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Der Fort-Schreiten des Wohlstands - eine Polemik

Die vier wohl am häufigsten ge- und mißbrauchten Begriffe aus berufenem Munde von Politikern sind die Worte Frieden, Freiheit, Wohlstand und Demokratie. Dieses "Wertequartett" muss sowohl als Begründung unpopulärer Entscheidungen als auch als bewährter Slogan im Wahlkampf seinen Dienst erweisen. In haec signa vinces ! Liege ich falsch in der Annahme, dass das Volk den Erfolg der Politiker hinsichtlich des Fortschritts der Qualität dieser Werte beurteilt? Der Erfolg von Politikern aus Sicht der Regierten wird also am Unterschied des Status Quo und –Ante dieser demokratischen Axiome gemessen wie der Manager an der Umsatzentwicklung.

Dabei kommt es natürlich auch noch auf die persönliche Sicht des Einzelnen an, darauf, was man persönlich und mehrheitlich darunter versteht. Diese Sicht im Bewusstsein des Bürgers zu gestalten, ist unter anderem Aufgabe der Medien.

Was mich persönlich anbelangt, so verstehe ich unter Wohlstand - neben sozialer Sicherheit - in erster Linie über Zeit zu verfügen: Zeit zum kulturellen Wachsein. Zeit für Familie und Freunde. Zum Wachsein gehören Kunst und Kreativität, gehört Nach-denken, sich seiner Situation im Flusse alltäglicher Belanglosigkeiten bewusst zu werden, Entschleunigung und Innehalten. Be-greifen im geistig – seelischen Diskurs zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft - und Mensch-Sein im sozialen Miteinander außerhalb jeglicher Konkurrenz und geschäftlicher Professionalität.

Ich möchte nicht gleich übertreiben und nur tausend Jahre zurückschauen – Etwa zehntausend genügen vorläufig.

Erkenntnissen des amerikanischen Anthropologen Marshall Sahlins zufolge gab es die ersten wirklichen Wohlstandsgesellschaften bereits bei den tropischen und subtropischen Wildbeuterkulturen der Steinzeit, die „zu allen Zeiten in der Regel keinen Mangel litten und im Durchschnitt nur zwei bis fünf Stunden täglich für die Jagd, das Sammeln und die Nahrungszubereitung aufwenden mussten.“ Den „Rest“ der Zeit nutzten sie wohl, um die erste Knospe jenes hervorzubringen, was wir heute Kultur nennen.

Wo ist der Fortschritt hinsichtlich eines der kostbarsten Güter der Menschheit? Zeit!

Überspringen wir mehrere Jahrtausende, um in der Wiege abendländischer Kultur - bei den Griechen - zu landen. Dort lebte und arbeitete im damaligen Athen jener "arbeitsscheue" Steinmetz, der sich Sokrates nannte, und sehr zum Leidwesen seiner Gattin Xanthippe lieber auf der Agora philosophische Gespräche und Vorträge zu halten pflegte, statt sich seiner eigentlichen Arbeit zu widmen und den persönlichen „Wohlstand“ seiner Familie zu mehren. Ich bin mir ziemlich sicher: Hätte er damals auf seine zänkische Frau gehört oder wäre er Sklave unseres heutigen Geld- und Wirtschaftssystems gewesen, wäre er nie auf seinen Schüler Platon getroffen, dessen Philosophie sich als grundlegend für das abendländische Denken erweisen sollte, weil alle westliche Philosophie von dort an lediglich als Fußnote seiner Ideenlehre betrachtet wurde. Er hätte schlichtweg „keine Zeit“ gehabt oder an existentiellen Nöten gescheitert.

Niemand hätte über die Muße verfügt, sich der Muse als Ausgangspunkt heutiger Kunst und Literatur zu widmen oder geometrische Figuren und Berechnungen in den griechischen Sand zu kratzen, aus denen sich später die mathematischen Grundlagen unserer heutigen Technik und Naturwissenschaft entwickeln sollten. So viel zum Wert, Nutzen und zur Wirkung der Muße innerhalb einer Gesellschaft, die sich dies leisten kann - in der der Einzelne über Zeit verfügt.

Wo ist der Fortschritt? Wo ist der Fortschritt hinsichtlich des Mensch-an-sich-Seins, den ich als wesentlichen Bestandteil des von Ihnen propagierten Wohlstandes fordere, um Ihnen Erfolg bestätigen zu dürfen.

Blicken wir ca. dreißig Jahre zurück:

In den Achtzigern mussten wir Deutschen am wenigsten arbeiten. Wie bereits in einem meiner früheren Beiträge erwähnt („Wohin geht das gemeinsam erarbeitete Volksvermögen ,) verfügten wir dort aber lediglich über ca. ein Fünftel unserer heutigen Produktivität und erheblich bessere Sozialleistungen. Ist das logisch? Ist das der Fortschritt oder wenigstens die Weiterführung des Wohlstandes, den Ihr Politiker meint ? Oder meint Ihr damit Flachbildfernsehen und zehn Sorten mehr an Leberwurst? Oder etwa die Einführung von „Propagandasteuer“ durch die GEZ? Vielleicht doch eher die Bereicherung durch Zeitarbeit,Hartz4 und prekäre Arbeitsverhältnisse mit befristeten Verträgen? Den Fortschritt von Hausfrau und Mutter zur Karriere als Regalbefüllerin und Putzfrau? Die Besteuerung der Renten bei gleichzeitiger Minderung von Leistung und Höhe oder die aus Gründen der Rendite zu extremer Langlebigkeit verführende Riesterrente? Man weiß es nicht genau!

Ach so, pardon, wir haben ja inzwischen den Euro. Der brachte doch wenigstens Wohlstand, oder?

Apropos Wohlstand: Wohl stand die DM im Rufe, eine der stabilsten und härtesten Währungen der Welt zu sein. Wohl stand der Deutsche im Urlaub mit der DM in höherem Ansehen und konnte sich dort mehr von seinem Ersparten leisten. Wohl stand die Deutsche Bundesbank als unabhängige und eiserne Währungshüterin außer Zweifel. Wohl stand es um die Ersparnisse der Deutschen. Wohl stand viel auf dem Spiel. Aber was bedeutet das schon gegen den Frieden, Freiheit und das geeinte Europa? Vor allem Freiheit – wohl selten fühlten sich die Völker Griechenlands, Irlands, Spaniens und Portugals freier!

Oder war mit Wohlstand vielleicht gemeint, im Laufe der Jahrzehnte immer mehr Geld zu sparen, das immer weniger wert wird?

Ja, der Euro war ein Friedensprojekt – ohne Frage! Zu keinem Zeitpunkt nach dem zweiten Weltkrieg ging es in Europa friedlicher zu als heute. Nie war die Stimmung harmonischer und fühlten sich die Völker einander näher und verbundener.

Vor dem Euro war das noch ganz anders. Wurde man doch das Gefühl nicht los, von seinen europäischen Nachbarn ständig bedroht zu werden. Man führte ein unbeständiges, sorgenvolles Leben in peinvoller Erwartung, dass die Franzosen den Rhein alsbald überschreiten würden.

Oder war der "Wohlstand" doch eher kulturell gemeint?

Vielleicht!

Wir wurden bereichert mit einer neuen Sprachkultur und unterschiedlichen Ethno- und Soziolekten wie z.Bsp „Kanak“ oder „Kiezdeutsch“.Der Infinitiv tat der Flexion sein Feind sein tun und die Präposition stand zur Disposition. Der Genitiv war tot. Nicht vom Dativ gemeuchelt, wie man fälschlicherweise annehmen könnte, sondern untergegangen worden im neuen Ablativus Absolutus der Immigranten. Sprachwandel und Klimawandel – beides Seiten ein und derselben Medaille Illuminati?

Die Liste der Fragen wäre noch um Etliches zu erweitern. Allein - mir fehlt die Zeit. Ich muss mich um meinen Wohlstand kümmern!

Mein Fazit: Die Politik hat hinsichtlich ihrer Versprechungen und ihrer Arbeit zum Erhalt des Wohlstandes eindeutig Erklärungsbedarf.

Um Antwort wird gebeten!