PecuniaOlet

Golo Mann war ein hervorragender deutscher Historiker,

der bildhaft erzählerisch und vom Standpunkt des Menschen aus (nicht von Systemen) die deutsche Geschichte beleuchtete. Mal unterstützte er Willy Brandt, mal Franz Josef Strauß. Zwar trat er im Exil zeitweise der US-Army bei, als er jedoch in Deutschland des Ausmaßes der Zerstörung durch die Bombardements der Alliierten gewahr wurde, quittierte er den Dienst aus "Abscheu über die Taten dieses Siegergesindels".

Auch sein Vater, Thomas Mann, in dessen Schatten er zeitlebens stand, war ein hervorragender Analyst europäischer Geistes- und Zeitgeschichte. Während meiner gesamten Schulzeit hat mich kein einziges seiner Bücher auch nicht eine Sekunde lang gelangweilt. Ebenso wie die Bücher seines Bruders Heinrich, mit dem er sich zeitweise aufgrund unterschiedlicher politischer Ansichten zerworfen hatte (Beide hatten auf ihre Weise irgendwie recht). Und selbst heute noch entdecke ich beim wiederholten Lesen des "Zauberbergs" und anderer Werke Zusammenhänge, die mir damals nicht aufgefallen waren. Beim Lesen Heinrich Bölls und Konsorten hingegen (z.Bsp. "Ansichten eines Clowns") bekam ich Kopfschmerzen, und musste mich zwingen, das Buch zu Ende zu lesen. Auch wenn ich ihn als Person schätzte.

Die bewegte Geschichte der Familie Mann mit ihren sechs Kindern ist ein europäischer Roman für sich. Zwei von drei Söhnen (Klaus und Michael) nahmen sich das Leben, teils wohl auch,weil sie zeitlebens im Schatten des übermächtigen und distanziert-kalten Vaters standen.

Solche Familien und sensible "Seismographen" europäischer Geschichte und Geistesströmungen, solch hervorragende Psychologen, Analysten und Lehrer der Nation, bringt unser Jahrhundert nicht mehr hervor. Es fehlt der geistige Nährboden. Die Zeit hat eine gänzlich andere Qualität. Die geistige Verfassung der Deutschen ist an einem Tiefpunkt angelangt.