Reisebericht Weltreisender

Amargosa Opera House

Von Death Valley nach Las Vegas. Mitten im "Nichts" ein Dorf mit Opernhaus. Und die faszinierende Geschichte von Marta Becket. Die 81 jährige Primaballerina, die hier ihren Traum erfüllte und mittlerweise Bestandteil des "American Dreams" ist.

Impossible Dream?

Es ist die faszinierende Geschichte eines Traums, der Wirklichkeit wurde. Eine Frau eröffnet ein Opernhaus in der Wüste, in einem kleinen verlassenem Dorf. Sie malt in "ihrer" Oper ihr Publikum. Sie tanzt vor leerenn Stühlen. Am Anfang. Jeder fand das ganz schön "crazy". Nun ist Marta Becket berühmt. Und Menschen aus der ganzen USA pilgern nach Amorgosa um Marta Becket zu sehen. Eine Frau, die einfach nur gemacht hat, was sie wollte. Sie ist mittlerweile in den 80igern und tanzt immer noch. Und das Publikum aplaudiert.


Hier ein Erlebnisbericht:

An dieser Kreuzung am Rand des "Tals des Todes" will ich einer seiner zahlreichen Legenden leibhaftig begegnen - und werde deshalb hier, "in the middle of nowhere", heute abend ins Theater gehen.

Es ist kurz nach sieben; die Nacht ist bereits schwarz und übergangslos auf die Wüste gefallen. Ein alter Mann spaziert unter der verfallenen Kolonnade, lüftet einen goldenen Hut, sagt leise "Guten Morgen" und verschwindet wieder. Während ich am Nordende des Gebäudes vor einem verschlossenen Tor unter der Aufschrift "Amargosa Opera House" warte, kommt ein Bus aus der Nacht, speit eine Ladung von Wüstentouristen aus und löst sich, gespenstisch beinahe, in der Dunkelheit wieder auf. Das Gelächter und Sprachkauderwelsch der Besucher scheinen unwirklich, verloren, entrückt, vor dieser Oper, die nach dem früheren Namen des Ortes "Bitter" heißt.

Ein Reifenplatzer veränderte die Welt

Auf einmal befindet sich der Mann mit dem goldenen Hut in der Menge, die sich vergrößert hat. Es ist Thomas Willett, Manager, Inspizient, Mime und Liebhaber jener Marta Becket, die hier mit diesem Haus eine Art Star am Ende der Welt wurde: aus "Marta's Story" beginnt er denn auch, ein wenig leidend, der unter dem Himmel wartenden Zuschauerschar zu erzählen . . .

Dass sie in New York geboren sei und schon als kleines Mädchen davon träumte, Tänzerin zu werden. Als solche schließlich Anfang der Vierziger Jahre ihre Beine im Ballettcorps der Radio Music Hall schwang, sich durch Auftritte in Nachtclubs und Armeehospitalen kämpfte und hie und da auch ein Engagement in einer der aufwendigen Musicalproduktionen am Broadway ergatterte.

Es ist die andere Seite der Erfolgsstory: sie tanzt oder tanzt nicht, tingelt später, in den 60er Jahren, mit einer Art One-Woman-Show duch die Provinz, während die Zeit davonläuft und Marta Becket mit ihrer Aura der Nachtclubs und Cabarets neben den Blumenkindern, die bei Rockkonzerten die Liebe statt den Krieg fordern, vermutlich wie ein Relikt aus längst vergangenen Tagen wirkt. Sie malt auch, eigenwillige, poetische Bilder, die ein wenig an Balthus, an Rousseau und die Surrealistin Leonora Carrington erinnern . . . Eines Tages, auf einer strapaziösen Tournee durch die Schulturnsäle und Wohnzimmer der Frauenvereine Amerikas, platzt ihr ausgerechnet hier, in der Gluthitze der Death Valley Junction, der Reifen ihres Wohnmobils.

Während der Reifen gewechselt wird, streift Marta Becket durch das verlassene Gebäude und entdeckt einen verwahrlosten Festsaal mit einer kleinen, eingebrochenen Bühne. "Mir wurde plötzlich klar, dass ich im Begriff war, langsam zu sterben. Die Türen, die sich mir vor ein paar Jahren geöffnet hatten, als ich mit meinem eigenen Programm begann, waren dabei, sich zu schließen. Auf einmal tat sich jedoch hier eine andere Tür vor mir auf".

Für 45 Dollar mietet sie den stattlichen Bau, den sie später erwirbt und der in der Zwischenzeit neben dem Theater auch über 14 Hotelzimmer verfügt, mit von ihr angefertigten Trompel'oeil-Malereien.

Mit zerbrechlicher Grazie quer über die Bühne

Endlich gewährt Mr. Willett den Besuchern Einlass in Mrs. Beckets Reich, das sie sich in mühsamer Arbeit erschaffen hat und nun hü-tet wie einen Gral.

Als in den 60er Jahren die Welt sich wenig um eine Eigenbrötlerin kümmerte, die von einem Opernhaus in der Wüste träumte, hatte Marta Becket zwar endlich ihre eigene Bühne, was ihr jedoch fehlte, wenn sie sie allabendlich betrat, war das Publikum.

Und als es nicht kam, woher auch, hatte sie die wohl wundersamste Eingebung ihres Lebens: sie malte es sich auf die Wände, vier Jahre lang, ließ eine bunte, lebhafte Zuschauerschar eines Renaissancetheaters, vom Königspaar in der Mittelloge über die Adeligen und den Klerus bis hin zum einfachen Volk in den Rängen, fortan ihrer Darbietung stumm applaudieren. Marta Becket war endlich ein Star.

Kaum haben wir, die wirklichen Zuschauer, Platz genommen, umgeben von den gemalten, ertönt eine dunkle Frauenstimme, die uns weiterführt in der Geschichte dieses Theaters, das sie, die Primaballerina, "Opernhaus" nennt. So wie der Traum, der ihre eigene Wahrheit wurde, vielleicht ein vorgeschobener war, vor einen anderen, der sich nicht erfüllte.

Marta Becket ist Amargosa, und man spürt, sie ist großartig, noch bevor sie sich zeigt. Auf einmal Stille. Und dann Musik.

Zu Rossinis Klängen tippelt sie endlich auf der Spitze mit zerbrechlicher Grazie quer über die Bühne, groß, schmal, im pinkfarbenen Trikot und Tüllrock aus zartem Rosa, hebt waagrecht ihr Bein, als wäre sie zwanzig, setzt an zum Lied in ihrem neuen Stück, das sie wie alle anderen im Repertoire selbst geschrieben, ausgestattet und inszeniert hat:

In "Der Puppenmacher", der stark an E. T. A. Hoffmann angelehnten Geschichte eines Barons, der eine Puppe zur Frau nimmt, mimt und tanzt sie neben ihrem einzigen Partner Mr. Willett wie immer fast alle Rollen.

Ein wenig Martha Graham, ein wenig Greta Garbo

Zwischen den wundersamskurrilen echten Puppen ist sie die eigenartigste, vollkommenste: in diesem beinahe surrealen Raum, umgeben von Wänden, auf denen sie sich die Vergangenheit zum Leben erweckt, irgendwo am Ende der Welt, wo die Zeit nicht mehr zählt, nur gute hundert Meilen entfernt vom grellen Neonglanz Las Vegas mit seinen rasselnden Glückscomputern und schrillen Shows.

Während dort moderne Illusionisten mit Hightech-Magie die weißen Tiger zum Verschwinden bringen, zaubert sich hier, fast nebenan, unter dem Sternenhimmel der Wüste, auf ihrer eigenen Bühne, eine 81-jährige Frau aus der Zeit. Was macht es da, wenn sie manchmal mit der verrutschten Theaterperrücke in ein ungnädigeres Licht gerät, wenn die Bühne knarrt und vielleicht sogar der berühmte Vorhang klemmt?

Nach langem Applaus kommt sie, wie angekündigt, noch einmal, um sich zu bedanken. Sie setzt sich, jetzt im schwarzen Tanztrikot, nur die Ballettschuhe sind weiß, auf die Rampe, ein wenig Martha Graham, der Ikone des amerikanischen Tanzes ähnlich, ein wenig Greta Garbo gleich: jeder darf mit ihr reden und bekommt ein Autogramm.

Ich stehe fast als letzte in der Reihe, und als ich sie um ein Interview für den nächsten Tag bitte, klopft mir tatsächlich aufgeregt das Herz.

Sie wirkt gar nicht mehr zerbrechlich, wie vorhin, als Puppe auf der Bühne.

"Morgen", erwidert sie, "habe ich keine Zeit." Und außerdem, ich könne alles in ihrer Autobiografie nachlesen. "Dann übermorgen", schlage ich vor. Sehr gerade blickt sie mir aus ihrem noch immer schönen, unnahbaren Gesicht in die Augen.

"Übermorgen", sagt sie mit einer leisen Stimme, die ein wenig in die Tiefe und Ferne rückt, "übermorgen habe ich wieder Vorstellung."

Bild Nr. 16184 - 485 mal gesehenBild Nr. 16186 - 322 mal gesehenBild Nr. 16185 - 348 mal gesehenBild Nr. 16188 - 341 mal gesehenBild Nr. 16187 - 338 mal gesehenBild Nr. 16190 - 260 mal gesehenBild Nr. 16189 - 364 mal gesehenBild Nr. 16192 - 266 mal gesehenBild Nr. 16191 - 273 mal gesehenBild Nr. 16194 - 271 mal gesehenBild Nr. 16193 - 314 mal gesehenBild Nr. 16196 - 279 mal gesehenBild Nr. 16195 - 320 mal gesehenBild Nr. 16198 - 379 mal gesehenBild Nr. 16197 - 255 mal gesehenBild Nr. 16200 - 342 mal gesehenBild Nr. 16199 - 246 mal gesehen