Reisebericht

Mallorca - Zwei traumhafte Tage. Auf den Spuren von Frédéric Chopin...

Frédéric Chopin besuchte 1838 Mallorca – und war auf den zweiten Blick fasziniert von der Insel. Die Insel bietet landschaftlich und von den Ausflugszielen her für jeden Geschmack die Erfüllung.

Auf den Spuren Chopins

Wie damals der Komponist nähere ich mich dem winterlichen Mallorca auf dem Seeweg. Frédéric Chopin, hatte sich zum Einbruch des Winters mit seiner Geliebten George Sand nach Mallorca abgesetzt, um Ruhe und neue Kraft zu finden. Ahnungslos und neugierig. War die Insel 1838 touristisch noch unerforscht, habe ich natürlich über Mallorca schon viel gehört und gesehen: Blühende Berglandschaften, Palmas pulsierendes Stadtleben und zauberhafte Strände. Völlig uninformiert dagegen suchen der Komponist und seine Muse das Sommerparadies, um Chopins Lungentuberkulose zu kurieren – und finden neben bezaubernden Stränden und Bergen auch nass-kaltes Klima in einem, so Chopin in den Aufzeichnungen seiner Gefährtin, "ungehobelten, rauen und gastunfreundlichen Landstrich".

Nun, auch ich werfe alles, was ich über die Insel weiß, über Bord und beschließe, sie völlig frei von alten Eindrücken, neu zu entdecken. Aus einem anderen Blickwinkel den Charme, die Kleinigkeiten zu finden. Die schönsten, interessantesten und skurrilsten Momente finden Sie hier – als meine Anregung für einen unvergesslichen Kurztripp auf die große Balearen-Dame.

Als ich Palmas Hafen erreiche, empfängt sie mich genauso wie damals das prominente Paar, die heute gelblich-orange angestrahlte Kathedrale von Palma. Mitten in dem Gassengewirr von Palmas Altstadt, dem Llotja-Viertel, sammele ich meine ersten Eindrücke und stelle schnell fest: Hier ist spanisches Leben! Kleine, verwinkelte Straßen, schummerig ausgeleuchtet, schnuckelige Altbauten mit Wäscheleinen und Antennensalat. Ein Geruch von Kaminfeuer, gebratenem Fisch – und auch hier und da vom Putzwasser in der Nase, mit dem die schließenden Geschäfte gereinigt werden. Dasgehört einfach dazu … Gemütliche Restaurants und Kneipen mit freundlichen Mallorquinern und Inselbesuchern. Die Gesichter sind hier rot vom Kerzenschein, nicht von der Sangría der Touristenschuppen.

Herrscht heutzutage eher ein Überangebot an Hotels und Pensionen aller Kategorien, musste die Schriftstellerin George Sand in ihrem Klassiker "Ein Winter auf Mallorca" noch feststellen: "In einem Gebiet, das den großen Zivilisationen Europas so nahe lag, gab es keine einzige Unterkunft. ... das verstanden wir nicht." Als ich kurz darauf in einer der gemütlichen Pensionen einschlafe, besteht Palma auch den spanischen Abendgeräuschetest: Klappende Fensterläden, hier und da eine knatternde Vespa und in den Gassen hallendes "Buenas noches, hasta mañana!" Wo auch immer Sie sich für eine Unterkunft entscheiden: Fragen Sie nach einer Heizung auf dem Zimmer. Denn das ist – wie auch auf Ibiza – ebenfalls hier alles andere als selbstverständlich. Denn so sehr die Mandelblüte ab Ende Januar auch Frühling vorgaukelt, über Nacht kann es empfindlich kalt werden.
Genießen Sie die Tour. Sämtliche Informationen zu den Zielen und Stationen finden Sie anschließend in den Info-Kästen.

Der erste Tag beginnt mit der Besichtigung meines Willkommensgrußes von gestern, der Kathedrale. Seit 1601 ist das gotische Bauwerk der ganze Stolz der Mallorquiner. Mich faszinieren besonders die leuchtend bunten Glasfenster, die kreisrund aus den hohen Mauern luken. Deswegen auch der Name "La Seu", Insel des Lichts. Der katalanische Baumeister Antoni Gaudí versah den Hauptaltar mit einer schwebenden Tiara. Sie sieht auf den ersten Blick aus wie ein fliegender Teppich. Aber das ist eben Charakter und passt zu der orientalischen Vergangenheit Palmas, von der nur noch wenige Bauwerke erhalten sind. Verzaubert von dem Farbenrausch, bin ich am Ausgang der Kathedrale kurz versucht, den "Nelkenfrauen" zu verfallen. Die Frauen drehen einem die Blumen für einen Cent an. Während man nach Kleingeld sucht, versuchen sie, einen zu bestehlen.

Also, aufpassen! Zurück zu den Arabern, die bis ins 13. Jahrhundert die Insel regierten: Erinnerungen sind heute noch der Almudiana-Bogen (in der gleichnamigen Straße). Auf den Fundamenten des Almudiana-Palastes, gleich neben der Kathedrale, stand auch mal der Alcázar (arabisch: Burg) der arabischen Herrscher. In dem heutigen Museum und damaligen Sitz des militärischen Oberbefehlshabers wandelt man aber heute eher auf den Spuren der mallorquinischen Dynastie. Ein Hauch von Orient vermitteln noch die arabischen Bäder. Sie sind in einer Minute besichtigt, aber der hufeisenförmige arabische Eingang und die friedliche Stille und Stimmung in dem anschließenden Gärtchen, lohnen sich. Genau wie das Erkunden der umliegenden Straßen.

Übergangslos kommt man zum Geschäftebummel auf den angrenzenden Einkaufsstraßen. Und mein Tipp für die Ruheoase danach: In keinem Café in Palma kann man sich so faul in die roten Plüschsofa fallen lassen, durch die Spiegel die anderen Leute beobachten und dabei das wahrscheinlich beste Mandeleis Mallorcas löffeln wie im "Ca´n Joan de S´aigo". Und da es das Haus seit 1700 gibt, war Chopin bestimmt auch schon hier.

Was den Rest der Café- und Ausgehkultur betrifft, hat sich auf der Insel mittlerweile natürlich einiges getan: Zahlreiche Bars, Restaurants und Discos wetteifern auch in der Nebensaison um ihre Gäste. Im Winter hat die "Bar Bosch" für alle Frischluftfans am längsten ihre Stühle draußen stehen. Freunde von Live-Musik bleiben nach dem Essen eher in der gemütlicheren "Bar Barcelona" hängen. Wer exklusives sucht, findet dies am besten in Iletes oder Portal Nous, z.B. in dem neu eröffneten Club "Virtual" in einer Höhle mit angeschlossenem Restaurant. Die edlen Discos am Paseo Marítimo (z.B. Tito´s) muss man auch gesehen haben, um gesehen zu werden. Mein Abend gehört aber wieder der Altstadt. Nach einem Essen im "Sazón" bleibe ich in den Kneipen auf der "Plaça Drassana", wo ich die Seelenqualen eines einsamen Flamencosängers teile: "Oheijjiaa, como duele mi corazón...!"

Am nächsten Morgen nehme ich wieder die Spur Chopins auf, die mich zu dem ersten Fremdenzimmer in dem Kartäuserkloster von Valldemossa führt. Schon nach wenigen Kilometern im Mietwagen sieht nichts mehr nach Stadt aus: Olivenbäume, Berge und am Wegesrand Schafe. Dieser Tag beginnt mit zwei aufgeblasenen Wangen eines Glasbläsers von "Lafiore", der sich bei seinem traditionellen Handwerk gerne über die Schulter gucken lässt.

Am Ortseingang von Valldemossa ist ER dann und lächelt: Michael Douglas, der sich hier nieder gelassen hat. Von einem Poster macht er auf sein Restaurant und Kulturzentrum aufmerksam. Das ist allerdings ganz leer. Vielleicht, weil sich kaum jemand in einem 20-minütigen Film von einem Amerikaner Mallorca erklären lassen möchte. Ich bin sowieso auf der Suche nach Chopins Erbe. Das prominente Liebespaar hat dem verschlafenen Örtchen einiges "eingebrockt": Über 250.000 Besucher besichtigen jedes Jahr seine Kartause. Nicht, weil es sich bei diesem ehemaligen Kloster um ein so grandioses Bauwerk handelt, sondern wegen der tragisch-romantischen und gleichzeitig nach damaligen Maßstäben skandalösen Beziehung meiner beiden Protagonisten. Schließlich lebten sie unverheiratet zusammen.

Zu dieser Jahreszeit kann man hier recht allein seiner Fantasie nachhängen: Ich sehe die burschikose Französin in Hosen über den Klostervorplatz stiefeln, in der Hand das Frühstück für ihren kranken Frédéric. Typisch wären "Coca de Patatas" (süßes Gebäck), die man heute z.B. in der Bar "Los Tilos" zu sich nimmt. In der Klosterbehausung ist es feucht und kalt, aber die fürsorgliche George hat den Raum mit Fellen und Bildern liebevoll eingerichtet. Einerseits ist die Klosterzelle für sie "der romantischste Ort der Welt", auf der anderen Seite kann Chopin hier nicht genesen. Draußen rauscht ein mallorquinischer Winterregen nieder. Heftig, aber warm und maßvoll. Ich streiche ehrfürchtig über Chopins Klavier, wo die Besucher heute Rosen nieder legen. Ich stelle mir vor, wie Chopin an so einem Tag wie heute sein bekanntes "Regentropfen-Prélude" schreibt und seine Geliebte ganz in der Nähe über ihrem zweischneidigen Reisebericht brütet. So ist das Buch zugleich kritisch verzerrt (was die Bewohner der Insel betrifft) und bewundernd-schwärmend (was die Landschaft und die Behausung angeht).

Für die Mallorquiner ist das Paar schließlich außergewöhnlich – und sie bleiben auf Distanz. Vielleicht sind deswegen Straßen und Plätze eher nach einem anderen Schriftsteller benannt, dem Habsburger Erzherzog Ludwig Salvator. "Die Balearen" sind von ihm. In seinem Traum-Wohnsitz "Son Marroig" in Déia würden mir auch nettere Worte einfallen als in der Kartause: Von der Veranda hat man den wohl schönsten Blick auf das Meer. Eine Wanderung auf die vorgelagerte Insel "Foradada" entrückt einen komplett dem Alltag.

Bei der Weiterfahrt zum Kloster Lluc, mit einmaliger Kulisse des Tramuntana-Gebirges, bin ich dankbar für den kurzen Regenschauer. Weil hier oben jetzt alles nach Pinien, Salbei und Thymian duftet. Der Wallfahrtsort ist vor allem Ausgangspunkt für Wanderungen, z.B. zum Gipfel des "Puig de Massanella" (hier kann im Winter auch Schnee liegen) oder gut für ein Picknick auf dem Platz "Binifaldo" (besonders mit Kindern empfehlenswert).

Mich zieht es weiter zu einem der typisch mallorquinischen Doppelorte, die aus einem Hafen und einem etwas abseits gelegenen Stadtkern bestehen. Pollença schlägt für mich gleich zwei Rekorde. Den, der meisten Restaurants und den, der meisten Treppenstufen. Erst einmal bei einem klassisch mallorquinischen "Pa Amb Oli" (Graubrot mit Käse/Schinken, Oliven und Öl), z.B. im "Café de Cavari" an der "Plaça del Seglars" vorrüsten. Hier soll ��brigens Peter Maffay öfter mal relaxen. Heute nicht. Ein Tabaluga-Plakat ist wenigstens eine Fährte. Dann heißt es Bewegung: 365 Stufen Büßertreppe auf den Kalvarienberg hinauf. Oben angekommen, bereue ich zunächst wirklich. Vor allem, dass ich je die Idee hatte, die erste Stufe zu nehmen. Das Panorama entschädigt aber am Ende alles.

Wieder auf der Autobahn nach Palma, bei lange nicht mehr gefahrenen 120 km/h, werde ich plötzlich mutig. Ich fahre in die Hölle. Die ist auf Mallorca an der "Cala Estancia", im so bezeichneten Café "El Infierno" Es ist allerdings nur der Name, der Unheil erahnen lässt und doch den Himmel tarnt: Nur Einheimische und ein traumhafter Blick auf den Hafen, die Füße im Wasser. Es gibt keinen besseren Ort, um den erlebnisreichen Tag entspannt ausklingen zu lassen.

Ich verabschiede mich am letzten Tag von Mallorca mit der klassischen Zugfahrt im Panoramaexpress "Roter Blitz" nach Sóller, mitten durch einen der schönsten fruchtbaren Täler der Insel. Auf der Hinfahrt genieße ich jeden bewachsenen Hügel, auf der Rückfahrt verfalle ich den einmaligen süßen Spezialitäten der Pastelerías von Sóller. Nur nicht vergessen, dass sich Mandelschokolade und Kokosmakronen im Magen für einige nicht gut mit dem Rütteln und Zockeln des Zuges vertragen!

Beim Verlassen von Mallorca denke ich ein letztes Mal an meinen Wegbegleiter Chopin, der trotz schlechterer Bedingungen auch seine Liebe zu Mallorca entdeckt hatte, aber die Insel leider ohne Linderung verlassen musste. Er wurde nicht mehr gesund – und starb 1849 in Paris. Die strapaziöse Überfahrt nach Barcelona kostete ihn sogar fast schon vorher das Leben. Ich dagegen habe ein wunderschönes Wochenende hier verbracht, voller Leben und wunderschöner Momente. Und viele Vorurteile über unsere große Schwesterinsel bleiben da, wo ich sie vor meiner Ankunft hin befördert habe: Über Bord.

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