Ansprache von Bundespräsident Dr. ...


Ansprache von Bundespräsident Dr. h. c. Joachim Gauck beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Korps am 8. Januar 2013 in Berlin:

Herr Nuntius, haben Sie vielen Dank für Ihre Worte zu Beginn! Sehr gerne erwidere ich Ihre Glückwünsche, die Sie im Namen des Diplomatischen Korps ausgesprochen haben. Viele von Ihnen habe ich vor einigen Monaten bei der Reise nach Sachsen kennengelernt. Ich erinnere mich gerne an die Besichtigungen, an die gemeinsame Zeit, die wir da verbracht haben, aber auch an den entspannten Teil auf dem Schiff bei – typisch deutsch – Kaffee und Kuchen. Auch unser heutiger Neujahrsempfang ist ein schönes, allerdings deutlich internationaleres Ritual. Und wir machen uns be- wusst, was uns dabei antreibt:

Diese Welt sehnt sich nach Frieden und Lebensperspektiven für alle Menschen. Die- se Welt sieht aber dauernd Kriege, Hunger und noch viel zu häufig einen Mangel an Entwicklungschancen, an menschlicher Freiheit und an Sicherheit. Sie alle wissen zudem, wie schwierig es ist, etwa die Auswirkungen des Klimawandels zu begren- zen. Sie wissen, wie wir darum ringen, die richtigen Lehren aus den Fehlern zu zie- hen, die zur weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise geführt haben.

Diese Welt gibt uns aber nicht nur Anlass zur Sorge, sondern auch Anlass zur Hoff- nung: Es gibt guten Willen und Mut und die Erkenntnis – und ich meine, sie wächst –, dass langfristig jene Nationen prosperieren, die mit anderen kooperieren und in de- nen die Menschen die Freiheit haben, ihre Fähigkeiten zum Guten zu entwickeln.

In diesem vielfältigen, teils etwas unübersichtlichen Bild, das sich uns hier bietet, wenn wir auf die Weltgemeinschaft schauen, sehe ich vor allem die guten Möglich-

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keiten unseres Zusammenlebens: eines respektvollen Umgangs miteinander im Be- wusstsein unserer Verschiedenheit und auch unserer oftmals divergierenden Inte- ressen – aber auch in dem Bewusstsein, dass wir im Dialog zueinander kommen können und dass es immer wieder einzelne Menschen sind, auf die es ankommt. Als Diplomaten stehen Sie Ihrem Staat oder Ihrer Organisation zur Verfügung, Sie die- nen diesen. In Ihre Tätigkeit bringen Sie Überzeugungen, Prägungen und Werte ein – und damit übernehmen Sie persönliche Verantwortung. Denn die Freiheit des er- wachsenen Menschen konkretisiert und erfüllt sich in dem, was er aus seinen Mög- lichkeiten macht: in seiner Verantwortung für andere Menschen und für unsere ge- meinsame Welt.

Ich glaube fest daran, dass jeder einzelne Mensch, wenn er dies beachtet, einen Un- terschied machen kann.

In den ersten Monaten meiner Amtszeit hatte ich bei meinen Auslandsreisen viele eindrucksvolle Begegnungen. Einige unter Ihnen haben mir geholfen, diese ersten Reisen zum Erfolg zu führen. Zwei Reisen ins europäische Ausland möchte ich stell- vertretend erwähnen. Ich denke an mein Zusammentreffen mit meinem polnischen Amtskollegen Bronisław Komorowski. Früher wurde er politisch verfolgt, weil er für Freiheit kämpfte. Jetzt ist er Präsident. Ich denke mit Dankbarkeit zurück an Königin Beatrix und die Niederländer, die – trotz des Leids, das Nazideutschland über ihr Land gebracht hat – den deutschen Bundespräsidenten eingeladen haben, am Tag ihrer Befreiung von deutscher Besatzung eine Rede zu halten.

Und vor allem weiß ich und erlebe immer wieder: Wir gestalten in Europa gemein- sam ein großes Projekt, an dem wir immer weiter arbeiten wollen. Ein Projekt, in dem die Völker nicht mehr gegeneinander aufgebracht werden, sondern in der gemein- samen Achtung der Menschenrechte vereint sind. Es ist doch einzigartig, dass wir uns von den Waffen unserer europäischen Nachbarn nicht bedroht fühlen und dass wir uns nicht vor der Stärke, sondern allenfalls vor der Schwäche unserer Nachbarn fürchten. Es lohnt sich, dass wir unsere Kraft dafür einsetzen, das Projekt Europa zu sichern und fortzuentwickeln und die jungen Leute dafür zu gewinnen.

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Kürzlich habe ich in Schloss Bellevue Kofi Annan, den langjährigen Generalsekretär der Vereinten Nationen, getroffen. Er hat die Herausforderungen, die vor uns als Weltgemeinschaft liegen, so zusammengefasst: Wir werden für uns selbst nur dau- erhafte Sicherheit erlangen, wenn wir auch anderen Sicherheit verschaffen. Wir er- halten unseren Wohlstand langfristig nur, wenn wir anderen die Chance bieten, an ihm teilzuhaben. Wir brauchen den Schutz der Menschenwürde durch Recht und Gesetz, eine Rechenschaftspflicht von Regierungen für nationale und internationale Taten, fair und demokratisch organisierte multilaterale Organisationen. Kurz gesagt: Wir tragen Verantwortung auch füreinander.

Vieles davon voranzubringen, das liegt im kommenden Jahr auch in Ihrer Hand. Die Erfolge des diplomatischen Geschäfts sind nicht immer gleich sichtbar, das wissen Sie, liebe Gäste, nur zu gut. Ein deutscher Botschafter meinte einmal: „Manchmal ist es schon ein Erfolg, wenn man miteinander Tee trinkt.“ Solange man im Gespräch bleibt, gibt es jedenfalls die Chance auf eine gemeinsame und friedliche Lösung. Er- freulich, wenn Ihre diplomatischen Anstrengungen dazu beitragen, Konflikte abzu- bauen, abzumildern und, wo immer möglich, Verständnis und Verständigung zu för- dern.

Die politischen Umbrüche in der arabischen Welt und anderswo zeigen, dass der Wunsch zahlreicher Menschen auf unserer Welt wächst, ihre Lebensbedingungen und ihre Gesellschaft mitzugestalten. Gerade die junge Generation setzt sich welt- weit für Freiheit, Würde und bessere Zukunftsperspektiven ein. Sie nutzt das Internet und andere Medien, um sich zu informieren und mit anderen zu vernetzen. Nehmen wir also diejenigen ernst, die sich nach mehr politischer und wirtschaftlicher Teilhabe sehnen! Forderungen werden nicht verschwinden, wenn ihre Artikulation unterdrückt wird!

Die Erfahrungen Mittelosteuropas haben mich gelehrt, dass Wandel möglich ist, wenn viele Menschen ihre Rolle als Bürger annehmen. Den Mut, notwendige Verän- derungen zu gestalten und Verantwortung füreinander zu übernehmen, wünsche ich uns allen auch in der weltweiten Politik!

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Viele von Ihnen werde ich im Laufe der nächsten Monate wiedersehen. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen allen und auf die Gespräche jetzt gleich im Anschluss.

Ich zähle auch weiterhin auf Ihre Unterstützung bei meinen Reisen. Sie leisten hier in Deutschland eine wichtige und von unserem Land geschätzte Aufgabe.

Gemeinsam mit Ihren Staaten und Organisationen will ich und wollen wir Deutsche dazu beitragen, dass der Wunsch nach einem freien und friedlichen Leben, der Wunsch nach menschlichem Miteinander und gegenseitigem Respekt, wahr wird.

Ich wünsche Ihnen, Ihren Familien und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Ih- ren Vertretungen ein glückliches und friedliches Jahr 2013. Alles Gute!

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