Armut als statistisches Konstrukt

"Die Situation der Armen war nie besser als in den Zeiten des freien Marktes. Wenn man aber erst mal damit anfängt, die zehn Prozent der Bevölkerung mit dem jeweils niedrigsten Einkommen 'die Armen' zu nennen, dann wird es immer Arme geben, weil einige immer diese zehn Prozent sein müssen. Jede Handlungsweise der Regierung aber, die sich dauerhaft als direktes Ziel die Wohlfahrt der Armen vornimmt, muß letztlich zur Zerstörung des Marktes führen und damit zur Zerstörung des Wachstums des Gesamteinkommens, von welchem die Hoffnungen der Armen wirklich abhängen." Friedrich von Hayek

Absolute und relative Armut

Für den klassischen Liberalismus ist Armut ein Mangel an Nahrung, Kleidung, Obdach und anderen materiellen Gütern, die für eine Aufrechterhaltung der physischen Existenz des Menschen notwendig sind. Die Art und Menge dieser Güter lassen sich mit naturwissenschaftlichen Methoden feststellen und sind daher dem politischen Streit entzogen, der immer zu willkürlichen Entscheidungen führen würde. Der Staat hat die humanitäre Verpflichtung, seinen Bürgern das physiologisch definierte Existenzminimum im Notfall zu sichern.

Die Definition der Armut als einer absoluten Größe widerspricht den Interessen der politischen Klasse, die möglichst viele Arme benötigt, um ihre riesige Sozialbürokratie zu beschäftigen. Aus diesem Grund bevorzugen die Politiker einen Armutsbegriff, der nach Belieben manipuliert werden kann und deshalb so viele "Arme" liefert, wie man politisch gerade braucht. Die Armut ist nach offizieller Auffassung relativ zu einer Bezugsgröße zu definieren, die willkürlich festgelegt wird.

Als arm gilt danach, wer im Vergleich zu einem "mittleren Einkommen" erheblich "weniger verdient". Diese Begriffe kann man nun, je nach politischer Bedürfnislage, ganz unterschiedlich definieren:

  1. Das Durchschnittseinkommen kann entweder als arithmetisches Mittel oder als Median (wodurch extrem hohe oder niedrige Einkommen weniger Gewicht haben) berechnet werden.
  2. Als Armutsgrenze gelten entweder 50% (WHO) oder 60% (EU) des Durchschnittseinkommens.
  3. Bei der Berechnung von Haushaltseinkommen lassen sich unterschiedliche Verfahren anwenden. Die "Faktorierung" von Haushaltsmitgliedern ist notwendig, da je nach Haushaltsgröße ein unterschiedliches Einkommen pro Kopf erforderlich ist, um den gleichen Lebensstandard zu erreichen. Beispiel: ein Zweipersonenhaushalt braucht nicht das doppelte Einkommen eines Einpersonenhaushalts, um das gleiche Versorgungsniveau zu erreichen. Um diesen Sachverhalt zu berücksichtigen, werden Äquivalenzgewichte für verschiedene Haushaltsgrößen festgelegt. Je nach benutzter Äquivalenzskala ergeben sich unterschiedliche Äquivalenzeinkommen.

In Deutschland lag nach der Definition der Europäischen Union (60% des mittleren Einkommens) die Armutsgrenze im Jahr 2003 bei einem Einkommen von 938 Euro pro Monat. 17% der Deutschen haben ein geringeres Einkommen und sind deshalb nach offizieller Ansicht als arm zu betrachten.

Der relative Armutsbegriff liefert Ergebnisse, die zu einer völlig falschen Einschätzung der sozialen Lage führen. Die relative Armut nimmt zu, wenn einige sehr Reiche zuziehen, sonst aber alles gleich bleibt. Umgekehrt nimmt die relative Armut ab, wenn einige Reiche einen Vermögensverlust erleiden oder einfach wegziehen. Beispiel für Niedersachsen: wenn die 17 reichsten Bürger das Bundesland verlassen würden, hätte Niedersachsen 100.000 Arme weniger.

Der Begriff der relativen Armut führt nicht nur zu irreführenden Ergebnissen, sondern er ist selbst irreführend, denn er sagt nichts über die tatsächliche Armut aus, sondern ist in Wahrheit ein Indikator für die ökonomische Ungleichheit in der Gesellschaft. Es ist unredlich, die Begriffe Armut und Ungleichheit miteinander zu vermengen. Wenn sich unsere Einkommen verdoppeln oder verdreifachen sollten, sind dann diejenigen, die 60% des erhöhten Durchschnittseinkommens verdienen, immer noch als arm zu bezeichnen?

Der relative Armutsbegriff liefert zwar unsinnige Ergebnisse, aber er hat den unschätzbaren Vorteil, daß es bei seiner Anwendung immer Arme geben wird. Für die politische Klasse darf es keine Lösung des Armutsproblems geben. Sie benötigt zu ihrer Rechtfertigung eine ewige soziale Frage.

Die Ursachen der Armut

Die offizielle Armutsstatistik sagt nichts über die wahre Armut aus, wohl aber über die Verteilung der Einkommen. Warum verdient ein Sechstel der Bevölkerung erheblich weniger als der Durchschnitt? Betrachten wir jene Gruppen näher, die zu den Armen gezählt werden.

Den größten Anteil an den relativ Armen haben mit 35% die ledigen und geschiedenen Mütter, die von den Vätern ihrer Kinder nicht genügend unterstützt werden. An dieser mißlichen Situation haben Dritte keine Schuld. Es handelt sich hierbei um ein rein privates Problem, für das ausschließlich die beiden Elternteile die Verantwortung tragen.

Eine weitere große Gruppe der Armen stellen die Drogensüchtigen dar. Wen soll man für die negativen Folgen von Alkoholmißbrauch oder Drogenkonsum verantwortlich machen, wenn nicht die Süchtigen selbst?

Langzeitarbeitslosigkeit führt häufig zu Armut. Viele Arbeitslose aus dieser Kategorie haben einen schlechten Bildungsstand. Wenn jemand keinen Schulabschluß oder keine abgeschlossene Berufsausbildung vorzuweisen hat, kann man die Schuld dafür nicht den Schulen zuschreiben. Wir haben zwar kein Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des staatlichen Schulwesens, aber es wäre völlig falsch, das Schulversagen einer kleinen Minderheit von Schülern mit dem Versagen der Lehrer erklären zu wollen. Der Lernerfolg ist zum überwiegenden Teil von der angeborenen Begabung des Schülers abhängig.

Die PISA-Studie hat ergeben, daß ein Fünftel der Fünfzehnjährigen einfache Texte gerade noch buchstabieren kann, aber deren Sinn nicht versteht. Es ist anzunehmen, daß in den älteren Generationen eine derartige Leseschwäche nicht weniger verbreitet ist. Wieviele aus dieser Gruppe befinden sich unter den Arbeitslosen und den Armen?

Empirische Untersuchungen weisen darauf hin, daß bei vielen Angehörigen der oben genannten Gruppen ein Mangel an kognitiven Fähigkeiten anzutreffen ist. Nach heutigem Kenntnisstand scheint dieses Defizit überwiegend durch Erbanlagen verursacht zu sein. Der Markt ist nicht für die Armut verantwortlich. Seine Einkommensverteilung ist nur ein Spiegel der naturgegebenen Ungleichheit der Menschen. Die Ursachen der Armut sind in der menschlichen Natur zu finden, auf die der Mensch kaum Einfluß hat.

"Die Menschen wirklich gleich zu machen, reicht alle menschliche Kraft nicht aus ... Es geht über menschliche Kraft hinaus, einen Neger weiß zu machen. Aber man kann dem Neger dieselben Rechte verleihen wie dem Weißen und ihm damit die Möglichkeit bieten, bei gleichen Leistungen auch dasselbe zu erreichen." Ludwig von Mises

Die Politik der Gleichheit

Der Begriff der relativen Armut setzt der Kreativität der Politiker und ihrer Verbündeten in der Sozialindustrie keine Grenzen. Ein Beispiel dafür ist die oft beklagte Kinderarmut.

  • Im Jahr 2003 lebten in Deutschland 1,08 Millionen Kinder in Haushalten, die Sozialhilfe bezogen.
  • Nur ein Jahr später, zur Jahreswende 2004/2005, stieg diese Zahl auf 1,45 Millionen.
  • Die offizielle Armutsstatistik weist für 2006 insgesamt 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche auf, die in relativ armen Haushalten leben.

Diese wundersame Vermehrung der Kinderarmut erfolgte nicht, weil Deutschland in dieser Zeit von Naturkatastrophen oder Kriegen heimgesucht worden wäre, sondern nur, weil die Politiker die Armutsdefinitionen geändert haben. Das führt zu einer Ausweitung der staatlichen Sozialleistungen. Der Zuwachs an relativer Kinderarmut bedeutet, daß mehr Personen Hilfe erhalten bzw. die vorhandene Hilfe erhöht wird. Das sollte die Armut lindern, aber die Sozialisten machen aus der Ausweitung des Sozialstaates eine Anklage gegen den Kapitalismus. Mehr Sozialhilfe bedeutet demnach, daß es mehr Arme gibt. Je höher die Hilfe, desto größer die Armut, die beklagt werden muß. Die selbstdefinierte Armut liefert das Entrüstungspotential, das für die antikapitalistische Agitation erforderlich ist.

Die Sozialausgaben je Einwohner haben sich seit 1970 mehr als verdoppelt. Ein Drittel des Staatshaushalts wird für soziale Zwecke ausgegeben. Eine relativ arme Familie mit 2 Kindern bezieht circa 1.500 Euro an Sozialhilfe pro Monat. Das ist ungefähr das Vierfache des Monatsnettolohns eines Industriearbeiters in Polen oder Tschechien. Trotzdem zeigt sich die sozialistische Armutspropaganda niemals zufrieden.

"Sind alle gesellschaftlichen Bedingungen ungleich, so verletzt keine noch so große Ungleichheit den Blick des Betrachters; inmitten allseitiger Gleichförmigkeit dagegen wirkt die kleinste Verschiedenheit anstößig; der Anblick wird um so unerträglicher, je weiter die Gleichförmigkeit fortgeschritten ist. Es ist daher ganz natürlich, daß die Gleichheitsliebe zusammen mit der Gleichheit wächst; man nährt sie, indem man sie befriedigt." Alexis de Tocqueville

Zu den Allerärmsten zählen die Obdachlosen. Diese Bezeichnung läßt vermuten, daß die Betroffenen aus wirtschaftlicher Not ohne Obdach sind, d. h. im Freien übernachten müssen. Aber diese Begriffswahl ist irreführend, denn in Deutschland ist niemand gezwungen, ohne Obdach zu leben. Wer im Freien übernachtet, tut dies, weil er es möchte, nicht weil er es muß. Jedem Wohnungslosen wird vom Sozialamt eine Unterkunft zur Verfügung gestellt, wenn er dies wünscht. Wer keinen festen Wohnsitz hat, weil er das nicht will, erhält in seinem Personalausweis den Zusatz "nicht sesshaft". Dieser Eintrag berechtigt ihn, in jedem Ort Deutschlands um 11 Uhr seinen Sozialhilferegelsatz von circa 10 Euro pro Tag abzuholen. Die feste Abgabeuhrzeit soll verhindern, daß der Regelsatz mehrmals an verschiedenen Orten abgeholt wird. An jedem Freitag wird der dreifache Regelsatz für das Wochenende ausgezahlt. Außerdem gibt es in vielen Orten kostenlose Essensausgaben.

Ein deutscher Obdachloser bezieht staatliche Sozialhilfezahlungen von circa 300 Euro pro Monat. Damit hat er ein Geldeinkommen, das höher ist als das Arbeitseinkommen eines ledigen Industriearbeiters in Ungarn, der einen Monatsnettolohn von 202 Euro bezieht, oder eines Arbeiters in der Slowakei, der 214 Euro pro Monat durch seine Arbeit verdient. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Arbeiter in den neuen Beitrittsländern der EU aus ihrem Arbeitsverdienst ihren gesamten Lebensunterhalt bestreiten müssen, während der deutsche Obdachlose Unterkunft, Kleidung, medizinische Versorgung, und oft auch Nahrung, kostenlos erhält.

Für agitatorische Zwecke empfiehlt es sich, die Zahl der Armen möglichst hoch anzusetzen. Die Behauptung, daß ein Drittel der Bevölkerung arm sei, macht immer Eindruck. Dieses Propagandaziel ist einfach zu erreichen, denn man muß nur jenes Einkommen festlegen, das die gewünschte Grenzziehung vollzieht. Wenn man als Armutsgrenze 75% des Durchschnittseinkommens wählt, ergibt sich folgende Einkommensverteilung in Deutschland:

  • ein Drittel der Bevölkerung verfügt über weniger als 75% des Durchschnittseinkommens;
  • die Hälfte bezieht ein Einkommen zwischen 75% und 125% des Durchschnittseinkommens;
  • nur ein Sechstel der Deutschen hat ein Einkommen, das über 125% des Durchschnitts liegt.

Diese Zwei-Drittel-Gesellschaft der Wohlhabenden und Reichen wird von der politischen Klasse und den Kirchen beklagt, denn sie grenzt angeblich ein Drittel der Bevölkerung von der gesellschaftlichen Teilhabe aus. Die vorgefundene Einkommensverteilung hat aber zwei Seiten: die Empfänger und die Geber der Zahlungen.

Wir haben tatsächlich eine Zwei-Drittel-Gesellschaft, aber sie ist ganz anders strukturiert, als die Sozialisten behaupten. In ihr leben zwei Drittel der Bevölkerung von der Leistung des restlichen Drittels. Nur noch ein Drittel der Erwachsenen gehört dem produktiven Sektor an und erwirtschaftet jene Mittel, von denen alle anderen leben. Dieses Drittel finanziert mit seinen Steuern und Sozialbeiträgen den Sozialstaat, von dem bereits 41% der Deutschen den überwiegenden Anteil ihres Einkommens beziehen. Die Demokratie sorgt dafür, daß sich an dieser sozialen Spaltung nichts ändern wird. Die profitierende Mehrheit wird eher für die Ausweitung der Sozialtransfers stimmen, während die zahlende Minderheit keine Chance der politischen Gegenwehr hat.

Die egalisierende Zwei-Drittel-Gesellschaft kann allerdings nicht ewig währen, denn das tributpflichtige Drittel wird nicht ewig seine Last tragen. Viele Leistungsträger entziehen sich durch äußere und innere Emigration ihrer Ausbeutung. Der gleichmacherischen Zwei-Drittel-Gesellschaft droht das Schicksal des real existierenden Sozialismus, der an einer gesellschaftlichen Implosion starb.

"Die Lehre von der Gleichheit! Aber es gibt gar kein giftigeres Gift: denn sie scheint von der Gerechtigkeit selbst gepredigt, während sie das Ende der Gerechtigkeit ist. 'Den Gleichen Gleiches, den Ungleichen Ungleiches' - das wäre die wahre Rede der Gerechtigkeit: und, was daraus folgt, 'Ungleiches niemals gleich machen'." Friedrich Nietzsche