Rede des Bundesministers für Gesundheit, Hermann Gröhe, zur Antibiotikaminimierung in der Medizin

Rede des Bundesministers für Gesundheit, Hermann Gröhe, zur Antibiotikaminimierung in der Medizin
vor dem Deutschen Bundestag am 30. September 2016 in Berlin:


Frau Präsidentin!
Liebe Kolleginnen!
Liebe Kollegen!

Als im Juni des letzten Jahres beim G7-Gipfel in Elmau die deutsche Präsidentschaft das Thema
Antibiotikaresistenzen auf die Tagesordnung gesetzt hat, da hat mancher in den Medien und auch in
der Politik zunächst einmal gefragt: Antibiotika- – was? Kümmern sich die G7-Staats- und
Regierungschefs nicht um die ganz wichtigen Fragen wie Frieden, Wirtschaftswachstum, Gerechtigkeit,
Klimawandel? Ja, und dazu gehören eben auch Antibiotikaresistenzen. Es ist eine Frage, die genau in
diese Dimension gehört. Deutschland ist hier Schrittmacher, und zwar nicht nur deshalb, weil wir
dieses Thema auf die Tagesordnung der G7 gesetzt haben, sondern weil wir auch konsequent handeln im
nationalen wie im internationalen Rahmen.

Kollegin Schulz-Asche hat es ja angesprochen: Ein Rückfall in das Vor-Penicillin-Zeitalter wäre
eine Katastrophe für die Medizin. Seit dem Zweiten Weltkrieg sind Antibiotika ein herausragendes
Instrument zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Viele medizinische Eingriffe, vom
Hüftgelenkersatz bis zur Transplantation, wären ohne vorbeugende Antibiotikabehandlungen nicht
möglich.

Jedes Jahr sterben weltweit 700.000 Menschen an resistenten Keimen. Wenn die Kommission von Jim
O’Neill im Auftrag der britischen Regierung sagt: „Diese Zahl kann bis 2050 auf zehn Millionen
steigen, wenn wir nicht gegensteuern“ – das hieße mehr Tote durch multiresistente Keime als infolge
von Krebserkrankungen –, dann macht das deutlich, wie ernst die Bedrohung ist. Ähnlich wie beim
Klimawandel ist es so, dass sich die Entwicklung schleichend und weithin unsichtbar vollzieht.
Deswegen ist es wichtig, hier gegenzuhalten.

Es geht um – es ist richtig, was Sie gesagt haben – die lokale, die nationale und die
internationale Ebene, also um alle Ebenen. Ich will mich auf den Bereich der Medizin konzentrieren.
Gleichzeitig danke ich dem Kollegen Schmidt herzlich für die gute Zusammenarbeit mit seinem Hause
und dafür, dass wir vor Ort informieren und diskutieren. Frau Kollegin, Sie haben Kampagnen
angemahnt. Ich lade alle dazu ein, die guten Materialien der Bundeszentrale für gesundheitliche
Aufklärung zu nutzen.

Ich war vor einigen Wochen mit Apothekerinnen und Apothekern meiner Heimatstadt mit diesen
Materialien in der Fußgängerzone. Wir haben Eltern angesprochen und darauf hingewiesen, dass es
falsch ist, ohne eine anständige Diagnostik vorschnell auf den Einsatz von Antibiotika zu drängen
und die Behandlung nach einer vermeintlichen Besserung vorschnell abzubrechen. Auch damit werden
Resistenzen gefördert. Natürlich betreiben wir öffentliche Aufklärung. Natürlich gibt es auch
verbesserte Weiterbildungsangebote an die Ärzteschaft. Das Antibiotic-Stewardship-Programm mit der
Universität Freiburg als Ankerorganisation bietet diese Weiterbildungen an. Natürlich gehört die
Fülle der Maßnahmen vor Ort, die wir im Bereich Krankenhaushygiene ergreifen, auch dazu.

Wir bauen diesen Bereich der Informationskampagne aus, Frau Schulz Asche. Nicht nur die
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt Materialien heraus, sondern auch die örtlichen
Gesundheitsämter und die Landesregierungen. Ja, wir werden sowohl im Bereich der Information
seitens der öffentlichen Verwaltungen beharrlich und verstärkt arbeiten müssen – das ist nicht mit
der einmaligen Ausgabe von Materialien getan –, als auch die Apotheken, die Ärzteschaft und die
anderen Gesundheitsberufe mit einbeziehen müssen.

Natürlich müssen diese Arbeiten fortgesetzt und auch verstärkt werden; das steht übrigens im Antrag
der Koalitionsfraktionen. Es gibt regionale Netzwerke für diese Arbeit, die beispielsweise durch
das Robert-Koch-Institut unterstützt werden. Ja, all das gehört ausdrücklich dazu.

– Doch, Frau Schulz-Asche. Ich habe ausdrücklich gesagt, dass wir diese Maßnahmen nachhaltig und
verstärkt durchführen. Ich lade dazu ein, sie vielleicht erst einmal alle zur Kenntnis zu nehmen
und selber auch einzusetzen. Das lohnt sich.

Wir haben im Bereich der Krankenhaushygiene nach den Verschärfungen des Infektionsschutzgesetzes
zuletzt die Meldepflichten verschärft, damit bereits ein erstes Auftreten von Keimen rechtzeitig
die entsprechenden Reaktionen auslösen kann. Wir führen seit 2014 eine Verbrauchs-Surveillance in
Krankenhäusern durch, und zwar zusammen mit dem Robert-Koch-Institut und der Charité; über 200
Krankenhäuser machen bereits mit. Auch daraus gewinnen wir wertvolle Informationen für einen
bestmöglichen Einsatz.

Wir arbeiten intensiv zusammen – neben Kollege Schmidt war Kollegin Wanka an der Erarbeitung der
Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie beteiligt –, wenn es um die Forschung geht. Eine gute
Forschung, die international zusammenarbeitet, wurde angemahnt. Ich kann Ihnen sagen: Genau das
geschieht. Das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung, das zur Helmholtz-Familie gehört und vom
Bund nachhaltig gefördert wird, ist eine der herausragenden Forschungseinrichtungen. Gerade vor
wenigen Tagen hat das in Braunschweig beheimatete Netzwerk zusammen mit acht anderen
Spitzenorganisationen in der Welt eine Allianz gegründet, um das Erreichen der Ziele der
UN-Resolution wissenschaftlich zu begleiten und anzumahnen. Die deutsche Forschung ist also an der
Gründung dieser Allianz beteiligt. Die Bundesregierung hat zusammen mit anderen im Rahmen der WHO
dafür geworben, noch in diesem Monat dieses Thema auf die Tagesordnung nicht nur der WHO, sondern
auch der Vereinten Nationen zu setzen und dazu High-Level-Meetings und Beratungen durchzuführen.

Damit komme ich auf das zu sprechen, was wir im Rahmen von G7 und in der EU – hier vor allen Dingen
zusammen mit Großbritannien und den Niederlanden, aber auch mit anderen Staaten aus der
Völkergemeinschaft – tun. Bereits im nächsten Monat wird – initiiert im Rahmen des G7-Prozesses –
ein Treffen internationaler Experten in Berlin stattfinden. Über 100 renommierte Experten werden
über Forschungsanreize, den Zusammenhang von Tier- und Humanmedizin und über den klugen Einsatz von
Antibiotika, aber auch über die Durchsetzung einer weltweiten Verschreibungspflicht diskutieren;
auch Jim O’Neill wird daran teilnehmen. Wir haben uns entschlossen, im Mai nächsten Jahres
erstmalig zu einer Konferenz der G20-Gesundheitsminister einzuladen; denn wir sind der Überzeugung,
dass wir bei Fragen betreffend die Antibiotikaresistenz eine Zusammenarbeit der forschungs- und
wirtschaftsstarken G7-Staaten und der großen – auch großagrarisch tätigen – Länder Lateinamerikas
und Asiens brauchen.

Ich bin ausgesprochen dankbar, dass die japanische G7-Präsidentschaft unser Thema vorangetrieben
hat und im April Indien, China und weitere asiatische Staaten eingeladen hatte, um sie für unsere
Sache zu gewinnen. Unsere Anstrengungen, in denen wir nicht nur nicht nachlassen dürfen, sondern
die wir auch verstärken müssen, werden nur Erfolg haben, wenn wir es schaffen, andere Staaten auf
internationaler Ebene einzubinden. Im Gegensatz zu dem Eindruck, der gerade erzeugt wurde, wird
Deutschland – fragen Sie in der WHO und der UNO – als Schritt- und Tempomacher und aufgrund seiner
Strategie als Vorbild gesehen.

Ich bin davon überzeugt, dass es uns gelingen wird, die Katastrophe, die eintreten kann – zu diesem
Schluss kommt man, wenn man den Report von O’Neill und die Berichte der Weltbank über die
dramatischen wirtschaftlichen Schäden liest –, zu verhindern, wenn wir alle zusammenarbeiten und
handeln. Wir werden in Kürze über die Ergebnisse des Pharmadialogs reden. Hier wird es um mehr
Anreize für eine bessere Diagnostik, die Entwicklung neuer Antibiotika und auch um die Frage gehen,
wie wir den nachlassenden Nutzen von Generika fair bewerten.

Also: Global und vor Ort handeln, das zeichnet uns aus. Der Antrag der Koalitionsfraktionen enthält
dafür wichtige Punkte. Er macht Tempo und mahnt, am Ball zu bleiben. Ich begrüße dies sehr und
freue mich auf die weiteren Beratungen.