Alte Mädchen und Zugvögel

Über Deutsche in Amerika. Vorurteile und Realitäten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten...

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Wenn meine Frau und ich es einmal schaffen wollen, ohne Kinder auszugehen, dann ist das ein Tag, den man rot im Kalender anstreichen muss. Das meine ich, wie ich es sage: Der stete Strom sportiver, musikalischer, ärztlicher und pfadfinderischer Aktivitäten macht es erforderlich, derartige Vorkommnisse als terminliche Granitbrocken im Kalender einzuzementieren. Und da leider auch Zement einige Zeit braucht zu binden, finden sich wenige rote Tage im Familienplaner.

Vor einigen Wochen ergab es sich dann doch. Ich war noch etwas unterkühlt, da ich die vorhergehenden zwei Nächte bei 10 Grad Minus zeltend in einem pennsylvanischen Wald in der Umgebung von Gettysburg verbracht hatte. (Boy Scouts sind hart im Nehmen!) Aber dagegen hilft nichts besser als ein Steak bei Ruth's Chris, so roh wie es das Gesundheitsamt erlaubt.

Beim Essen wurde eines klar: Der Dollar ist für Europäer immer noch zu billig. Denn am Nebentisch fränkelte es lautstark in der Annahme, kein Umsitzender könne die fach- und weltmännischen Qualitätsurteile zur amerikanischen Populärkultur verstehen. Die Konstellation war nicht untypisch: Eine sich betont jugendlich gebende Dame um die vierzig in ebenso betont kurzen Lederröckchen und Perlenkette - was man früher so als "altes Mädchen" oder neudeutsch als "Singleschnatze" bezeichnen würde. Vermutlich ein postgraduierter Jahresaustausch an der Johns Hopkins University. Daneben der dazugehörige graubewindjackte Opa, wegen Single-Geschnatze und Selbstverwirklichung töchterlicherseits allerdings bar aller realen Opafreuden. Und ein jüngeres Pärchen, das scheinbar die Nachwende-Verostung der bundesrepublikanischen Jugendmoden auch für Amerikaner fühlbar machen wollte.

Nach 18 Jahren in den Staaten spreche ich besuchende Landsleute ungern an: Uneingeladene Kommentare in deutscher Sprache kompromittieren die Blase des nationalen Incognito, mit dem sich der reisende Kulturdeutsche gern umgibt, während er oder sie "das beste Osso Bucco", den "besten Martini" und "den besten Gaspaccio" der emsig erreisten Erlebniskartei anzugliedern bemüht ist. Was, wie ich beim ebenso unfeinen wie unfreiwilligen Überhören des Nebentischs feststelle, den Hauptteil des weltgewandten Tischgesprächs ausmachte.

Dabei sind reisende Deutsche ausgesprochen leicht zu erkennen. Am Felsenstrand von Bar Harbor, Maine, zeigte meine sechsjährige Tochter letzten Sommer spontan auf ein verhärmtes Einzelkind, das lustlos an einer toten Krabbe stocherte. "Deutsher Boy," sagte sie und rannte weiter, um mit ihren Brüdern und einigen hundert Seesternen in einem Gezeiten-Pool eine Touristenattraktion zu schaffen. In der Tat, das merkwürdige Englisch auf seinem T-Shirt legte diese Vermutung nahe. Allerdings waren die Birkenstocksandalen und die in Capri-Jeans gezwängten Waden der mausgrauen Mutter zu international, um eine zweifelsfreie Identifikation zuzulassen. (Ebenso wie das Kulturverbrechen Adilette sind die formlosen Alternativschlappen aus mir unerfindlichen Gründen zur Zeit hier sehr populär, selbst unter attraktiven Damen ohne angeborene Senk-Spreiz-Füsse.)

Zum Glück kam der Vater zur Hilfe. Doch er hätte nicht schwäbeln müssen. Denn geschnallte Birkenstock Riemensandalen an Männerbeinen sind das, was früher Lederhosen gewesen sein sollen, unschön und deutsches Nationalcharakteristikum - wie Fussgängerzonen, Freiburger Theologinnen mit Doppelnamen und Bundestagsmandat und Eros Ramazotti. Die Anwesenheit von Deutschen in Maine machte mich allerdings stutzig. Denn wie Zugvögel folgen unsere Landsleute auf Amerikaurlaub sonst genetisch programmierten Routen, um ein Plansoll an gewissen Amerikaerfahrungen zu erfüllen. Zu letzteren gehört natürlich das ungläubige Staunen amerikanischer Gesprächspartner, wenn man ihnen erzählt, man habe sich vier Wochen Urlaub genommen. Dies wird zumeist als Bewunderung des fortschrittlichen deutschen Systems ausgelegt, ist aber lediglich Verwunderung darüber, dass jemand einen Monat lang abkömmlich ist und trotzdem angestellt bleibt.

Andere Landsleute - vorzugsweise diejenigen, die Frau und Kinder in arabischen Ländern in Burkha anmarschieren lassen würden, um mal so richtig multi-kulturell sensibel sein zu dürfen - heimsen ihr Klagelied über die Prüderie der Amerikaner ein, wenn man sie am Pool in Oklahoma darauf aufmerksam macht, dass hierzulande auch Kleinkinder Badehosen und Badeanzüge tragen. So macht Amerika selbst den pofigsten Studienrat, mit Schuppen und gelben Raucherzähnen, zum Freikörperkulturrebellen!

Allerdings gibt es beim Auffüllen der Erlebniskartei immer mal wieder einen Wermutstropfen: Kürzlich hörte ich, wie sich deutsche Kollegen enttäuscht gaben, dass man sie freundlich durch die Immigrationsstelle am Flughafen winkte. Und man hatte sich schon so gefreut, über haarsträubende Körperöffnungsdurchsuchungen durch paranoide US-Grepos berichten zu können! Scheiss-Amis! Kein Verlass mehr auf keinen!

Am besten haben es natürlich die nach Amerika Delegierten mit journalistischer, akademischer oder diplomatischer Mission. Nach Absolvieren der obligatorischen Erlebnisreisen ziehen diese sich in sorgfältig abgegrenzte Enklaven zurück. Hier zelebriert man in Gesellschaft anderer Ausgelagerter dann kosmopolite Internationalität, vermeidet aber tunlichst, mit dem amerikanischen Alltag befleckt zu werden. Man übt demonstrativ Rassenharmonie, indem man mit dem schwarzen Hausmeister souverän eine raucht und beim Durchfahren heruntergekommener Nachbarschaften die Türverriegelung des Autos dezent unter Deckung des ans Seitenfenster gelegten Ellbogens betätigt. Man "kann gut" mit dem Aulagererkollegen aus Italien oder Spanien ("beste Paella"), "leiderleider nicht so gut" mit dem Sohn pakistanischer Immigranten, der mit 25 Schlips und Kragen trägt, seinen abbezahlten Master bei Stanford in ein anständiges Gehalt parliert hat, und friedlich verheiratet im eigenen Haus an der Familie bastelt. Wie ein normaler Amerikaner. Und raucht nich'mal ...

Dann sucht man sich die Belege zurecht, die das mitgebrachte Mosaik aus Vorurteilen und vorgefassten Meinungen säuberlich bestätigen. Diese werden dann an die harrende Öffentlichkeit in der Heimat zurückgeschickt und formen das Amerikabild der Zurückgebliebenen. "Schwarzenegger richtet Kinderbuchautor hin," Todesstrafe für blinden, gelähmten Greis," "Angst in den USA: Chinas Exportboom verärgert Amerika" heissen da die Überschriften.

Und nach lebenslangem Konsum von solchem Geschnackel wundert sich dann der nächste deutsche Amerikabesucher tatsächlich, dass weisse und schwarze Amerikaner nicht nur einträchtig nebeneinder arbeiten und auf der Strasse gehen, sondern auch nebeneinander wohnen.

Amerika, Land der Widersprüche, heisst es dann.
Grund genug, die Klappe zu halten, sein Steak anzusägen und zu hoffen, dass dem reifen Perlenkettenmädchen am Nachbartisch das Porterhouse auch bekommt. Sonst heisst's nachher "Angst in USA: Deutsche in Amerika abserviert."

Und wem wäre wohl damit gedient?


von J. Christoph Amberger in Baltimore

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