The Island of the Disabled

Heute ein paar Herbstimpressionen aus England. Weil wir ja vielleicht auch bald eine Kanzlerin haben werden, und natürlich, weil ich gerade dort in Britannien ein paar Runden gedreht habe. Von Lady Thatcher total umgekrempelt, so so. Man liest es immer wieder und man liest immer wieder zu viel, anstatt den eigenen Augen zu trauen.

Doch vorerst konnte ich mit den Augen nichts erreichen, denn das Geschehen spielte sich in meinem Rücken ab. Ich stand gerade auf der Seepromenade Sheerness auf der Insel Sheppey, wenn man es überhaupt noch nennen darf, denn eigentlich ist es nur ein Betonweg neben Betonmauern, um das kostbare Land gegen die Flut zu sichern. Ich betrachte die Einsamkeit, die Rauheit und die Hässlichkeit der Szenerie und bilde mir ein, plötzlich zu verstehen, warum der Schriftsteller Uwe Johnson sich an diesem Ort umgebracht hat.

Ich zücke den Fotoapparat und werde im selben Moment beinahe von hinten überfahren, zudem von lauten Flüchen überzogen. Unhörbar hatte sich ein Rollstuhlfahrer von hinten genähert – und nun stand ich ihm plötzlich im Weg. Zuerst etwas ärgerlich, kam ich wenig später zu der Erkenntnis, gerade einen Blick in die Zukunft geworfen zu haben. Eine durchaus wunderbare Zukunft. Denn es passierte ja noch mehr.

Auf dem Weg zurück zum Auto Rollstuhlfahrer auf dem Bürgersteig in Zweierreihen, in Margate vor dem Hotel-Restaurant sämtliche Parkplätze reserviert für die Disabled. Wer nicht behindert ist, muss also hinter dem Hotel parken. Und in Broadstairs schließlich ein ganzes Schaufenster dekoriert mit Aufklebern für die Disabled. Rollstuhlzeichen der verschiedensten Größen und Farben, Schilder wie „Disabled Driver“ und viele sonstige Dinge noch. Die Betreffenden parkten begeistert davor und schauten.

Was ist anders auf der Insel als hier? Bei uns regieren die Hunde die Grünflachen und die Autos den Rest. Dieser Lärm und diese andauernde Gefahr! Welche Wohltat dagegen das leise Surren eines Rollstuhls! Keine Aggressionen, kein politischer Extremismus. Friede und Verständigung. Keine Experimente, schon gar nicht politisch. Unübersehbare Risiken auch lieber nicht. Ruhe und Ordnung sind die höchsten Güter.

Würden wir doch nur unsere Politiker auch sämtlich in Rollstühle verfrachten. Und die Triebtäter gleich mit dazu. Die Flakhelfergeneration stirbt nun aus, der Rest hat ohnehin nichts Wichtiges zu berichten. Und in England ersetzen die Rollstuhlfahrer die Kriegsveteranen. Die Opfer des Wohlstandes die Opfer des Mangels. Und dann diese unsägliche demographische Komponente. Die Insel macht uns vor, wo die wirklichen Wachstumsmärkte zu finden sind. Es ist wie in der Musik. Das, was dort heute passiert, schwappt zu uns erst Jahre oder Jahrzehnte später herüber.

Ich habe einen Blick in die Zukunft erheischt, doch wo ist sie bei uns? Und was streiten wir über nebensächliche Dinge wie Steuern? Die zentralen Themen sind andere. Das Comeback des Rentners, auf allen Ebenen. Dem Normalen, dem Haftpflichtigen, das alles sichtbar. Und nicht zu vergessen, dem Wichtigsten, dem Rentier. Er allerdings unsichtbar, dafür jedoch der wichtigste Regent unserer Welt.

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