PecuniaOlet

Wollen und wollen sollen

Leben ist Wollen.

Sobald der Mensch auf die Welt kommt, will er. Der erste Schrei, der erste Atemzug ist der Beginn seines unaufhörlichen Wollens bis zum Tode. Im Grunde beginnt es bereits bei der Zeugung. Der Fötus will wachsen. Will werden. Will Welt.

Das Kleinkind sieht niedlich aus, weil es geliebt werden will. Geliebt werden will es, um zu überleben. Um umsorgt und ernährt zu werden. Es will Nahrung und Aufmerksamkeit. Sein Brüllen und Schreien ist Ausdruck seines Willens zum Leben. Der erwachsene Mensch will sich fortpflanzen, ob bewusst oder nicht. Der Sexualtrieb ist Mittel und Wille der Gattung zur Erhaltung ihrer Art. Hat der Mensch alle primären Triebe befriedigt, so will er Macht und gesellschaftliche Anerkennung. Ist dies erreicht, will er noch mehr. Und mehr. Und mehr... Haben Reichtum und Macht ihren Gipfel erklommen, droht der Stachel der Langeweile. Man sucht Zerstreuung und Ablenkung in zunehmend bizarreren Formen. Es beginnt die Dekadenz (lat. "cadere" = "fallen"), weil der Wille auf keine Motive mehr trifft.

Ist dieser Wille frei ? Hatten wir eine Wahl, auf die Welt zu kommen ? Zumindest kann sich keiner daran erinnern. Wir wurden unfrei-willig in die Welt geworfen, weil "es" wollte. Es gab zu diesem Zeitpunkt noch kein "Ich". "Es" schlägt das Herz, "es" atmet, "es" trinkt an der Mutterbrust. Hat "es" eine Wahl ?

Wir wurden erzogen und unser ureigenster Wille wurde von der Umwelt, den normativen Kräften des Faktischen und dem Willen anderer Menschen determiniert. Unser Wille stieß immer wieder auf Grenzen. Spätestens dann, wenn er anderen, weitaus mächtigeren Willen entgegenstand. Hatten wir eine Wahl, dem zu entkommen ?

Nachdem sich allmählich das "Ich" aus den Tiefen des Unbewussten emanzipiert hatte und sich uns fortan als Brennpunkt unseres Willens zeigte, waren wir bereits so konditioniert, dass wir nicht wussten, was die eigentlichen Motive unseres Willens sind und woher sie kommen. Hatten wir eine Wahl ?

Wir sind geboren mit gewissen Prädispositionen, mit Talenten und Neigungen. Können wir wollen, anders zu wollen ? Unser Wille ist uns angeboren und unser Handeln, unser Tun und Lassen ist das Ergebnis unseres mit unterschiedlichen Motiven konfrontierten Charakters. Ich kann nicht wollen, was ich will - weil ich will, was ich will. Und nichts Anderes.

Spinoza sagte sinngemäß, dass ein Mensch, der glaube über einen freien Willen zu verfügen, einem geworfenen Stein ähnele, der in seiner Flugbahn glaube, er hätte sie selbst so gewählt. Kennt man den genauen Charakter eines Menschen und die Motive, die seinen Willen bewegen, so ist das Handeln dieses Menschen im wesentlichen vorhersehbar. Ein Verbrechen zu begehen, hindert uns meist das höhere Motiv der Angst vor den Folgen der Bestrafung, falls es aufgedeckt würde. Auch wenn man sich dies bewusst in den seltensten Fällen eingestehen würde. So verhält es sich zumindest bei Eigentumsdelikten und "kleineren" Vergehen wie zum Beispiel Steuerhinterziehung. Ist die Gier jedoch größer als die Angst vor Sanktionen, ist sie das für meinen individuellen Willen höherwertige Motiv, dem ich bei nächster Gelegenheit nachgeben werde.

"Des Menschen Wille ist sein Himmelreich" - häufiger jedoch seine Hölle.