung seines Laufes gar nicht bemerkt.

Hischam ist der festen Überzeugung, dass der Assuan-Damm für Ägypten nur Positives gebracht habe, dass das moderne Ägypten ohne den Damm gar nicht existieren könne. Die Umweltprobleme wie etwa die Folgen des ausbleibenden Nilschlammes würden nur in deutschen Büchern existieren. In Europa sei man eben verärgert, dass Ägypten den Bau in der Zeit des Kalten Krieges von der Sowjetunion habe durchführen lassen und nicht durch ein westliches Land. An die Freundschaft von Nasser-Ägypten und der Sowjetunion erinnert jedenfalls noch immer das von Ähre und Zahnrad geschmückte Denkmal im Stil des späten sozialistischen Realismus, das nun den Damm schmückt.

Unsere letzte Station des Vormittages ist eine Parfümerie, verteilt auf drei Stockwerke in einem Gebäude am Rande der Stadt. Assuan ist schließlich Zentrum des Gewürzhandels, und Hölzer, Blumen wie auch Gewürze sind die Grundlage der Essenzen, aus denen das Parfüm gewonnen wird. So erfahren wir immerhin, dass auch die berühmten Duftmarken von Chanel oder Davidoff nichts anderes als eine mit Wasser oder Alkohol durchgeführte Verdünnung jener Essenzen ist, die wir hier für wenige ägyptische Pfund kaufen könnten.

Am frühen Nachmittag – mein Fotoapparat hat seinen Geist aufgegeben, und ich bin auf der Suche nach einer Ersatzkamera – gelangen wir auf den Basar, der die Parallelstraße zur Uferpromenade bildet, also auch für Kreuzfahrtgast ohne Führer innerhalb weniger Minuten zu erreichen ist. Zwar sieht man auch in den Nebengassen Basarbetrieb, aber der eigentliche Basar spielt sich doch in dieser einen Straße ab.

An einer Ecke werden in einer Bäckerei Brote über offenem Feuer gebacken, dann von den Männern auf großen Tabletts zu den umliegenden Kunden ausgetragen, und auch, wenn sich hier natürlich die Andenkenhändler mit dem üblichen Kunsthandwerk breit machen, so ist doch der ursprüngliche Charakter des Basars mit dem Schwerpunkt Gewürze immer noch erkennbar.

Das Old Cataract Hotel, der Schauplatz unter anderem von Agatha Christies „Tod auf dem Nil“, liegt einige hundert Meter südlich von unserer Anlegestelle, in der Nähe der koptischen Kathedrale, gleich neben einem hübschen Park – und vor allem gegenüber dem südlichen Zipfel der Insel Elephantine.

Am Eingangstor weist ein Schild allerdings darauf hin, dass heute die Besucherkarten alle ausverkauft wären. Während wir noch beratschlagen, was wir noch unternehmen, kommt der Wachmann aus seinem Häuschen, fragt, aus welchem Land wir kommen, und schließlich bietet er an, telefonisch nachzufragen, ob er uns nicht doch noch kurz einlassen könnte. Für ein kleines Bakschisch von fünf Pfund sind wir dann also erst einmal in der Gartenanlage des Hotels. Aber eben noch nicht in dem Hotel, einem rotbraun gefärbten Bau ganz im Stil der victorianischen Zeit: Um durch die Lobby hindurch auf die Terrasse zu gelangen, müssen wir erst noch am Türsteher vorbei. Auch der verwickelt uns in ein Gespräch, will sehen, was er für uns tun kann, verschwindet dann kurz, kommt zurück – und für ein weiteres Bakschisch können wir nun an der Rezeption unsere Eintrittskarten für jeweils 30 Pfund lösen. Da ist der Nachmittagstee dann gleich mit eingeschlossen.

Von der Terrasse aus blickt man auf ein winziges, grün bewachsenes Eiland, fast eine kleine Bucht und eben auf den Südzipfel von Elephantine, auf ständig an- und ablegende Feluken, ein Bild wie aus einem orientalischen Gemälde. Den besten Blick allerdings hat man nicht einmal von der Terrasse selbst, sondern von dem darunter liegenden Ufergang, an dem nun auch einige Tische und Stühle aufgestellt wurden. Hier versperren auch keine Palme des Hotelgartens mehr das Sichtfeld.

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