Karma - Bitch?

[........].."Welche Abgründe sich hinter der gegenwärtigen Buddhismus-Begeisterung auftun, zeigt ein Artikel über den New Yorker Zen-Meister und Begründer des Zen Peacemaker Ordens, Roshi Glassman in einer Esoterik-Zeitschrift. Er habe zusammen mit 150 Christen, Juden, Buddhisten und Moslems einige Tage und Nächte gemeinsam in Auschwitz verbracht, um zu beten, zu meditieren und dergestalt, wie Glassman es nennt, „Zeugnis abzulegen“. Für ihn bedeute das, „mit etwas in Beziehung zu treten und keinen Aspekt auszulassen. Auch die Täter anzuschauen und sie als das zu betrachten, was sie nach Glassmans Verständnis der Wahrheit sind, wenn alle Täuschungen von uns abfallen: Menschen, die zu dem einen großen Ganzen dazugehören.“ Und dann wird aus seinem Buch Das Herz der Vollendung zitiert, in dem Glassman auf die Täuschungen eingeht, denen wir unterliegen: „Da 'vollkommen' weder gut noch böse bedeutet“, schreibt Glassman, „sondern einfach nur das, was ist, wie es ist, muß selbst der Mord an einem Kind in diesem Sinne vollkommen genannt werden. Er ist einfach nur das, was er ist“ (Pauls 2003).Wie ist Glassmans zur Schau getragenes friedensbewegtes Mitgefühl (karuna) mit seiner offensichtlichen emotionalen Kälte vereinbar, in der die Mitglieder der SS-Totenkopfverbände eins werden mit den in Blausäure-Schwaden erstickten Kindern, Frauen und Männern? Der hohe Zen-Meister Shaku Soen (1859-1919) erklärt das Verhältnis von Karuna und Weisheit (prajna) damit, daß ersteres uns zur Welt der Besonderheiten führt, letzteres zum Reich des Absoluten, in dem alle Unterschiede aufgehoben sind. Während es in dieser Welt der Besonderheiten das Edelste und Größte sei, ethisch zu handeln, ist aus der Perspektive der Ewigkeit alles eins, alles befindet sich auf der gleichen Ebene: Freund und Feind, Tragödie und Komödie, Leidenschaft und Erleuchtung, etc. (Victoria 1999, S. 51). Das heißt, und diese Dialektik ist wirklich entscheidend, um die Welt des Zen und des Lamaismus verstehen zu können: die buddhistischen Gurus („Roshis“ und Lamas) sind dann weltlich, wenn sie konstruktiv-priesterlich auftreten, sie überwinden die Welt, wenn sie destruktive Nihilisten, Hurenböcke, Alkoholiker und faschistische Mörder sind!Karuna und Prajna gründen in der einen Erkenntnis, daß es, so Zen-Meister Soen, nur einen großen Geist gibt, „und wir Individuen sind seine zeitweiligen Manifestationen. Wir sind ewig, wenn wir dem Willen des großen Geistes folgen. Wir sind verdammt, wenn wir uns in unserem Egoismus und unserer Ignoranz gegen ihn auflehnen“ (Victoria 1999, S. 52). Genau diesen spirituellen Gedanken symbolisierte das Totenkopfsymbol, das die SS-Wachmannschaften von Auschwitz trugen: die Opferung des eigenen Ich für „die Idee“! (Trimondi, Trimondi 2002).

b. Karma

Hinzu kommt, daß aus buddhistischer Sicht in Auschwitz, wie überall sonst, das eherne Gesetz von Ursache und Wirkung zum Ausdruck kam. Sowohl die Juden als auch die Totenkopfverbände trugen jeweils ihr Karma ab: die einen ihr schlechtes, die anderen ihr gutes. Ob die SS-Männer, die als Frucht vorbildlicher früherer Leben von der Front freigestellt wurden und in Auschwitz ein herrliches Leben mit jeder Menge persönlicher Sklaven lebten, nun ihrerseits schlechtes Karma auf sich luden, ist, was Buddhisten bei derartigen Diskussionen stets unterschlagen, aus buddhistischer Sicht fraglich.Aber betrachten wir zunächst die Opfer des ewigen Weltgesetzes (dharma) – die aus buddhistischer Sicht letztendlich Opfer ihrer selbst sind: Wie in Nazi-Deutschland gilt auch in buddhistischen Ländern das „Jedem das seine!“. Oder wie die Theravada-Nonne Ayya Khema sagt:

Wir bekommen genau das, was wir verdienen. Das ist weder zufällig so, noch ist es chaotisch. Es gibt keinen Grund zu denken, daß im Universum das Chaos herrscht. Sonne, Mond und Sterne, alles handelt nach einem Muster – sogar dieser kleine Globus, auf dem wir leben. Genauso verhält es sich mit unserem Karma (Ayya Khema 1998, S. 103).

Ayya Khema bietet hier die „kosmische“ Fundierung der rabenschwärzesten, oder vielmehr der kackbraunsten, Reaktion!Körperbehinderte werden angespuckt, tragen sie doch das Kainsmal ihrer Schlechtigkeit vergangener Leben am Leibe.(3) Das gleiche gilt für Frauen, – die wegen ihres schlechten Karma Frauen sind und keine Männer (Goldner 1999, S. 75). In einer Zen-Predigt werden die „Zehn Schicksale, die der Buddha lehrte“, wie folgt verkündet:

Eine kurze Lebenszeit aufgrund des Schlachtens von Tieren. Hässlichkeit und Krankheit aufgrund ritueller Unreinheiten. Armut und Verzweiflung aufgrund habgieriger Gedanken. Verkrüppelung und Blindheit infolge des Übertretens der buddhistischen Verhaltensvorschriften (Victoria 1999, S. 310).

Die „fünf Fesseln“, die eine niedere Wiedergeburt bedingen, sind dem Pali-Kanon zufolge:

Der Glaube an die Persönlichkeit als das Ich, Zweifel, das Hängen am Ritualismus, sinnliche Lust, Übelwollen. (...) Und welches sind die fünf zu höherer Wiedergeburt führenden Fesseln? Das Verlangen nach Dasein in der Formwelt, das Verlangen nach Dasein in der Nichtformwelt, Dünkel, innere Unruhe, Nichtwissen (Mensching 2001, S.122).

Sinnliche Lust und Zweifel leiten einen ins Untermenschentum, „geistiges“ Streben und Hochmütigkeit verstricken zwar ebenfalls ins Dasein, versetzen einen aber immerhin an die Spitze der Pyramide.Nicht nur Individuen, sondern auch ganze Gruppen wurden aus dieser Warte betrachtet. Zu den „Unberührbaren“ Tibets gehörten die Bettler, Prostituierten, Musiker, Fischer und Schmiede. In Japan waren alle Parias, d.h. „Ausgestoßene“ (burakumin), die „unreine“ Berufe ausübten: Metzger, Kürschner, Abfallsammler, etc. Diese Kollektivbestrafung, die auch alle Nachkommen einschließt, macht aus buddhistischer Sicht allein schon deshalb Sinn, da wir, wie Ayya Khema, sagt, „uns den Platz, wo wir geboren werden, im Prinzip selbst aussuchen." [....]

http://orgonomie.net/hdobuddha.htm